Path:
Periodical volume 15. Dezember 1894, Nr. 50

Full text: Der Bär Issue 20.1894

<8 602 Sk 
Der Kaiser vollzog die drei Hammerschläge mit den Worten: „Pro 
gloria et patria!“ ES folgten die Kaiserin, Prinzessin Friedrich Karl, 
die Söhne des Prinz-Regenten Albrecht und andere Fürstlichkeiten, ver 
Reichskanzler und die übrigen zu der Feierlichkeit Befohlenen, Während 
der Vollziehung der Hammerschläge fiel die Musik mit einem Choral ein. 
Nach Beendigung derselben brachte der Präsident der Reichstages ein 
Hoch auf den Kaiser aus, und damit erreichte die Feier ihren Abschluß. 
Die Kaiserliche Mlerrte (s. Abb. auf S. 597). Durch die 
Güte des Herrn GeheimsekrelärS R. Köhler Hierselbst, der die photo 
graphische Aufnahme besorgt hat, und der Firma Meisen dach, 
Risfarth u. Co., die uns die Zinkographie freundlichst zum Abdruck über 
lassen, sind wir in den Stand gesetzt, unseren Lesern heute eine vortreffliche 
Abbildung der Kaiserlichen Jagdmeute zu bieten. Der Ober-Pikeur, 
der vor der Meute hält und deshalb auf unserem Bilde nicht zu sehen ist, 
hat so eben durch Horn-Signal das Kommando gegeben: „Halt!". Front!" 
— und daraufhin steht die ganze Schar festgebannt, still und unbeweg 
lich, wie eine Kompagnie Soldaten. Im Augenblick zuvor liefen die 
Hunde noch wild durcheinander, jetzt aber rührt sich keiner mehr, dicht 
aneinander gedrängt sind sie, nur des weiteren Befehls gewärtigt und 
von jedem einzelnen, so wild das Blut auch in ihm kochen mag, könnte 
man glauben, daß er aus Eisen gegoflen oder aus Marmor gemeißelt sei 
— ein wahrhaft in Erstaunen setzendes Bild und ein großartiger Beweis 
dafür, war geschickte Dresiur auszurichten vermag. 
Prafesscrr Dr. G. Kehring, der Erfinder des viel be 
sprochenen Diphtherie-Heilserums, dessen Porträt wir auf S. 601 
bringen, ist im Jahre 1854 zu HauSdorf bei Deutsch-Eylau geboren. BiS 
187t besuchte er dar Gymnasium zu Deutsch-Eylau. Seine wissenschaft 
lichen Studien machte er an der Berliner Universität als Zögling der 
militärärztlichen BildungSanstalten. Im Jahre 1878 promovierte er da 
selbst. Zwei Jahre darauf erwarb er die ärztliche Approbation. In den 
nächsten Jahren wurde er in verschiedenen Garnisonen (Posen, Winzig) 
als Truppenarzt beschäftigt und im Jahre 1887 zum Stabsarzt befördert. 
Schon in Posen hatte Prosefior Behring seine wifienschaftlichen Unter 
suchungen begonnen, die er später in Bonn im Laboratorium von Binz 
fortsetzle. Entscheidend für ihn wurde seine Berufung als Assistent an dar 
Berliner Hygiene-Institut unter Robert Koch (1889). Als 1890 da? 
Institut für Infektionskrankheiten in« Leben trat, siedelte Behring an dieses 
über. Vor kurzem wurde er zum außerordentlichen Professor an die 
Universität Halle berufen, nachdem er schon 1893 den Prosesiortitel er 
halten hatte. — 
Dar bedeutungsvolle Heilverfahren, welcher seinen Namen mit einem 
Schlage berühmt gemacht hat, ist mit denselben überschwänglichen Hoff 
nungen begrüßt worden, wie seiner Zeit dar Kochsche Tuberkulin. Gegen- 
wärtig ist die medizinische Welt in zwei Lager gespalten, und er haben 
sich Aulorilälen für und gegen das Heilserum ausgesprochen. Von Interesse 
dürften einige Bemerkungen über die Herstellung und Anwendung der Heil 
serums sein, die Dr. H. KosscI, Assistent am Kochschen Institut, in der 
„Deutschen Medizinischen Wochenschrift" macht: „DaS Blutserumheilverfahren 
BehringS ist auf der Thatsache aufgebaut, daß dar Blut des gegen eine 
bestimmte Krankheit immunisierten TiereS im stände ist, ein beliebiger Tier 
derselben oder einer anderen Tierart für diese Krankheit unempfänglich zu 
machen. Die Diphtheriebazillen erzeugen nun auSgesprochenermaben ein 
krankmachender Gift, gegen dar et Tiere zu festigen gilt. DieS geschieht, 
indem man fortgesetzt dem Tiere steigende Mengen der Giftes einspritzt, 
welche jedesmal ausreichen, um dar Tier krank zu machen, ohne es zu 
töten. Mit der Unempfindlichkeit der TiereS gegen das Gift steigt denn 
auch die Schutzsähigkeit seiner Blutserums. Um dieser zu gewinnen, spritzt 
man Tieren, z. B. Pferden, erst kleine, dann immer größere Mengen 
Diphtheriegist unter die Haut. Letzteres wird dadurch gewonnen, daß 
Diphiheriebazillenkulturen in große Kolben auf Nährbouillon geimpft und 
nach etwa vier Wochen durch Zusatz von 0,5 v H. Karbol oder 0,3 v. H. 
