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Periodical volume 17. Februar 1894, Nr. 7

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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waldsen, vor allem aber auch eine Aeußerung des von den 
Eltern ererbten Schönheitssinnes. 
Der Frühling des Jahres 1810 brachte eine Reise nach 
Unter-Italien. Die Kinder wurden von Frau von Humboldt 
überall mitgenommen und lernten Neapel. Salerno. Bajä, 
Pästum. Herculanum, Pompeji und Sorrent kennen; ja sogar 
der Vesuv wurde bestiegen, wobei, wie die Mutter schreibt, „die 
kleinen Mädchen wie die Mäuse liefen." 
So waren Adelheid und Gabriele auf dem besten Wege, 
Italienerinnen zu werden. Die Eltern dachten längst daran, 
ihre kleinen Lieblinge dem Deutschtum zuzuführen, dem sie 
selbst so mit allen Fasern des Lebens angehörten. Diese 
Möglichkeit wurde ihnen durch die Ernennung Wilhelm von 
Humboldts zum preußischen Gesandten in Wien gegeben. 
Am 21. Oktober 1810 fand sich dort nach zweijähriger Trennung 
die gesamte Familie Humboldt wieder zusammen. In Wien 
begann nun die Erziehung der kleinen Italienerinnen auf völlig 
deutscher Grundlage, und deutsches Denken und Fühlen wurde 
in ihnen wachgerufen. Die Mädchen mußten sehr fleißig 
lernen, und die Gründlichkeit, mit der sie ihre Studien trieben, 
erhellt daraus, daß auch das Griechische zu denselben gehörte, 
wie denn auch Frau von Humboldt und die älteste Tochter 
Caroline den Homer und die anderen griechischen Klassiker mit 
Genuß lasen. Mit Begeisterung wandten sich die beiden 
Mädchen, nachdem sie die deutsche Sprache beherrschten, den 
Meisterwerken von Schiller und Goethe zu. Von den Dramen 
der letzteren wußten sie ganze Szenen auswendig. Viel ver 
kehrte damals Theodor Körner in dem Humboldtschen 
Hause, der über die kleinen graziösen Mädchen geradezu ent 
zückt waren. 
Er schrieb für sie seinen ersten dramatischen Versuch 
„Donaunymphe und Tibernymphe", den die beiden Mädchen 
zum Geburtstage des Vaters aufführten, Gabriele schreibt 
darüber an den letzteren: „Lieber Vater! Montag haben wir 
deinen Geburtstag freudig gefeiert. Nämlich Adel und ich 
haben eine Komödie gespielt, von Körner gemacht. Adelheid 
war die Donaunymphe und ich die Tibernymphe. Die Donau 
nymphe fingt ein kleines Liedchen mit der Guitarre, dann 
sagt sie einen Monolog, und dann komme ich von Italien und 
bedaure, daß du nicht mehr da bist, und wir winden einen 
Kranz für dich. ..." 
Den letzten Rest italienischen Wesens spülte von den 
empfänglichen Kinderherzen die Begeisterung des großen 
Befreiungskampfes fort. Sie sahen ihren Freund Theodor 
Körner in den heiligen Krieg für die Sache des 
Vaterlandes ziehen und hörten, wie er für dasselbe blutete 
und starb. 
Die Mutter war ganz dazu angethan, in ihren Kindern 
Sinn und Verständnis für die Größe der Zeit zu erwecken. Voller 
Bitterkeit schrieb sie damals über die leichtsinnige Wiener 
Gesellschaft: „Ein Weltgericht wird gehalten, wie noch nie 
eins, und hier beschäftigen sich die Leute damit, sich Galakleider 
sticken zu lassen." 
