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Periodical volume 22. Dezember 1894, Nr. 51

Full text: Der Bär Issue 20.1894

kleidete Jungfer in den Volkshaufen gewagt, nun mochte sie 
büßen. Mechtilds Zorn steigerte sich aufs höchste. 
„Nicht an mir. an der Hexe vergreift Euch!" schrie fie. 
„Die Hexe! Die Hexe!" johlte der Haufe. Niemand 
außer den wenigen Beteiligten wußte, wer gemeint war. 
Else hatte einen günstigen Moment wahrgenommen, als 
Nachdrängende fie von den Streitenden trennten, um nach der 
Brücke hin zu entschlüpfen. Sie achtete nicht darauf, daß sich 
die eine Klappe derselben hob, um ein Schiff durchzulaffen, 
als fie dieselbe betrat. 
An das Geländer geklammert, schwebte fie empor — da 
hob sich der Aufzug zur vollen Höhe. In ihrer Angst wagte 
fie einen verzweifelten Sprung. Entsetzt sahen es die Um 
stehenden. 
„Zurück!" schrie der Brückenwart. — Zu spät! Das 
Mädchen verschwand in der klaffenden Tiefe. 
„Rettet fie!" — „Nein, es war die Hexe!" 
„Nicht doch! Die Hexe hat ja Michel Merlen fest!" 
Also ging das Gerede hin und her. Jeder strebte zu sehen, 
wo die Verunglückte geblieben war. 
Der Brückenwart war der einzige, der in rechter Weise 
eingriff. In wenigen Minuten hatte er einen kleinen Kahn 
vom Ufer gelöst, um Else zu Hilfe zu eilen. 
Diese war kopfüber ins Wasser gestürzt. Aber nur 
wenige Sekunden währte es, dann tauchte fie wieder empor. 
Als fie die Hände hob und sich über dem Waffer zu halten 
suchte, bis der Brückenwart fie in den Kahn zog, hallten 
staunende Rufe: „Ein Wunder!" — „Ein Gottesgericht!" 
„Sie ist keine Hexe!" von Mund zu Mund. Die Umstehenden 
staunten die Gerettete fast mit Verehrung an. 
Die ausgestandene Angst und Aufregung machten das 
Mädchen jedoch noch nachträglich ohnmächtig. Sorgsame 
Hände betteten fie auf den grasbewachsenen Userrand, und 
hier fanden fie der Klostervoigt und Ulrich Steindorf. Beide 
hielten die Bewußtlose für tot. Schmerz und Zorn machten 
Ulrich Steindorf jeder ruhigen Ueberlegung unfähig. 
„Das war die Hexe nicht!" schrieen aufs neue etliche 
Stimmen. 
„So ist's die andere, die feine Jungfer, die das Mädchen 
beschuldigt hat! Her mit ihr, ins Waffer! Sie soll sich aus 
weisen! Ein Gottesgericht! Ins Wasser mit ihr!" riefen 
die anderen. 
Der rohe Haufe drängte vorwärts. Mechtild wurde in 
mitten desselben dem Ufer zugedrängt. Sie verlor vor Angst 
vollends alle Ueberlegung. 
„Laßt mich frei, da habt Ihr Gold! Nehmt die Spange, 
die Ringe — hier meine Barschaft!" 
„Hexengold!" höhnte ihr Peiniger. „Wärst Du ehrlicher 
Leute Kind, säßest Du fein sittsam zu Hause!" 
Ulrich Steindorf begriff nicht sofort, wie alles gekommen 
war. Er hörte nur, Else sei durch ruchlose Hand gemordet. 
Seine Wut kannte keine Grenzen. 
„Wer hat fie gemordet?" schrie er. „Gesteht es, damit 
ich Rache nehme und nicht den Unrechten treffe!" 
„Die da! — Die andere! — Sie hat fie ins Waffer 
getrieben!" riefen die Umstehenden und deuteten auf Mechtild. 
„Ihr?" schrie Ulrich auf. 
Mechtild streckte hilfeheischend ihm die Arme entgegen. 
„Helft mir, befreit mich um meiner Liebe willen!" 
„Ja. um Deiner Liebe willen sollst Du büßen! Deine 
