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Periodical volume 17. Februar 1894, Nr. 7

Full text: Der Bär Issue 20.1894

—-s 79 B 
und die Gefahr zu übersehen, in welcher die Insassen des 
Wagens, die ihm fremd waren, in denen wir aber Graf Horn 
und seine Tochter Eva erkennen, noch immer schwebten. 
Er ritz den Schlag ans und bat dringend, auszusteigen. 
Eva senkte die Augen, und sie fühlte, datz eine glühende Röte 
ihre Wangen bedeckte, als sie dem jugendlichen Fremden ihre 
Hand reichte, die verräterisch in der seinen zitterte. Sie wußte 
nicht, wie ihr geschah. Wie oft halte sie beim Tanze oder 
bei sonstigen Vergnügungen den Herren ihre Hand entgegen 
gestreckt, ohne daß sie das geringste dabei empfunden; so 
manches Männerauge hatte schon bewundernd auf der holden 
Schönheit ihres Antlitzes geruht, aber keine Fiber in ihr hatte 
gezuckt; heute überkamen sie unter dem Blick dieses Mannes 
seltsame, nie gekannte Gefühle. 
Graf Horn sprang mit jugendlicher Leichtigkeit aus dem 
Wagen, ohne Viktors Hilfe anzunehmen. 
„Gott sei Dank, es war die höchste Zeit," sagte er, der 
von den seelischen Vorgängen in seiner nächsten Nähe keine 
Ahnung hatte. „Nun, mein Herr, setzen Sie aber auch Ihrer 
Güte die Krone auf. und führen Sie uns unter Dach und 
Fach, dann kann die ceremonielle Vorstellung beginnen, und 
auch meinen Dank werde ich Ihnen dann abstatten, wozu 
hier im Freien, bei dem strömenden Regen, nicht der rechte 
Ort ist." 
„Wollen die Herrschaften die Güte haben, mir in das 
Schloß zu folgen?" erwiderte Viktor. „Es steht zu Ihrer 
Verfügung." — „Mein Fräulein, darf ich bitten setzte?" 
er hinzu, Eva den Arm anbietend. 
Errötend, mit gesenkten Augen und klopfendem Herzen, 
legte diese ihren Arm in den seinen, und die drei schritten 
dem Schloß zu. nachdem Viktor den Befehl gegeben, für den 
verunglückten Kutscher und die Pferde Sorge zu tragen. In 
seine Zimmer konnte er die Fremden nicht führen, da eine 
Dame sein Gast war. Er geleitete sie daher in einen Salon 
und bat. Platz zu nehmen, nachdem er Erfrischungen bestellt 
hatte. 
Eva war ganz erschöpft, als sie Schloß Erlau betreten 
hatte, und überließ, nachdem sie sich in einen Sessel nieder- 
gelaffen, die Unterhaltung den Herren. 
Im Salon des Schlosses von Erlau standen sich zwei 
Männer gegenüber, die sich nie zuvor im Leben gesehen, und 
die doch sofort Sympathie und Interesse für einander 
empfanden. Niederlands Fluren nannte der eine seine Heimat, 
während die Wiege des anderen in Frankreichs leichtlebiger 
Hauptstadt gestanden. Den fürstlichen Freund halte der eine 
in Holland begraben, während der andere vor dem Zorn 
seines Königs geflohen war. So kreuzten sich beider Wege 
auf deutscher Erde, und zwischen ihnen stand ein schönes, 
lugendliches Weib. Ernste, hohe Manneswürde lag auf 
beider Antlitz. Hinter dem Aelieren lag eine Vergangenheit 
voll Kummer und Leid. Auch der Jüngere hatte Slürme 
durchkämpft, obgleich er von Graf Horns Jahren nur die 
Hälfte zählte, und auf seinem Herzen schien ein geheimes Leid 
zu lasten, das er nur angedeutet in dem schmerzlichen Aus 
ruf: „Nie werde ich ein geliebtes Weib in Deine Hallen 
führen, stolzes Schloß! Nie wird ein Erlau nach mir hier 
der Herr sein!" 
„Jetzt, mein Herr, sollen Sie auch erfahren, wen Sie 
