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Periodical volume 17. Februar 1894, Nr. 7

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Mölln und Tiü Gulenspiegrl. 
Eine Wanderstudie von Gruft Friedet. 
(8. Fortsetzung). 
Die Form des Möllner Eulenspiegelsteins erinnert sehr 
an die sogen. Beischlag-Steine, namentlich an die sehr 
bekannten beiden großen, welche, wie Pylone, vor dem be 
rühmten Hause der Schiffergesellschaft zu Lübeck, Breite- 
Straße 797, emporragen. Dort stehen die beiden großen 
Steine jetzt mit der breiten Seite nach der Straße, während 
sie früher, den Beischlag bildend, wie Wächtersteine rechts und 
links neben dem Eingang des Schifferhauses mit der Schmal 
seite nach der Straße zu sich 
erhoben*). Auf solchen Bei 
schlägen find häufig religiöse 
Vorstellungen angebracht. 
Man könnte also wenigstens 
die Frage auswerfen: Ist 
der Eulenspiegelstein mcht 
eigentlich ein Beischlagstein? 
Andrerseits kommen noch 
jetzt, z. B. auf ostpreußischen 
Dorfkirchhöfen, senkrecht 
stehende Leichensteine vor. 
welche, wenn auch nicht so 
groß wie der Möllner 
Stein, doch eine ganz ähn 
liche Gestaltung besitzen. 
Daß übrigens letzterer Stein 
früher anders geschildert 
wird, kann bei der Flüch 
tigkeit, mit welcher selbst Ge 
lehrte in früheren Jahr 
hunderten in Büchern nicht 
selten abbildeten und be 
schrieben, nichtüberraschen**). 
Dührsen, a. a. O 4, 1, 
S. 25, bemerkt: „Zu be 
klagen ist es, daß der Grab 
stein des Till in einer ver- 
schloffenen, nur durch ein 
Trinkgeld zu öffnenden 
Nische im Turme steht. 
Dies alte Wahrzeichen 
Möllns, um dessetwillen unsere Stadt in der ganzen Welt 
bekannt ist, gehört auf den Kirchhof, an die Stelle, wo nach 
der Tradition unser Till „begraben steht", damit jeder, der 
*) Dergl. Beischläge und Beischlagsteine befanden sich früher wohl 
in sämtlichen norddeutschen Städten, z. B. in Rostock, Stralsund, 
Greifswald, Brandenburg, Berlin: sie schützten den Eingang, auch 
saß man gern neben ihnen auf Bänkchen bei schönem Wetter vor der Thür. 
Am Lübecker Rathaus, Haupteingang nach der Breiten Straße zu, 
befinden sich noch jetzt 2 Beischläge aus Messingplatten mit allegorischen 
Figuren. Bekannt, aber anders gestaltet sind die noch jetzt erhaltenen 
Beischläge in der Brotbäcker-Gafle zu Danzig. 
**) Daß Beischlagsteine Grabsteinen mitunter sehr ähnlich sein mögen, 
dafür spricht e«, wenn Deecke in seinen Lübischen Geschichten und 
Sagen Nr. 1S9 S. 377 bezüglich einer vom Scheintode wieder erwachten 
Frau mitteilt, daß zu deren Andenken der erfreute Ehemann vor seinem 
Hause zu Lübeck an der Wahm-Straße einen steinernen Beischlag errichten 
ließ mit dem Bilde seiner Frau im Leichentuch, wie dies noch vor wenig 
Jahren deutlich zu sehen gewesen. Vgl. auch Petersen: die Pferde- 
köpfe pp. S. 37. 
es sehen möchte, es ohne weiteres in Augenschein nehmen 
kann*)." 
„Das Volkbuch von Till Eulenspiegel (nach der 
ältesten Ausgabe von 1519 erneuert, mit Einleitung und An 
merkungen versehen von Karl Pannier", Leipzig 1892) er- 
zählt in der 87. Historie, wie E.. als er zu Mölln krank 
war, sich gegen den habsüchiigen Apotheker in gewohnter Weise 
gröblich verging, in den „Heiligen Geist" gebracht ward und 
seiner Mutter „ein süßes Wort zusprach". Die 88. Historie 
erzählt, wie er beichtete und Gottes Recht (das Abendmahl) 
nahm. In der 89. H. errichtet der Schalk sein Testament 
und bestraft den Beichtiger gar schlimm für seine Habgier. 
Ueberhaupt spielt er der 
Geistlichkeit wegen dieses 
Lasters und ihrer Unzüch 
tigkeit öfters schlimme 
Streiche, so daß uns die 
ungefähr demselben Zeitalter 
angehörige Stelle des Ber 
linischen Stadtbuchs in 
den Sinn kommt, welche, 
die Auffassung des Volks 
wiedergebend, also lautet: 
„Priester und Laien werden 
leider selten gut Freund. 
Das kommt von der Pfaffen 
Gierigkeit und Unkeusch 
heit; wenn die Unkeusch 
heit sie läßt, so haben sie in 
sich alle Gierigkeit. Den 
Gierigen haßt man sehr." 
Die 90. H. sagt, wie 
E. sein Gut in drei Teile 
vergabt, einen Teil seinen 
Freunden, einen Teil dem 
Rat zu Mölln, einen Teil 
dem Kirchherrn. Nachmals 
fand sich nur ein Stein 
in seiner Nachlaßkiste, und 
nun zankten sich die Erben, 
indem einer den anderen 
im Verdacht hatte, den 
Nachlaß vorweg entwendet zu 
haben. Bei der Beerdigung, 
an der die Beginen Möllns teilnahmen, ward der Totenbaum 
durch eine Sau mit ihren Ferkeln von der Totenbahre geworfen. 
Wir ersehen hieraus, wie die altgermanische Sitte des Ein 
sargens in Totenbäume, auch Stöcke genannt, d. h. in 
ausgehöhlte Baumstämme aus einem Stück (sogen. Ein 
bäume), an welchen die Leiche festgebunden wurde, noch 
um 1350 üblich war. Also nahmen die Beginen Eulenspiegel 
und trugen ihn verkehrt auf den Kirchhof, daß die Brust nach 
unten lag. Beim Einsenken riß der Strick am Fußende, so 
daß der Totenbaum in der Gruft richtig aufrecht zu stehen 
***) So wünschenswert dies vom Standpunkt der aktuellen geschicht 
lichen Wirkung sein mag, so fürchte ich, al» alter Praktiker, MuseumSver- 
walter und Mitglied de« AuSschusieS für den Schutz der volkstümlichen 
Denkmäler, doch, daß der Leichenstein freistehend recht bald beschmiert und 
beschädigt werden würde, selbst Strafandrohungen gegenüber; auch steht 
er immerhin nur wenige Schritte von dem vermeintlichen Grabe entfernt. 
Adelheid und Gabriele von Humboldt als Kinder. 1809. 
Nach dem Gemälde von Gottlieb Schick. (Original in Tegel).
        
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