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Periodical volume 22. Dezember 1894, Nr. 51

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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wies. daß er mit dem Musterschutzgesetze gar nicht in Konflikt 
kommen werde, da es ihm infolge seiner großen Geschicklichkeit 
nicht schwer fallen würde, die Muster ein wenig zu verändern. 
Um ihm einen Beweis zu geben, „wie großmütig er treue 
Dienste zu belohnen wisse", legte er einen Hundertmarkschein 
vor dem jungen Mann auf den Tisch, den er als eine „vor 
läufige Abschlagzahlung" zu betrachten habe. Aber verjünge 
Mann blieb fest und erklärte von neuem, daß er nie so un- 
ehrenhaft gegen seinen Lehrherrn handeln würde. 
„Warten Sie, ich werde Ihren Gewissensskrupeln sofort 
zu Hilfe kommen", sagte der Fabrikant mit triumphierendem 
Lächeln, indem er ein Papier aus der Tasche zog und es vor 
Reinhold ausbreitete. „Hier lesen Sie!" 
Es war ein großes Schriftstück, welches er auseinander 
faltete und vor den jungen Mann ausbreitete. Reinhold saß 
da und starrte cs mit leeren Blicken an. Die Buch, 
staben tanzten vor seinen Augen; er war nicht imstande, ein 
Wort zu lesen. 
„Sie find ein Narr, geben Sie her, ich werde Ihnen den 
Inhalt sagen. Dies ist ein Kontrakt, den ich mit Ihnen ab 
schließe. Haben Sie keine Bedenken, er tritt erst in Kraft, 
wenn Ihre Lehrzeit beendet ist. Ich engagiere Sie als meinen 
Geschäftsführer, mit einem Gehalt von 300 Thalern pro Jahr 
und einer Extravergütung für jedes neue Muster, welches Sie 
herstellen." 
Reinhold schwindelte es. Nach einem halben Jahr war 
er frei. Es war nichts Unehrenhaftes, wenn er dann die 
Gravieranstalt von Wannenthal verlieb, um in eine andere 
zu gehen. 
„Ich stelle aber die Bedingung," fuhr der Fabrikant fort, 
„daß Sie die neuen Muster, die Sie in dem letzten Viertel 
jahr fertiggestellt, und diejenigen, die Sie während des letzten 
halben Jahres Ihrer Lehrzeit noch fertig stellen werden, selbst 
verständlich mit einigen Abänderungen mir zur Verfügung 
stellen." 
Der junge Mann erwachte aus seiner Betäubung. 
„Nein!" rief er, fich aus seinem Stuhle emporrichtend. 
„Ich will nicht falsch gegen meinen Lehrherrn handeln. Un 
treue schlägt ihren eignen Herrn. So lange ich im Lehrlings- 
verhältnis zu meinem Prinzipal stehe, gehört jeder Bleistrich, 
jeder Zirkelschlag, jeder Druck des Stichels ihm allein!" 
„Sie schwärmen, mein Lieber. Ihnen kann es gleich 
sein, wann Sie Ihre Thätigkeit für mich beginnen; mir aber 
ist es nicht gleichgiltig. Sie wissen, die Gewerbe-Ausstellung 
ist vor der Thür; im April wird fie eröffnet. Ich beabfichtige. 
mich in großem Maßstabe mit neuen Mustern daran zu be 
teiligen. Geben Sie mir dieselben; fie find noch nicht im 
Handel." 
„Erlaffen Sie mir's!" flehte der junge Mann. „Ich kann 
es nicht, es ist unmöglich!" 
„Bedenken Sie. was Sie sagen," redete der Versucher 
weiter auf ihn ein. „Sie haben das Los Ihrer Familie in 
der Hand. Ich weiß. Sie haben die Miete vom letzten Monat 
noch nicht bezahlt. Der erste Januar ist da und mit ihm der 
fällige Mietzins für den neuen Monat." 
Retnhold seufzte tief auf. 
„Sehen Sie, ich bin von allem unterrichtet. Nun seien 
Sie Ihrer Mutter ein guter Sohn. Sie können mit einem 
Schlage das Geschick Ihrer Familie wenden und statt eines 
öden, trostlosen Weihnachtsfestes, an welchem Ihre jüngeren 
Geschwister um den leeren Tisch stehen, ein freudenreiches, 
fröhliches feiern. Bedenken Sie, was Ihre Mutter für Sie 
thut in ihrem Alter; thun Sie dafür etwas für Ihre 
Mutter!" 
