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Periodical volume 29. Dezember 1894, Nr. 52

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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„Hier ist das Briefcouvert." fuhr dieser fort, „welches 
dasselbe Motto trägt. Ich öffne es. Es trägt den Namen —" 
der Professor stutzte. „Was seh ich?" rief er im höchsten 
Erstaunen, „Reinhold Mühlheim? Jst's möglich? Er hätte 
dies zustande gebracht — dieser junge Mensch?" 
Die Versammelten wurden ungeduldig. Der Professor 
hatte fich von seiner Ueberraschung erholt. 
„Herr Reinhold Mühlheim." sagte er. und seine Stimme 
klang lauter, gehobener, „ich bitte Sie. sich hierher zu be 
mühen und das Ehrendiplom nebst dem Ihnen zuerkannten 
ersten Preise von 300 Mark als Anerkennung Ihrer vorzüg 
lichen Leistung in Empfang zu nehmen." 
Aller Augen waren gespannt nach dem Hintergründe ge 
richtet; jeder erwartete eine stattliche, männliche Gestalt mit 
sicherer Haltung aus den Reihen der Menge hervortreten zu 
sehen. Statt dessen drängte sich mit hochgerötetem Antlitz, 
unficherm Schritte, aber mit leuchtendem Auge ein etwa 
19 jähriger junger Mensch durch die Menge, in einem grauen, 
abgetragenen Sommerüberzieher, den großen, schwarzen Filz 
hut krampfhaft zusammengedrückt. Ein allgemeines Gemurmel 
der Verwunderung durchlief die Reihen. 
„Reinhold Mühlheim", sagte der Profeffor, dem jungen 
Mann wohlwollend die Hand reichend, „ich habe Sie als 
liebevollen Sohn ihrer Mutter kennen gelernt, ich habe einen 
strebsamen Handwerker in Ihnen vermutet — ich habe heute 
ein hervorragendes Talent in Ihnen erkannt. Ich wünsche 
Ihnen von ganzem Herzen Glück zu Ihrer ersten, so ehren 
vollen Errungenschaft." 
„Es ist nicht möglich, Herr Baurat", sagte Reinhold, 
noch immer verwirrt und wie in einem Traume befangen. 
„Es muß ein Irrtum vorliegen. Wie komme ich unter all 
diesen Würdigen zu dieser Auszeichnung?" 
„Ist das Ihre Arbeit?" fragte der Professor lächelnd, 
auf eine viereckige Platte zeigend. 
Der junge Mann heftete einen schnellen Blick auf den 
bezeichneten Gegenstand. Sein Auge leuchtete noch heller auf, 
als er dort auf den, Tische die Arbeit langer, einsamer Nächte 
erblickte, die Frucht seiner Begeisterung, die Monate lang im 
Wachen und Träumen seine Gedanken beschäftigt. 
Es war eine feine, spiegelglatt polierte Stahlplatte, be 
stimmt, den oberen Deckel eines Kunstalbums oder einer 
Photographieenmappe zu bilden. Inmitten sinniger Rand 
verzierungen und geschmackvoller Eckstücke zeigte sich dem Be 
schauer eine lebendig dargestellte Gruppe, welche in allegorischer 
und sehr packender Weise die Ueberlegenheit und den Sieg des 
Kunsthandwerks über die Maschine darstellte. Jede Linie, 
jeder Zug war mit einer Feinheit, mit einer Sauberkeit aus 
gearbeitet, als wäre das Ganze durch einen einzigen Hauch 
auf die harte, spröde Fläche des Stahls geworfen. 
„Herr Professor", sagte Reinhold, nachdem er etwas 
ruhiger geworden, „ich danke Ihnen von Herzen für die 
freundliche Teilnahme, die Sie auch heute an meinem so un 
erwarteten und so unverdienten Glück nehmen. Nur eine 
Bitte habe ich noch an Sie. Es ziemr sich zwar nicht, daß 
ich jetzt die Versammlung verlasse; seien Sie nicht böse, wenn 
ich's doch thue! Ich habe meine Mutter in sorgenvoller 
Stimmung zurückgelassen und meinen Geschwistern durch mein 
Hierhereilen die Weihnachtsfreude gestört. . . ." 
