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Periodical volume 22. Dezember 1894, Nr. 51

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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als er sich zwischen den Bäumen der Frau Mühlheim befand. 
Die letztere begegnete ihm bescheiden und ruhig. Der Herr 
war bald in ein Gespräch mit ihr begriffen, und nachdem er 
über den Preis eines großen Christbaumes einig geworden, 
erkundigte er sich eingehend nach ihren Verhältniffen. Die 
ehrenhafte Weise, in der sich die Frau seit Jahren mit einer 
so zahlreichen Familie durchgeschlagen, rührte ihn, und als er 
von dem Zeichentalent des ältesten Sohnes hörte, legte er 
demselben verschiedene Fragen vor. Er fand die Antworten 
des jungen Mannes so sachgemäß, dessen Urteil über verschiedene 
Gegenstände des gewerblichen Lebens, des Handwerkerstandes 
und sogar der Kunst so zutreffend, daß er anfing, sich lebhaft 
für den jungen Mann zu interessieren. 
„Lassen Sie mir den Baum nach meiner Wohnung schaffen, 
liebe Frau," sagte er. „Ich bin der Baurat und Professor 
Aarhorst in der Friedrichstr." 
Er entfernte sich grüßend. 
„Baurak Aarhorst!" wiederholte der junge Mann, und 
sein Auge leuchtete auf. „Er ist auch dabei". 
„Was sagst Du. Reinhold?" fragte die Mutter verwundert. 
„Kennst Du den Herrn?" 
„Ich sah ihn heute zum ersten Male; aber ich habe seinen 
Namen in den letzten Wochen öfters in den Zeitungen gefunden," 
sagte der junge Mann ausweichend. 
Eine halbe Stunde später befand sich Reinhold auf dem 
Wege zu dem Professor, den riesigen Baum auf seinen 
Schultern tragend. 
„Ja, ich habe seinen Namen gelesen," murmelte er unter 
den Zweigen des Christbaums; „er stand unter jenem von 
dem Gewerbeverein erlassenen Aufruf, dessen Inhalt nun seit 
Monaten meine Seele beschäftigt, der meinem Denken, Fühlen 
und Handeln mit einem Schlage eine andere Richtung gegeben, 
der mich gelehrt hat, daß das Handwerk noch mehr ist. als 
allein das Mittel, Brot zu erwerben und unser Leben zu fristen." 
Reinhold Mühlheim war Graveurlehrling in der großen 
Wannenthalschen Kattunfabrik, die sich namentlich in der letzten 
Zeit durch ihre prachtvollen Muster in farbigen Möbelbezügen 
bekannt gemacht hatte. Reinhold galt für den tüchtigsten 
Lehrling in der ganzen Anstalt, namentlich wußte der Inhaber 
der Fabrik sein Erfindungstalent in neuen Mustern sehr zu 
schätzen. Er hatte deswegen seinem Lehrlinge aus Erkennlllch- 
keit gestattet, soweit es die Feierabendzeit erlaubte, sich mit 
Privatarbeiten einige Groschen nebenbei zu verdienen. Durch 
Vermittelung eines ältern Kollegen, der für die große Bronze 
warenfabrik von Belling arbeitete und sich für Reinhold 
interessierte, war dieser mit dem Chef der berühmten Firma 
bekannt geworden und halte bereits mehrere Aufträge für die 
selbe ausgeführt. Er hatte diese Gelegenheit mit Freuden 
ergriffen, umsomehr, als er durch dieselbe in den Stand ge 
setzt war. sich auch in der kunstgewerblichen Seite seines 
Handwerks zu vervollkommen. Immer sicherer wurde sein 
Stich, immer gewandter wurde er in der Handhabung der 
Form, immer selbständiger wurden seine Ideen, und seine 
letzte Arbeit hatte das uneingeschränkte Lob des Herrn Belling 
erworben, wenn sie ihm pekuniär auch nicht viel eintrug. Es 
war dies eine stählerne Geldschatulle mit eingelegten Silber- 
platten, die Mühlheim mit Gravierungen versehen hatte. 
