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Periodical volume 25. Dezember 1897, No. 52

Full text: Der Bär Issue 23.1897

Hans Wilhelm konnte stolz auf seinen Erstgeborenen sein, 
und er war es auch. 
Die beiden Gendarmes-Offiziere waren erheblich älter 
als Karl Aegidius und hallen anscheinend auch schon mehr 
vom Leben genossen. 
Der ältere war ein Rittmeister von Rochow, der jüngere 
Lieutenant Graf Milliz. 
Sie hatten ein paar Flaschen Wein vor sich stehen und 
nippten von Zeit zu Zeit an dem Glase, bald die Vorüber 
gehenden musternd, bald die Tagesereignisse besprechend. 
„Waren Sie gestern bei dem Dejeuner im Tiergarten, 
Rochow?" fragte Miltiz. 
„Leider!" erwiderte Rochow. „Ist nicht mein Fall. 
Wenn der gute Wein nicht gewesen wäre, wahrhaftig, ich 
wäre ausgerückt. Ich bin kein Frelmd von dieser schwärmerisch 
ästhetischen, verrückten Gesellschaft. Ich lobe mir etwas 
Substantielleres." 
„Ich dächte doch, es wäre ganz hübsch gewesen," warf 
Karl Aegidius ein. „Diese Menge schöner und eleganter 
Damen, die leichten und doch graziösen Bewegungen, als wir 
auf dem Rasen tanzten, waren doch entzückend!" 
„Ja, in Ihren Augen! Sie find auch das enfant gäte 
von allem, was einen Unterrock trägt. Aber diese Ziererei, 
dies Augenverdrehen, dies Fächerschlagen ist mir in den Tod 
zuwider. Da tummle ich lieber mein Roß auf öder Heide, 
setze über Hecken und Gräben, oder, wenn es doch einmal 
Frauenzimmer sein sollen, schäkere mit der kleinen Lila, der 
Ballerina; da liegt doch eher Verstand drin." 
„Sie find ein unverbesserlicher Cyniker. Rochow." ent- 
gegnete Milliz. „Sie find doch auch einmal jung gewesen." 
„Tempora mutantur. Das Beste war jedenfalls das 
gute Essen hinterher. Alle Hochachtung! Der Koch der Gräfin 
Schönburg versteht's." 
„Passen Sie auf, meine Herren!" rief Milliz. „Dort 
kommt die Dönhoff!" 
Alle traten ans Fenster. Mit vier prächtigen Rappen 
in fitberbeschlagenem Geschirr bespannt, kam die mit Gold 
und Schnitzwerk überladene Slaatskutsche der Gräfin Dönhoff 
über das holperige Pflaster angerumpelt. Neben dem Kutscher 
saß ein Mohr mit rotem Turban und rotseidener Bluse. 
Hintenauf standen zwei Bediente, welche fich an starken Leder 
riemen im Gleichgewicht hielten, und auf jedem Trittbrett 
stand noch ein Lakai, den Wagenschlag zu öffnen. 
Die tiefe Verneigung der drei Offiziere beachtete die 
stolze Dame gar nicht. 
„Ich glaube, die ist mit dem König vollständig ausein 
ander," sagte Miltiz. 
„Die hat ausgespielt, verlassen Sie fich darauf!" er 
widerte Rochow. 
„Stolz genug scheint sie zu sein, um fich nicht länger 
dem Zwange zu fügen," setzte Karl hinzu. 
„Ach was!" polterte Rochow. „Wenn die Weiber das 
Regiment haben wollen, das taugt den Teufel nicht! Warum 
konnte sie sich nicht mil der Rolle, die ihr angewiesen war, 
bescheiden? Da werden die tiefen Bücklinge bald auch etwas 
knapper ausfallen!" 
„Und die Rietz bekommt wieder Oberwasser!" 
„Das hat sie eigentlich immer gehabt," erklärte Miltiz. 
„Dieser schlaue Fuchs mischt fich nicht in Staatsangelegen 