„Gehen Sie getrost, lieber Mühlheim! Daß Sie in Ihrem 
Glück zuerst an Ihre Familie denken, ist wiederum ein Grund 
mehr für mich, Sie zu schätzen. Sie werden nach dem Fest 
noch von mir hören." 
Während die Preisverteilung ihren Fortgang nahm, 
stürmte Reinhold fast noch schneller die Straße entlang als 
vorhin. Er sah nichts um fich herum, er sprach nur immer 
leise vor sich hin: „Warum gerade ich? Jst's wirklich mög 
lich? O Gott. Dir sei Dank, der Du mir diesen Gedanken 
eingegeben!" 
Er klopfte ungestüm an die Thür seiner Wohnung. 
„Mutter, öffne!" Er stürmte herein. „Ist Albert noch 
wach? Schläft Klärchen schon? Wo ist Anna?" 
„Ach, wir haben so gewartet!" sagten alle wie aus einem 
Munde. „Aber sieh.Reinhold,der Weihnachtsmann warschonda!" 
„Sieh hier die große Puppe!" 
„Hier den Baukasten!" 
„Denke Dir", sagte die Mutter inzwischen, „was der 
gute Profeffor Aarhorst alles geschickt hat!" 
„Sieh doch Reinhold, diese große Schachtel Soldaten!" 
„Und meinen Anzug!" 
„Und meine warme Kapuze," schrie die kleine Klara. 
So jubelte alles durcheinander, und Reinhold konnte 
kaum zu Worte kommen. Mit fliegender Eile erzählte er, 
wie der Aufruf zur Preisbewerbung sein ganzes Sinnen und 
Denken angeregt, wie er sich heimlich entschlossen, fich an der 
Preisbewerbung zu beteiligen, wie er heimlich in den stillen 
Stunden der Nacht an dem Werk gearbeitet, und welchen 
Erfolg es nun gehabt. Hoch auf horchte die Mutter, und über 
ihre von Sorge und Kummer durchfurchten Züge goß fich ein 
heller, glänzender Schein, wie wenn nach langen, trüben und 
stürmischen Winternächten wieder einmal die Sonne mit ihren 
Strahlen die Furchen des Ackers durchdringt. Sie wollte 
kaum ihren Augen trauen, als Reinhold die drei Hundert 
markscheine vor ihr ausbreitete und sagte: 
„Nun, Mutter, find wir aus aller Not; nun können wir 
unsere Gläubiger befriedigen und getrost dem neuen Jahre 
entgegensehen. In einem halben Jahre habe ich ausgelernt; 
dann bin ich schon imstande, soviel zu erwerben, daß Du Dich 
nicht mehr so zu quälen brauchst. Den schweren Baumhandel, 
der Deine Gesundheit untergräbt, giebst Du ganz ans. Dieses 
Jahr soll das letzte gewesen sein. Aber nun . . . ." sagte 
Retnhold und eilte nach seiner Tasche, holte die Lichter heraus 
und steckte sie auf die Leuchter; noch einige Minuten — und 
unter dem brennenden Weihnachtsbaum, der heute sein Licht 
der ganzen Welt entzündete, stand noch eine glückliche 
Familie mehr. Reinhold holte seine dürfiigen Geschenke her 
vor, die aber, gerade weil sie von ihm kamen, bei Mutter und 
Geschwistern doppelt Freude hervorriefen. 
„Du guter Sohn." sagte die Mutter gerührt. „Du hast 
heute wieder, wie schon so oft, Deine Treue gegen Deine 
Familie gezeigt, Du hast gestern die Probe der Treue bestanden 
gegen Deinen Lehrherrn, darum ist Dir auch heute zu teil 
geworden, was ich leider nicht imstande gewesen bin, Dir zu 
gewähren — der Treue Lohn!"
        
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