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Periodical volume 22. Dezember 1894, Nr. 51

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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ärztlichen Kunst. Sehr besorgniserregend wurde ihr Zustand 
im Spätsommer dieses Jahres, sie schwebte schon damals 
zwischen Tod und Leben. „Das Lebenslicht meiner Frau 
flackert", sagte der Fürst Ende August in Varzin zu einem 
Besucher und fügte sinnend hinzu: „Sie sind nicht verheiratet, 
da haben Sie eine verwundbare Stelle weniger für das 
Schicksal." 
Nun haben sich die treuen Augen der Fürstin für immer 
geschlossen: eine echte deutsche Frau ist mit ihr dahingegangen, 
und mit inniger Teilnahme hat das deutsche Volk den größten 
lebenden Sohn an das Grab seiner Lebensgefährtin begleitet: 
möge der alte Recke, dem jeder Deutsche zu unauslöschlichem 
Danke verpflichtet ist rmd dessen Namen noch die spätesten 
Geschlechter preisen werden, den schweren Schlag verwinden, 
und möge der „alte Ratschlag-Finder", desien nahe bevor 
stehender achtzigster Geburtstag ein nationales Ehrenfest zu 
werden verspricht, die treue Heimgegangene Lebensgefährtin 
noch recht lange überleben. Das walte Gott, der durch 
Bismarck so Herrliches und Großes an uns gethan hat! 
—e. 
Das Preisausschreiben. 
Line Weihnschr^gcschichte aus dem Werliner Leben. 
Von Hermann Müller-Kasin. 
I. 
Es ist ein kalter Winterabend in der Weihnachtswoche. 
Ein trockener, eisiger Wind fegt über die weilen Plätze des 
Gensdarmenmarktes; er heult um die stolzen Pfeiler des 
Schauspielhauses und um die ehrwürdigen Säulen der beiden 
alten Dome; er dringt durch die Ritzen und Fugen der 
mächtigen Portale in das menschenleere Innere der alten 
Kirchen und stört mit seinem melancholischen Pfeifen die stille 
Ruhe da drinnen. Er zaust die Vorübergehenden, die, mit 
Paketen beladen, der warmen Stube zueilen, wühlt in ihrem 
Haar und dringt neugierig in die Papierumhüllung der Pakete 
ein. Ja. er hat entschieden schon etwas von Weihnachls- 
stimmung mit seinem Fauchen, Blasen und Heulen, der gute 
Herr Wind. 
Aber er ist doch ein roher, ungeschlachter Geselle! Da 
steht eine arme Frau an dem linken Flügel des Schauspiel' 
Hauses neben einem Wald von Christbäumen, die sie zum 
Verkauf anbietet. Es find noch so viele, und die Weihnachts 
woche ist bald zu Ende, und bedeutende Auslagen stecken noch 
darin, ungerechnet den Schweiß und die Mühe und die Ent 
behrung und die Kälte. Niemand kauft ihr ein Bäumchen 
ab, so sehr sich auch die Frau bemüht, sie recht hübsch in 
Reihen aufzustellen. Der Wind, der herzlose Geselle, der weiß 
es doch besser, wie es mit der alten Frau steht. Warum 
sagt er's den Leuten nicht? Er hat ihr oft, wenn sie ermüdet 
von den Strapazen des Tages und dem langen Wege die 
Augen schloß, wie zum Hohne noch ein Schlummerlied unter 
den lecken Fenstern gepfiffen. Er kennt auch jeden Winkel 
ihres armseligen Zimmers, da oben im vierten Stock, weit 
draußen vor dem Schlesischen Thore, wo er sich so recht nach 
Herzenslust austoben kann. 
Und jetzt bläst er wieder mit vollen Backen und wirft 
einen Teil der kleinsten Bäumchen hinüber auf den Straßen 
damm unter die Räder der Droschken und stolzen Karoffen, 
die eben — es ist sieben Uhr — in die Einfahrt des Schauspiel 
hauses einbiegen. Was kümmert es den tief im Pelz steckenden 
Kutscher auf dem Bock und den eleganten Herrn im Innern 
des Wagens, wenn die Räder desselben die zarten Spitzen 
der Bäumchen zermalmen! 