Liebe ist Verrat, Heuchlerin! Leben um Leben, das Deine 
für Elses!" 
Damit packte er das unglückliche Mädchen — die anderen 
drängten lärmend nach — in blinder Wut stürzte er Mechtild 
über das Geländer in die gurgelnden Fluten. 
„Die ist's! Die ist's!" lärmte der unsinnige Haufen. 
„Es geschah ihr recht. Sie ist eine Hexe!" 
Mechtild hätte von dem Tode durch Ertrinken bewahrt 
bleiben können. Bei dem widerwilligen Sprung ui die Tiefe 
halten sich ihr Kleider aufgebläht und trugen fie über Wasser. 
Aber gerade dieser Vorgang erschien dem Volkshaufen, der in 
dem ganzen Ereignis ein Gottesgericht sehen wollte, als ein 
Zeichen ihrer übernatürlichen Hexenkraft. Als fie so daher 
schwamm, die Hände hilfeflehend emporgestreckt, heulte die 
Menge in wahnwitziger Wut: „Sie geht nicht unter! Seht, 
seht ihre Hexenkünste!" 
Da — ein wohlgezielter Steinwurf nach dem Kopf der 
Unglücklichen — sie taumelte rückwärts in das Waffer und 
versank in den Fluten. 
Endlich waren die Büttel wieder zur Stelle, nachdem fie 
die Gefangenen in den Turm gesperrt. Sie erfuhren sofort, 
was sich ereignet, die Menge stob auseinander, der Anstifter 
des Auflaufs flüchtete sich eilig, nur Ulrich Stemdorf stand 
noch aus demselben Fleck und starrte wie geistesabwesend ins 
Waffer, aus dem Mechtilds bleiches, angstenlstelltes Gesicht 
noch einmal auftauchte. Der Brückenwart hatte sich abermals 
an das Rettungswerk gemacht, er fischte die Tote an den 
Kleidern empor und ruderte dem Ufer zu. 
Der oberste Stadlknecht war an Ulrich herangetreten und 
hielt ihn mit festem Griff am Handgelenk. „Wer auf eigene 
Faust Hexengericht hält, ist weltlichem Gericht verfallen! Du 
bist ein Mörder, der eine wehrlose Frau getötet hat, und 
wirst mit gleichem Maß gemessen werden. Du bist mein 
Gefangener!" 
Ulrich sah ihn verständnislos an. gefesselt wurde er von 
dannen geführt. 
Else war aus ihrer Ohnmacht wieder erwacht, gerade 
als man ihre Totfeindin als Leiche forttrug, doch hatte fie 
zu ihrem Heil keine Ahnung davon, welch' trauriges Geschick 
ihrem Liebsten drohte. Mühsam schleppte fie sich am Arm 
des Voigts dem Hause der Pflegemutter zu. von dieser mit 
liebevollen Klagen empfangen. Was der Voigt gefürchtet, 
die Köhlerin vorausgesehen, trat ein, Else verfiel in eine 
schwere Krankheit. Doch die Jugendkraft half ihr das tückische 
Fieber überwinden. Else genas gerade zu der Zeit, da der 
Urteilsspruch über Ulrich Steindorf gefällt war. Er lautete: 
des Mordes schuldig, sollte der Verurteilte durch den Strang 
hingerichtet werden. Man wollte ein warnendes Beispiel 
geben und dem Volk den Geschmack an derartigem Hexengericht 
gründlich verderben. 
Muhme Ursula war nicht feinfühlig genug, um Else das 
Schicksal Ulrich Steindorfs zu verheimlichen. Erfahren mußte 
sie es ja doch, denn die ganze Stadt redete davon. 
„Tröste Dich! Leichtfertig ist er immer gewesen, und — 
er ist auch ein schlechter Mensch, denn sonst hätte er Mechtild, 
die doch nur durch bösen Zufall in den Volkshaufen geraten 
war, beistehen müssen. Freilich, fie hatte Dich angegriffen 
— aber Reden verfliegen wie der Wind, und todeswürdig
        
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