Trikresol die Bazillen abgetötet werden. Die toten Bazillenleiber fallen 
dann beim Stehen der Bouillon zu Boden und die darüberstehende klare 
Flüssigkeit enthält daS Gift gelöst. Die Tiere reagieren auf die Ein 
spritzungen des GifteS mit Fieber und einer teigigen Anschwellung an der 
Einspritzungssteile und erzeugen, war das Wichtigste ist, in ihrem Körper 
zur Abwehr des GifleS ein besonderes Gegengift, das spezifische Antitoxin. 
Nach jeder derartigen Reaktion treten im Blute der betreffenden Tieres die 
Schutzkörper auf und zwar nach jeder Einspritzung in größerer Menge. 
Die Behandlung des Tieres mit Gift wird so lange fortgesetzt, bis sein 
Blut Heilkörper in genügender Menge enthält. Man prüft ihre Wirksam 
keit dadurch, daß man von Zeit zu Zeit dem Tiere kleine Mengen Blut 
entzieht und an Meerschweinchen seine Schutzwirkung beobachtet. Um die 
Verständigung über den Wert der Heilserums zu erleichtern, bezeichnen 
Behring und Ehrlich ein bestimmter Serum als Normalserum, nämlich ein 
solcher, von dem Vio g genügt, um die zehnfache tölliche Giftmenge, also 
ein Gramm, DiphtheritiSgift unschädlich zu machen, und sie sagen: 1 ecm 
Normalserum enthält eine JmmunisierungSeinheit. Versuche von Ehrlich 
und Koffel haben gezeigt, daß zur Heilung von Diphtherie bei Kindern 
mindestens k00 JmmunisierungSeinheiten eingespritzt werden müssen, d. h. 
10 oem einer 50fachen oder 5 vew einer 100fachen Normalserumr. Ist 
durch die vorläufige Blutprüfung nachgewiesen, daß dar Blut einer zur 
Serumgewinnung immunisierten TiereS diesen Wert besitzt, so wird dem 
Tiere eine größere Blutentziehung gemacht, daS Blut in keimfreie Gefäße 
aufgefangen und in den Eirschrank gestellt, bis eS geronnen ist. DaS aus- 
geschiedene klare Blutwaffer wird abgeschöpft, mit 0.5 v. H. Karbol versetzt, 
um eS haltbar zu machen, und dar Diphtherieheilmittel ist fertig. Die 
Pferde werden natürlich, bevor daS Heilserum beim Menschen angewendet 
wird, getötet, um sich über ihre Gesundheit zu vergewissern." 
Zu den Autoritäten, die sich für dar Heilserum ausgesprochen haben, 
gehört auch Prosefior Virchow. Er sagte am 5. Dezember in der 
Medizinischen Gesellschaft: „Ich kann nur jedem Arzt raten, sich vor 
kommenden Falles deS Heilserums zu bedienen und dem Mittel vertrauens 
voll entgegen zu kommen." Auch Geh. Rat von Bergmann hat sich in 
dieser Sitzung anerkennend über das neue Heilmittel ausgesprochen. Er 
ist daher trotz aller Opposition, die sich in den letzten Wochen gegen dar 
Heilserum erhoben hat, noch begründete Hoffnung vorhanden, daß er 
Prosefior Behring gelungen ist, ein Heilmittel gegen den Würgengel der 
Diphtherie zu erfinden. — e. 
