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Periodical volume 6. Januar 1894, Nr. 1

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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bahn ein unerwartetes Ende, denn in jener Schlacht ward 
ihm ein Fuß abgeschossen. Monate lag er auf dem Schmerzens 
lager, und es war lange zweifelhaft, ob die Kunst der damaligen 
Aerzte ihn am Leben erhalten werde, doch endlich siegte 
seine Lebenskraft. 
Nach fünfzehnjähriger Abwesenheit kehrte der Schloßherr 
von Erlau, dreiviertel Jahr nach seiner Verwundung, an 
einem warmen Augusttage im geschlossenen Wagen heim. 
Bei niemandem erregte seine Heimkehr Freude; der junge 
Herr war nie geliebt und im Laufe der Jahre von allen 
vergessen worden. Er that auch jetzt nichts, um sich die Liebe 
der Dorfbewohner zu erwerben, er blieb allen fremd, und 
alle blieben ihm gleichgiltig. Auch Marie und Lore waren 
ihm ein längst verhallter Klang in seinem Leben. Er besuchte 
den Kirchhof nicht, und er forschte nicht nach Kunde von 
seiner Schwester; er konnte sich kaum erinnern, je ein Gefühl 
von Liebe zu einem weiblichen Wesen empfunden zu haben. 
Das war alles versunken und vergessen in einem vierzehn 
jährigen tollen Kriegsleben. 
Zwar knüpfte Graf Mathias seine Bekanntschaften in 
Wesel wieder an und bat, ihn zu besuchen, da er nicht mehr 
nach der Stadt kommen könne. Aus den Kumpanen seiner 
einstigen Vergnügungen waren mittlerweile solide Männer ge 
worden, sie folgten seiner Einladung und brachten auch 
Freunde mir, da jeder Besuch in Schloß Erlau gern gesehen 
wurde; dennoch verfloß sein Leben eintönig und still, in 
ruhigem, regelmäßigem Gang. 
(Fortsetzung folgt.) 
Treuenbrietzen. 
Von M. V. Krictiftoltz. 
(Mit Abbildungen). 
Wenn man von Wittenberg am Schloß-Thor die nord 
östliche Richung einschlägt, gelangt man auf der Chaussee in 
ungefähr drei Stunden an einen Ort. welcher in seinem 
Aeußern ganz das Gepräge eines märkischen Städtchens trägt. 
Treuenbrietzen besitzt keine hervorragenden Gebäude; seine 
Lage, obwohl freundlich inmitten grüner Wiesen, nickender 
Kornfelder und schattiger Bäume, ist durchaus nicht auffallend 
schön; aber durch die historischen Erinnerungen, die sich an 
die Stadt knüpfen, gewinnt diese Bedeutung und daher sei es 
mir gestattet, Treuenbrietzen einige Worte zu widmen. 
Die Stadt ist wendischen Ursprungs, wie es der Name 
„Brietzen" erkennen läßt; einige leiten ihn ab von we-rice, an 
den Bächen gelegen (Treuenbrietzen liegt an der Nieglitz mit 
ihren Nebengewässern), andere von der an diesen Quellen 
häufig wachsenden Birke, welche im slavischen „Breca“ heißt. 
Als jedoch unter den ersten Askaniern viele niederländische 
Kolonisten in die Mark gezogen wurden, welche speziell den 
in südwestlicher Richtung der Stadt belegenen Höhenzug be 
setzten, der seitdem der Fläming genannt wird, ließen sich 
auch viele dieser Ansiedler in Brietzen nieder und drängten 
die wendische Bevölkerung mehr und mehr in die Gegend des 
südlichen Stadtgrabens zurück, welcher Teil dis zum heutigen 
Tage der Kietz heißt. Auch mag noch erwähnt werden, daß 
Treuenbrietzen stets zur Kurmark Brandenburg gehörte. Seine 
Umgegend in westlicher und südlicher Richtung wurde dagegen 
nach dem Tode Albrechts des Bären dessen zweitem Sohne 
Bernhard zuerteilt und kam an Sachsen. Nach dem Aus 
sterben dieser Linie der Askanier im Jahre 1422 ging sie an 
das Haus Wettin über und wurde erst wieder im Jahre 1815 
zu Brandenburg geschlagen. Noch jetzt zeigt man in der Nähe 
der Stadt die ehemalige sächsische Grenze, und im Volksmunde 
werden die umliegenden Ortschaften immer noch durch die 
Bezeichnung Alt- und Neu-Preußen unterschieden. 