Auf der Hauptplatte, deren Rand mit geschmackvollen 
Arabesken geziert war, schwebte, auf den Zweck des Gegen 
standes Bezug nehmend, eine Fortuna, das Füllhorn aus- 
schüttend. Unten griffen allerliebste Engelchen und Amoretten 
in den drolligsten Stellungen nach den Gaben, und zwei 
balgten sich sogar darum. Die Schatulle hatte einige Tage 
im Schaufenster gelegen, und mancher Beschauer hatte sich 
wohlgefällig über die originelle Arbeit ausgesprochen; seit 
einigen Tagen war sie aus dem Fenster verschwunden. 
Endlich hatte Reinhold die Wohnung des Baurats 
erreicht. 
„Der Herr Professor läßt Sie bitten, ihn in seinem 
Arbeitszimmer zu erwarten," sagte das Dienstmädchen, und 
Reinhold trat ein. 
Ach wie schön war es hier! Der junge Mann ließ 
staunend seinen Blick umherschweifen über die eleganten Möbel, 
über all die zahlreichen Gegenstände des Luxus und der Kunst. 
Da standen auf dem Sims des bis zur Manneshöhe mit 
Holz bekleideten Zimmers Statuen in Bronze und Gips, 
Büsten von Dichtern. Malern und Schriftstellern, alte kunst 
volle Pendulen, antike Vasen und mittelalterliche Humpen und 
Pokale. Der junge Mann wagte kaum zu atmen inmitten 
all dieser Herrlichkeiten. Sein für Kunst und Formenschönheit 
so empfänglicher Sinn belebte all diese Gegenstände, und es 
war ihm, als blickten ihn diese Statuen und Büsten an, 
winkten ihm freundlich und riefen ihm zu: „Ringe, strebe und 
schaffe wie wir!" und als hörte er aus dem monotonen Tick- 
Tack der alten Pendule die Worte heraus: „Nütze den Augen 
blick! Bald ist die Jugendkraft entflohen!" Ach, diese herrlichen 
Reißzeuge, die er jetzt auf dem Arbeitstische erblickte, und 
dieser große Malkasten! Ja, wer das alles hätte, der müßte 
doch glücklicher sein als ein König. Ach wie klein kam er sich 
diesem Manne gegenüber vor! Und dieser Mann war als 
Preisrichter genannt in jenem Aufruf zur Preisbewerbung, 
den der Verein zur Beförderung und Pflege des Kunsthandwerks 
erlaffen hatte. Und er. ein junger, unbekannter Mensch, noch 
ein Lehrling, der Sohn einer armen Witwe, die auf dem 
Gensdarmenmarkt mit Christbäumen handelte — er hatte es 
gewagt, sich an dieser Preisbewerbung zu beteiligen. Er fing 
an, seine Vermessenheit zu bereuen, und nahm sich im stillen 
vor. dem Professor das Motto seiner Arbeit zu nennen, ihn 
reumütig wegen seiner Kühnheit um Verzeihung zu bitten und 
ihn zu ersuchen, ihm die eingereichte Arbeit zurückzugeben. 
Fast erschreckt fuhr er zusammen, als die Thür sich 
öffnete und der Baurat schnell eintrat. Jener bat den jungen 
Mann, Platz zu nehmen. 
„Sie sind ein angehender Künstler?" fragte der Professor, 
und sein Auge richtete sich prüfend auf des jungen Mannes 
Antlitz. 
„Ich bin ein schlichter Handwerker, Herr Professor." 
„Bravo!" sagte der Baurat, den jungen Mann wohl 
gefällig betrachtend. „Die Eitelkeit hat Ihr Herz noch nicht 
vergiftet, junger Mann; Sie hätten sich sonst einen Künstler 
genannt. Unser ehrliches liebes Handwerk wird heute von 
vielen verachtet. Es gefällt mir an Ihnen, daß Sie nicht 
mehr scheinen wollen, als Sie find. . . Uebrigens, da fällt 
mir ein. daß ich gestern bei Belling ein Weihnachtsgeschenk 
gekauft habe, über welches Sie mir. da Sie Graveur sind, 
Ihr fachmännisches Urteil abgeben könnten." 
Er schloß den Geldschrank auf und holte aus demselben 
eine kleine, kunstreich gearbeitete Geldschatulle heraus. Das
        
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