Die Ereignisse der Jahre 1813 und 1814 entfernten 
Humboldt von Wien. Seine Frau verließ die ihr unsym 
pathische Stadt im Mai 1814 und trat mit den Kindern über 
Salzburg, Innsbruck, Bregenz, Zürich — längerer Aufenthalt 
wurde im Berner Oberland genommen — Bern und Lausanne 
die Reise nach Deutschland an. Humboldt war von dem Posten 
eines Gesandten in Wien abberufen worden, und so konnte sich 
Frau von Humboldt mit den Ihrigen nach Berlin wenden, wo sie 
am 2. November 1814 eintraf und unter den Linden eine 
Wohnung bezog. Es begann nun für die beiden Mädchen 
eine Zeit ernster Arbeit: Schleiermacher erteilte ihnen Religions 
unterricht, der sehr ernst genommen wurde, wie überhaupt 
jede Minute ausgenutzt wurde. „Des Morgens", schreibt die 
Mutter, „sind die kleinen Mädchen unerbittlich und nehmen 
keinen Besuch an, sie find immer im Nebenzimmer uud arbeiten. 
Es ist diese Lust an Beschäftigung und Eingezogenheit überhaupt 
ein sehr hübscher Zug an den Kindern. Sie freuen sich jedes 
mal, wenn wir einen Abend unter uns sind oder uns nur 
noch mir einem einzigen begnügen, wie Rauch z. B., der 
wie zur Familie gehört." 
In dieses Stillleben fiel die Verlobung und die Verhei 
ratung (24. April 1815) Adelheids von Humboldt mit 
August von Hedemann, dem Adjutanten des Prinzen 
Wilhelm. welcher die Mädchen in Wien kennen gelernt 
— zwei Ereignisse, die das Seelenleben Gabrielens aufs 
tiefste erschütterten. Den Neuvermählten waren nur fünf 
Wochen des Zusammenlebens beschieden, dann mußte Hede 
mann ins Feld ziehen und seine junge Frau bei ihrer 
Mutter lassen. 
Diese Trennung von der über alles geliebten Schwester 
Adelheid empfand Gabriele sehr schmerzlich; gleichzeitig vollzog 
sich in dem frühreifen Mädchen der Uebergang vom Kinde 
zur Jungfrau. Die Mutter schreibt über sie an den Vater: 
„Gabriele ist sehr lieblich gewesen in diesen Tagen, es geht 
sehr viel im Innern dieses holden Wesens vor. sie ist wie 
verloren in den Anblick von Augusts liebendem Ausdruck für 
Adelheid, und ich suche sie mehr und mehr an mich zu ziehen 
nnd ein wenig abzulenken von jener Betrachtung, denn es 
ruht eine Fülle tiefer Leidenschaftlichkeit in diesem wunderbaren 
Geschöpf, die mich selbst wie mit wehen Ahnungen übernimmt. 
Sie hat etwas Geheimnisvolles in den jugendlich blühenden 
Zügen, ein Jnfichgekehrtsein, und doch dabei eine fröhliche Be 
weglichkeit nach außen hin. Adelheid ist vielleicht schöner 
und wird wahrscheinlich immer den Vorzug einer ausgezeich 
neteren. höheren Gestalt behalten, allein Gabriele ist inniger 
und süßer, ihr Gesicht hat etwas unbeschreiblich Tiefes, Reizendes, 
Anziehendes, um sie weht es wie ein Geheimnis, das nur die 
Liebe vertrauen könnte. — Sie sinnt und trauert über die 
Trennung der Schwester. Ja. es macht ein Riß in ihr zartes 
Leben!" — 
Am 11. April 1816 wurde die so plötzlich zur Jungfrau 
gereifte Gabriele von Schleiermacher in der Dreifaltigkeits 
kirche eingesegnet und damit der erste Merkstein auf ihrem 
Lebenspfade errichtet. 
Bald nach der Konfirmation Gabrielens machte sich Frau 
von Humboldt auf den Weg nach Frankfurt am Main, um 
sich wieder mit ihrem Gatten, der in Paris einen Gesandten 
posten in Aussicht hatte, zu vereinigen. Hier in Frankfurt 
sollte sich nun auch Gabrielens Herzensgeschick entscheiden. 
Ihrem Vater war ein Herr von Bülow attachiert, für den 
der Vater eine große Vorliebe zeigte, welche nur zu bald auch 
auf die Tochter überging. „Ein sehr geweckter junger Mann, 
aus einer mecklenburgischen Adelsfamilie, 24 Jahre alt, groß, 
stark gebaut, mit echt mecklenburgischem Gesicht, kleinen, aber 
hübschen glänzenden Augen, einem Ausdruck von Festigkeit
        
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