Doch schreiten wir nun die alle Kastanien-Allee weiter, 
vorüber an einigen hübschgebauten Villen, durch das Leipziger- 
Thor, dessen Säulen zu jeder Seite von einem branden- 
burgischen Adler gekrönt werden, in die eigentliche, freundlich 
mit Linden besetzte Hauptstraße der Stadl, welche von der 
Nieglitz durchflossen wird. Merkwürdigerweise wird dieses 
Flüßchen von den Emgeborenen mit dem weiblichen Artikel 
belegt und „die Bache" genannt, ja im Volksmunde heißt es, 
wer nicht wenigstens einmal in die „Bache" falle, könne 
nie Bürger von Treuenbrietzen werden. Letzteres, das Hinein 
fallen nämlich, ist nicht schwer, da das Fließ nur von Zeit 
zu Zeit durch Bohlen überbrückt wird. Vor und mitten auf 
dem Marktplatz erhebt sich das Rathaus (s. Abb. S. 4), ein 
ziegelgedeckter, mit einem Turm versehener, einfacher Bau, an 
dessen mit Säulen verzierter Vorhalle das Stadtwappen, der 
braiidenburgische Adler mit gelbem Schnabel und Fängen, 
über den roten, mit Warttürmen versehenen Stadlinaueru 
schwebt. Das Interessanteste am Rathaus ist jedoch die über 
dem Eingang an der linken Seite befindliche Inschrift, welche 
lautet: 
„Haec urbs promeruit, quae britzia fida vocetur: 
Principibus belli tempore fida fuit “ 
Dieses Distichon ist von Pischon*) in die deutschen Worte 
übertragen: 
„Dies ist die Stadt, die verdient daß sie Treuenbrietzen 
genannt wird, 
Denn in den Zeiten des Krieges blieb sie den Fürsten 
getreu." 
Diese Zeilen führen uns in die alten Erinnerungen der 
Stadt zurück. Die Mark war nach dem Aussterben der Askanier 
im Jahre 1320 dem Markgrafen Ludwig v. Baiern, dem 
Sohne Kaiser Ludwigs IV., verliehen worden, doch fanden 
Fürst und Land wenig Gefallen aneinander. In Brietzen scheint 
jedoch das Verhältnis zum Landesherrn ein sehr gutes gewesen 
zu sein, denn Ludwig bewies grade dieser Stadt ein reges 
Interesse und wandte ihr sein fürstliches Wohlwollen zu. wie 
es viele Urkunden aus diesen Jahren bezeugen, welche voll 
von Gnadenbeweisen sind. In einem dieser Dokumente, welches 
in dem sogenannten grauen Buche aufbewahrt wird und vom 
Jahre 1342 datiert ist, wird die Schenkung der Heide ober 
halb und unterhalb der Stadt bestätigt, von der sich der 
bis auf den heutigen Tag vorhandene Wohlstand des Ortes 
herschreibt. 
Im Frühjahr 1348 tauchte der sogenannte falsche Waldemar 
in der Mark auf, welcher sich für den im Jahre 1319 ver 
storbenen askanischen Markgrafen Waldemar ausgab und 
wahrscheinlich ein Knappe des letzteren war; seine Erscheinung 
aber bedeutete einen Trumpf, welchen Kaiser Karl IV. gegen 
seine alten Feinde, die Baiernfürsten, ausspielte. Fast die ganze 
Mark ging an den angeblichen Waldemar über, nur Brietzen 
*' Pischon war Superintendent in Treuenbrietzen und hat im 
Jahre 1871 eine längere urkundliche Geschichte der Stadt herausgegeben.
        
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