Der junge Mann zuckte zusammen. Das Wort hatte ihn 
getroffen. Er kämpfte einen schweren Kampf. Aber bald siegte 
sein Gewissen über die Versuchung. Entschloffen sprang er 
auf und sagte zu dem lächelnden Verführer: „Nehmen Sie 
Ihr Geld. Ich war bis heute ein ehrlicher Kerl und will es 
bleiben." 
Damit eilte er hinaus. Erleichtert atmete er auf, als 
er wieder die Straße erreicht und fich aus der unheim 
lichen Gewalt dieses Menschen sah. Er fand seine Mutter zu 
Hause in Thränen. Das Geschäft sei so schlecht gegangen, 
klagte fie ihm, und fie hatte doch ihre ganze Hoffnung auf den 
Handel gesetzt. Reinhold tröstete fie, so gut er konnte, und 
erzählte ihr. warum er heute nicht nach dem Gensdarmenmarkte 
zu ihrer Unterstützung gekommen wäre, wen er unterwegs ge» 
troffen und was man von ihm verlangt, wie er geschwankt 
habe zwischen Kindesliebe und Gewissenspflicht, und daß die 
letztere den Sieg davongetragen habe. 
Die Frau schlug einen dankbaren Blick zum Himmel 
auf. Ein glückliches Lächeln verklärte ihre gramdurchfurchten 
Züge. Sie drückte ihrem Sohne gerührt die Hand. 
„Ich danke Dir, Reinhold," sagte sie. „Gott wird Deine 
Treue belohnen; fie macht mich in meiner größten Entbehrung 
zur glücklichsten aller Mütter. Lieber untergehen, als ehrlos 
handeln. 
(Schluß folgt.) 
Kleine Mitteilungen 
Heiliger AVer,--, (s. Abbild, auf S. 618). In des welt- 
cntlegenften DörsieinS Nacht und Dunkel kommt Leben und Licht und 
Liebe am heiligen Abend. AuS dem GotteShaufe strahlt Licht, da feiert 
man fo eben Christnacht. Aus den Wohnhäusern strahlt Licht, da zünden 
fie jetzt den WeihnachtSbaum an. DaS höchste, dar ewige Licht aber, 
dar Licht, dem aller andere WeihnachtSglanz fein Dasein verdankt, kommt 
auS de« Himmels Höhen. Diesem Gedanken hat der Zeichner unseres 
Bilder Ausdruck zu geben gesucht, damit zugleich erinnernd an dar Eelbft- 
zeugniS Christi: .Ich bin das Licht der Welt", an dar Wort des Eoan> 
geliften: „DaS Licht scheinet in der Finstern!«', und an da» Wort des 
Lutherlieder: „Das ewige Licht geht da hinein. Giebt der Welt einen neuen 
Schein; Es leuchtet mitten in der Nacht, Und uns zu Lichte» Kindern 
macht". 
Aus betn geveidje künstlicher Verkehrsgeo 
graphie. Die Spree in die Gstsee mündend! In den Vor 
räumen der Züricher Bahnhöfe, Postlokalitäten, Hotels rc. jc,, erblickt man 
seit Jahren ein in anmutigem Farbendruck gut ausgeführtes Plakat, welche« 
halbjährlich beim Wechsel der Winter- und der Sommersaison erneuert 
wird und der vornehmeren Reisewelt, die vorzugsweise die großen, weithin 
direkten anschlußfindenden Eilzüge benutzt, sowie auch dem korrespondierenden 
Publikum Auskunft giebt in bcstgeeigneter Weise. 
Die in Zürich einlaufenden oder von dort ausgehenden bedeutendste» 
Schnellzüge find da in übersichtlicher Anordnung nebeneinander aufgeführt, 
mit den Zeitpunkten der Eintreffens an den wichtigsten KreuzungS-, Ueber- 
gang«- und Endstationen des Auslande». „Zürich, Drains internationaux, 
Snisse" lautet die große Ueberschrift deS mit schöner, malerischer Stadt 
ansicht, sowie mit äußerst segelndem See- und Hochgebirgspanorama ge 
schmückten Plakate«. 
Unterhalb dieser effektvollen Darstellung erblickt man die gleichfalls 
in Farbendruck gegebenen Ortsbenennungen und Zeittabellen, recht« daneben 
in stilvoller Anordnung unter der Aufschrift: „Routenkarte" eine geogra 
phische Vorführung von Mittel- und Westeuropa mit Angabe der bedeutendsten 
Schienenpfade, Verkehr-plätze und Gewässer. Sogar die vom internationalen 
Touristenoerkehre sonst gänzlich unbeachtete Spree findet sich hier angegeben
        
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