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Periodical volume 10. Februar 1894, Nr. 6

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Schloß Uvksu. 
Novelle von Antonie HoidsterK. 
Nachdruck verboten. 
(5. Fortsetzung.) 
f at sich Viktor auch nicht entschließen können, die vordere 
Mauer niederzulegen, und so das Schloß schutzlos zu machen, 
so hat er doch den Teil nach dem Park zu geopfert, weil 
ihm der dichte Wald hinreichend Schutz zu gewähren schien, 
in einer Zeit, da Deutschland wieder auf Frieden hoffte 
und der Krieg infolge von Erschöpfung thatsächlich schon zu 
Ende war. 
Als der erste Sommer anbrach, den Viktor in Erlau 
verlebte, setzte er wieder einen Förster in das verlassene Forst 
haus im Walde, der hochbeglückt ein junges Weib mitbrachte; 
einige Hirsche und Rehe, die unter den Bäumen wandelten, 
zeigten auch, daß der neue Herr von Erlau den Wald 
nicht einsam haben wollte. Dieser neue Herr litt auch 
im Innern des Schlosses keine Unordnung, keine Spinnenge 
webe. keine Moderluft, sondern jeder Winkel mußte in sauberem, 
bewohnbarem Zustande gehalten werden. Bei solcher Ober- 
Aufsicht über die Thätigkeit anderer erhielt Viktor die eigene 
Gesundheit wieder. Nicht mehr der bleiche Jüngling, der an 
jenem Herbsttag des Jahres 1642 Erlau betrat, steht jetzt 
vor uns, sondern ein blühend schöner, kräfiiger Mann, das 
Bild der Gesundheit, mit intelligenten, einnehmenden Gefichts- 
zügen, aus denen zwar der Ernst des Lebens spricht, aber 
auch das Gefühl innerer Befriedigung im Blick auf das Glück 
anderer, das sein Werk ist. 
Auch für Graf Matthias war eine bessere Zeit an 
gebrochen. seitdem Viktor, der ihm in That und Wahrheit 
ein Sohn wurde, nach Erlau gekommen. Sein Alter war 
nicht mehr einsam und hilflos; nicht mehr ein bezahlter 
Diener stützte die wankenden Schritte des hilflosen Mannes. 
Tagaus, tagein hatte er bisher, an seinem Fenster fitzend, 
auf den öden, verwilderten, menschenleeren Schloßhof gesehen, 
eine so melancholische Aussicht, daß es kein Wunder war, 
wenn er selbst melancholisch wurde. Jetzt, nachdem das Ein 
gangsthor fortgenommen, konnte er durch das Gitter bis auf 
die Dorfstraße sehen, und auf dem Schloßhof entfaltete sich 
auch ein immer regeres Leben und prangte bald eine üppig 
grünende Rasenfläche vor seinen Augen. Zu dem Entschluß, 
Pferde anzuschaffen und einen Kutscher zu engagieren, hatte 
er sich früher nicht aufraffen können. Jetzt fuhr der an 
geschirrte Wagen vor, und. wenn Viktor den Oheim bat, seinen 
Arm zu nehmen und einzusteigen, so folgte der alte Herr 
willig, ja, er fühlte sich im Wagen und in der frischen Luft 
äußerst behaglich. Die vermehrte geistige Zerstreuung und die 
vorzügliche körperliche Pflege, die ihm Viktor angedeihen ließ, 
kräftigten ihn ungemein, und so hoffte der junge Graf, ihn 
noch lange zu behalten. War die Pflege des hilflosen Mannes 
für ihn auch keine leichte, so war er doch nicht einsam im 
Schloß, so lange derselbe lebte; er hatte eine Pflicht zu er 
füllen, und das thut der edle Mensch immer gem und ohne 
zu murren, während er später oft seufzend zurückdenkt an die 
Zeit, wo die Pflichterfüllung noch sein Leben ausfüllte und 
verschönte. 