heiten. Das hindert aber nicht, daß sie sonst den größten 
Einfluß hat. Wer etwas erreichen will, kann es doch nur 
durch die Rietz oder ihren sogenannten Mann. den neuer-, 
nannten Tresorier." 
„Man erzählt fich," flüsterte Rochow. „daß dieser hohe 
Staatsbeamte eben so ruhig Stockschläge wie Ohrfeigen von 
seinem Herrn hinnimmt, wenn dieser übler Laune ist." 
Da öffnete sich die Thür des Zimmers, und herein 
hüpfte ein Männchen mit faltenreichem, lächelndem Gesicht, 
übertrieben neumodisch gekleidet. 
„Ah vous voilä, Messieurs! Bien charme de vous 
voir!“ krähte er mit dünner Stimme: „Ist erlaubt, zu fitzen 
mit an Ihre Tisch?" 
„Kommen Sie nur. Herr Marquis! Es ist Platz genug 
für vier," sagte Rochow gutmütig. 
Der mit Herr Marquis Angeredete setzte fich. nachdem 
er zuvor jedem der drei eine tiefe Verbeugung gemacht hatte. * 
wobei er mit seinem winzigen Galanteriedegen, der gleich 
wohl weit nach hinten hinausragte, überall anstieß. Er be 
bestellte sich eine Tasse Kaffee und einen Cognak und fragte 
dann den Grafen: 
„Wo waren Monsieur ie comte gestern, als die schöne 
Fest a eu lieu, da drauß' in — in —" 
„Im Tiergarten? — Ich hatte Dienst." 
„O, Messieurs ies prussiens oben immer Dienst! Und 
Mademoiselle 1a baronne de Lucken üben geseufzen so 
viel nach Monsieur." 
„Erst kommt des Königs Dienst und dann das Vergnügen." 
„Da ist gewesen Monsieur de Krummensee viel flinker, 
der oben gemakl die kleine Oorntesse de 8cimienbourk ganz 
amoureux in sich." 
„Ja der! Dem laufen alle Mädels nach!" brummte 
Rochow. „Den schönen Charles nennen sie ihn." 
„Ich thue doch wahrlich wenig genug, um mir die Gunst 
der Damen zu erwerben." erwiderte Karl Aegidius. 
Ein kleines, ärmlich gekleidetes Mädchen trat herein, um 
die ersten Veilchensträußchen feil zu bieten. Jeder der Herren 
kaufte eins, mehr aus Mitleid, als aus Bedürfnis, und legte 
es vor fich auf den Tisch. 
„Aben die Messieurs nix vernommen, ob die deutschen 
Armeen bald einrücken werden, zu schützen unser arme Könik 
und zurückzuführen uns arme emigres in la belle France?" 
„Donnerwetter!" polierte Rochow los. „Warum habt 
Ihr Euren König nicht selbst geschützt? Was ist das für 
eine Armee, wo selbst die Garden, des Königs Leibwache, 
mit den Aufrührern gemeinschaftliche Sache machen! Und auch 
Ihr Adeligen, die Ihr Euch die Stützen des Thrones nennt, 
lauft feige davon und verkriecht Euch ins Ausland!" 
„O. Monsieur find sehr — sehr efftik; ick abe nick wollen 
sagen etwas Böses." 
„Nun, Scherz beiseite, Herr Marquis." warf fich Karl 
Aegidius ins Mittel, „bei uns wäre so etwas undenkbar! 
Der Herr Rittmeister hat recht. Erst müßte der letzte Mann 
der Armee gestürzt und der letzte Edelmann sein Leben gelassen 
haben, ehe dem Könige Gewalt angethan werden könnte. 
Wir stehen und fallen mit unsern Hohenzollern!" 
Da wurde die Thür von neuem hastig aufgerissen, und 
ein riesiger Kürasfier-Offizier stürzte herein, den Pallasch 
klirrend nach fich schleppend.
        
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