Die Frau ist soeben damit beschäfligt, mitten aus dem 
Gewirr der Wagen ihre Bäumchen zu retten. Sie thut es 
ohne Seufzen und mit Geduld. Ach, das Leben erfordert ja 
so viel Geduld, und wenn die Frau über jedes Ungemach 
seufzen wollte, wie oft müßte sie dann seufzen! 
Die arme Frau hat jetzt ihre Bäumchen wieder aufgestellt. 
Sie lehnt erschöpft von der Anstrengung eine Weile gegen 
den großen Gaskandelaber, um welchen herum sie den kleinen 
Christbaumwald gruppiert hat! Ihr vergangenes Leben kommt 
ihr in den Sinn; seit fünfzehn Jahren trieb sie bereits diesen 
Handel; als ihr Mann noch lebte, in Gemeinschaft mit dem 
selben, nach dessen frühzeitig erfolgtem Tode mit Hilfe ihrer 
ältesten Kinder. Ihr Mann war Maurer gewesen. Er war 
infolge eines Sturzes nach langem Siechtum im Kranken 
hause gestorben. Auch zur Weihnachtszeit war es, als sie 
mit ihren fünf trauernden Kindern als Witwe an seinem 
Grade stand. 
Ein glückseliges Lächeln überflog die Züge der Frau, als 
sie daran dachte, wie gern Reinhold, ihr ältester Sohn, sie 
unterstützte. 
Reinhold hatte ausgezeichnete Fortschritte in der Schule 
gemacht, seine Lehrer hatten namentlich sein Talent im Zeichnen 
gelobt und die Mutter veranlaßt, ihn nach seiner Einsegnung 
zu einem Graveur in die Lehre zu bringen. Reinhold hatte 
längst seinem kindlichen Wunsche. Maurer wie sein Vater zu 
werden, entsagt. Er hatte, im vierten oder fünften Stock 
wohnend, auch ohne das erträumte Leitersteigen Bewegung 
genug. Die Kinder waren bis auf drei konfirmiert. Aber der 
Kampf, den die arme Frau während ihres ganzen Lebens mit 
dem unfreundlichen Schicksal gekämpft, hatte ihre Kraft auf 
gerieben, und Krankheiten in der Familie hatten ihre Lage 
wieder verschlimmert. Ihr Mut drohte gänzlich zu finken. 
Das alles zog an ihren geistigen Augen vorüber, während 
sie, an den Gaskandelaber gelehnt, sinnend dastand. 
„Guten Abend, Mutter!" ertönte da plötzlich eine frische, 
muntere Stimme. „Wie «sts Geschäft heute gegangen?" 
„Schlecht, Reinhold", sagte die Mutter verstimmt; „wenn's 
so weiter geht, dann bleiben die Auslagen stecken." 
Reinhold tröstete die Mutter, so gut er konnte, und machte 
sich dann an die Arbeit, indem er Säge, Bohrer und Hammer 
in die Hand nahm, um damit zu hantieren. Es waren noch 
eine Menge Bäume auf die Fußbänke zu bringen. Täglich 
nach Feierabend kam der junge Mann hierher, um bis neun 
Uhr beim Scheine der Laterne seiner Mutter zu helfen. 
Eine Weile hatte der Sohn still für sich hingearbeitet, 
während die Mutter mit einem Messer in der Hand die ein 
geknickten Zweige abschnitzt, da vernahmen beide einen Wort- 
Wechsel in ihrer Nähe. Ein elegant gekleideter, hochgewachsener 
Herr hatte bet dem benachbarten Baumhändler um einen Baum 
gefeilscht. Die Frau desselben, welche als Hökerin die Märkte 
bezog und durch ihre lose Zunge bekannt war. hatte den 
Herrn, dem der Preis zu hoch schien, mit höhnischen Schimpf 
reden bedacht, und der Käufer beeilte sich nun, aus dem 
Bereich der Hökerin zu kommen. 
„Das ist ja ein wahrer Drachen!" sagte der Herr lachend
        
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