Den Bekannten in Wesel und der Dienerschaft hatte 
Graf Matthias seinen Neffen als Graf Langen aus Wien vor 
gestellt, weil Richelieu bei Ludwig XIII. noch in hoher Gunst 
stand, als Viktor nach Erlau kam. Lag Erlau auch fern von 
Paris, so konnte doch ein unglücklicher Zufall Viktor verraten, 
und man wollte Frankreich in dem Glauben lassen, der 
Chevalier von Baudricourt sei vor Perpignan gefallen. Der 
deutsche Name konnte auch um so leichter genannt werden, als 
bei der eigentümlichen Art. wie sich vor nahezu drei Dezennien 
der Familienkreis in Erlau aufgelöst halte, niemand Graf 
Matthias zu fragen gewagt halte, wohin sein Vater und seine 
Schwester gegangen waren. Niemand hatte von ihm so den 
Namen von Baudricourt als den seiner Schwester gehört. 
Das Dunkel, das über des jungen Mannes Vergangenheit 
schwebte, und der Umstand, daß er sich selbst mit dem Namen 
seines Oheims, dem Mädchennamen seiner Mutter nannte, 
gab zwar zu allerhand Vermutungen Anlaß, die aber seiner 
mehr als freundlichen Aufnahme in Wesel keinen Einklang 
thaten. Er war unverheiratet und dereinst nach seines Oheims 
Tode Schloßherr in Erlau. Dieser Nimbus drängte alles 
andere in den Hintergrund. Er selbst nahm alle die 
Huldigungen, die ihm von der Damenwelt Wesels entgegen 
gebracht wurden, mit kalter, konventioneller Ruhe hin, und 
das war der einzige Punkt, in dem Graf Matthias mit ihm 
unzufrieden war, daß er die Hoffnungen der schönen Weselerinnen 
nicht erfüllen wollte. 
„Du hast wohl einen Schreck bekommen," meinte Graf 
Matthias, „daß ich Dir gleich von vornherein gesagt, die Ehe 
mit einer Bürgerlichen nehme Dir die Berechtigung zur Erb 
schaft. Es braucht ja aber darum noch keine hochgeborene 
Gräfin zu sein, die Du zur Gattin nimmst; eine einfache 
Adelige genügt, und unter denen hast Du doch die Auswahl. 
Sieh Dir doch z. B. Fräulein Lina von Gersdorf an, die 
Tochter des Bürgermeisters! Oder fürchtest Du Dich vor dem 
schlechten Beispiel, das die zu Hause hat. wo die Frau 
Bürgermeisterin die Zügel führt, und der Herr Gemahl nicht 
mucksen darf? Nun, dann geh ins Kommandantenhaus, wo 
der Herr und Gebieter soldatisch stramm auftritt und Frau 
und Tochter ebenso unter seinem Kommando hat, wie seine 
Untergebenen! Oder soll ich Dir noch andere nennen? Wie 
lange willst Du denn wählen? Ich würde doch so gern noch 
einen Stammhalter auf meinen Knieen schaukeln, ehe ich meine 
Augen für immer schließe." 
Viktor war solchen Mahnungen gegenüber stets schmerzlich 
bewegt und meinte gepreßt, er habe die Rechte noch nicht ge 
funden, die er nach Erlau als Schloßherrin führen möge. 
Es war Graf Matthias auch nicht beschieden, die Erfüllung 
seines letzten Erdenwunsches zu schauen. Am 30. September 1646 
starb er an einer akuten, kurzen Krankheit, und Viktor war 
fortan Schloßherr in Erlau, da Graf Matthias ihn gerichtlich 
adoptiert hatte. 
Wenige Tage, nachdem der Verstorbene in die Gruft 
seiner Väter hinabgesenkt war, ließ sich bei dem neuen Schloß 
herrn ein Herr Michael von Brandt melden. Viktor hatte 
diesen Namen von seinem Oheim nie gehört, dennoch befahl 
er, ihn vorzulassen; es war ja ein deutscher Name, und von
        
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