großmütig aus Todesgefahr gerettet haben." begann Graf 
Horn das Gespräch. „Ich bin Graf Horn aus Haag, und 
jene da ist meine Tochter Eva. Wir sind wohl in Schloß 
Erlau? Nach der Beschreibung des Weges, den man uns 
gemacht, kann ich nicht zweifeln, daß dies das letzte Dorf vor 
Wesel ist. das man uns Erlau nannte." 
„Viktor von Erlau ist mein Name," antwortete Vlktor, 
sich verbeugend. „Sie sehen in mir den einzigen lebenden 
Repräsentanten der Familie." 
„Aber jetzt, nachdem wir den ceremoniellen Pflichten ge 
nügt und gegenseitig wiflen, wer wir find," fuhr Graf Horn 
fort, „gestatten Sie mir vor allen Dingen, Ihnen meinen 
herzlichsten, aufrichtigsten Dank zu sagen für meine und meiner 
Tochter Lebensrettung. Ich kann wohl nicht hoffen, dem 
Grafen von Erlau, der in Verhältnissen lebt, in denen er sich 
jeden Wunsch zu erfüllen vermag, je einen Dienst leisten zu 
können. Wenn aber in Ihrem Leben einmal ein Augenblick 
kommen sollte, wo Sie eines Freundes bedürfen, so denken 
Sie daran, daß Graf Horn zeitlebens Ihr Schuldner ist und 
mit Freuden die Gelegenheit ergreifen wird, Ihnen seine 
Dankbarkeit durch die That zu beweisen." 
„Sie schlagen zu hoch an. Herr Graf, was eine ganz 
natürliche, selbstverständliche Handlung von mir war," er- 
widerte Viktor. „Jeder Mann, der andere in Gefahr sieht, 
wäre zugesprungen, ohne sich zu besinnen." 
„Das ist ein echtes Manneswort, das den Wert Ihrer 
That noch erhöht." 
„Darf ich mir nun aber auch die Frage erlauben," er 
widerte Viktor, „was den niederländischen Grafen auf deutschen 
Boden führt?" 
„Der junge Kurfürst von Brandenburg, der die einzige 
Tochter des verstorbenen Erbstatthalters Friedrich Heinrich der 
Niederlande geheiratet hat, führt die junge Gattin in seine 
Heimat und hat Wesel erkoren, mit ihr die Flitterwochen da 
selbst zu verleben. Binnen kurzem werden die Herrschaften 
hier eintreffen. Der Hofstaat, zu dem auch wir gehören, 
meine Tochter und ich, ist vorangeschickt, um das Schloß zur 
Aufnahme des Fürstenpaares herzurichten. Wir nahmen uns, 
der Hitze wegen, auf der letzten Station einen offenen Wagen, 
während die übrigen im geschlossenen Reisewagen nachkommen. 
Solch große Gesellschaft kommt aber schwerer auf den Weg 
als zwei einzelne Menschen, und so werden sie wohl das 
Vorüberziehen des Wetters im letzten Rastort abgewartet haben." 
Noch eine Weile setzten die Herren ihr Gespräch fort, 
dessen Mittelpunkt Kurfürst Friedrich Wilhelm bildete, von 
dem Graf Horn nicht genug erzählen, Viktor nicht genug 
hören konnte. Erklärlicherweise fiel ihm bei diesen Er 
zählungen der lang vergessene Besuch des Herrn von Brandt 
ein. Er hatte sich damals nicht Menschenkenntnis genug zu 
getraut, um Herrn von Brandt als Intriganten sofort zu 
verdammen oder unbedingt zu glauben, daß die Feindschaft 
des jungen Kurfürsten gegen den Mann. der seines Vaters 
Vertrauen besessen und dessen Privatvermögen verwaltet hatte, 
eine völlig begründete sei. Sollte er doch Recht gehabt haben 
mit seinem Verdacht? Michael von Brandt war ihm damals 
so fremd entgegengetreten wie Graf Horn heute, und doch 
hatte er in unbewußter Antipathie dem einen mißtraut, während 
er in Sympathie und Verehrung dem anderen gegenüberstand. 
(Fortsetzung folgt.»
        
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