Die feierliche Uevergave der von Professor Geyer 
modellierten Büste der verewigten Karl Bötticher, der dereinstigen hoch 
gesinnten LehrerS an der Bauakademie und hervorragenden Kunstgelehrten, 
fand am Freitag, den 80. November, abends 6 Uhr, statt. Das Bildwerk 
bat seinen Platz in dem großen Lichthofe der technischen Hochschule zu 
Charlotlenburg, zwischen den Büsten von Schinkel und Beuth, den von 
Boetlicher hochverehrten Männern, erhalten, und steht auf einem Marmor 
sockel von antiker Form. Der weite, mit einer zahlreichen Versammlung, 
unter der sich viele Damen befanden, dicht gefüllte Raum, prangte in 
reichem Pflanzenschmuck. Wir bemerkten unter den Anwesenden als Ver 
treter der Bauwiffenschaft die Gehcimräte Wucherpsennig, Adler, Kühne, 
Blankenstein, Schmieder und Tuckermann, von der Kunstakademie die 
Profefforen Henning und Plockhorst, außerdem von bekannten Persönlichkeiten 
Geheimrat Dr. Leyden, dem berühmten Kliniker und Schwager der 
Gefeierten, Generallieutenant von Spitz, General Cleinow, Direktor Jeffen 
und andere. Gleich nachdem der Rektor, Geheimrat Dr. Slaby, der die 
Witwe BoetticherS geleitete, gefolgt von den Profefforen der technischen 
Hochschule den Festsaal betreten hatte, eröffnete ein in dem gewaltigen 
hohen Raum besonders schön klingender Chorgesang die Feier. Die Hülle 
fiel von dem Bildwerk und Geheimrat JacobSthal betrat daS Katheder, um 
in kurzen Zügen ein Bild von dem Leben und Wirken des Gefeierten zu 
entwerfen. — Besonders betonte er BoetticherS Verdienste um die Ent 
wickelung der gewerblichen Kunst durch seine reichen Erfindungen auf dem 
Gebiete der Ornamentes, um dann auf die Bedeutung seines bahnbrechenden 
Werke«: .Die Tektonik der Hellenen", überzugehen, daS für alle Zeiten, 
trotz allen Wechsels der Kunstrichtungen die Grundlage jeder soliden, 
architektonischen Ausbildung bleiben werde. Geheimrat Dr. Slaby über 
nahm darauf die Büste im Nomen der Hochschule, den Kommilitonen in 
zündenden Worten ans Herz legend, nicht in dem Bemühen, den Interessen 
des TageS zu genügen, die Ideale auS den Augen zu verlieren, denen der 
verewigte Meister vorbildlich fein Leben geweiht habe. — Ein nochmaliger 
Chorgesang beschloß die weihevolle Stunde. 
Urrei«s - Nachrichten. 
Am 17. November sprach im Rathause vor einer sehr zahlreich 
besuchten Versammlung des Vereins für die Geschichte Berlins 
Professor Dr. Brecher über die Zustände in Berlin im Jahre 1806. Die 
damaligen Verhältniffe waren, wie die streng historische und kritische Dar 
stellung ergab, unter dem Einfluß der allgemeinen politischen Zerfahrenheit 
in jeder Hinsicht unerfreulich, und ihr Studium macht gar mancher in den 
Vorgängen jener unglücklichen Jahres erklärlich. Der Vortragende begann 
mit dem unerwarteten Besuche des Kaisers Alexander und des Großfürsten 
Konstantin im Oktober 1805, bei weicher Gelegenheit die unklare Stellung 
der beiden Monarchen zu einander durch doppelte Aufmerksamkeiten verdeckt 
wurde. Damals speiste man zuletzt in echt königlicher Pracht von dem 
goldenen Tafelgeschirr, dar einen gewissen Glanz durch die Erinnerung an 
den großen König in diese Tage hineinwarf. Die Herrscher vereinbarten 
sich (am 3. November) über ihre Stellung zu dem übermütigen Korsen, und 
am Sarkophag Friedrich II. reichten sie sich in der Nacht zum 4. November 
in Gegenwart der Königin die Hände zum Treubund. Friedrich WuhelmIII. 
hatte damals schon tüchtige Männer um sich, auch dar Heer hätte bei guter 
Leitung wohl etwas leisten können, aber ver König selbst war bei aller 
Klarheit dcS ErkennenS nicht energisch genug, um dem Staate zu Helsen. 
So sollte nach der Novemberzusammenkunft sofort ein Gesandter der 
Königs dem Kaiser Napoleon gegenüber bestimmte Forderungen stellen; 
statt deffen verzögerte Haugwitz seine Abreise von Tag zu Tag; zwei Wochen 
später war er noch in Berlin, und als er schließlich in Schönbrunn mit 
Napoleon zusammenkam, unterzeichnete er ohne vorherige Genehmigung 
seiner Hofer unter dem Drucke der Schlacht von Austerlitz (2. Dezember) 
jenen nachteiligen Vertrag vom 15. Dezember, welcher Preußen wegen der 
Anspruch« auf Hannover sofort mit England verfeindete. An der Spitze 
vieler Patrioten forderte damals Stein Veränderungen, denen gegenüber der 
König in seiner Ratlosigkeit sich ablehnend verhielt. Hatte doch der Friede 
zu Preßburg die Lage noch verwirrter gemacht, und Preußen mußte auf 
Grund der Schönbrunner Vertrages und der Februarkonvention von 1806 
jeden Krieg, den Napoleon unternehmen würde, mitmachen. Der Einfluß 
Napoleons ging so weit, daß im April 1808 Hardenberg entlassen und der 
franzosenfreundliche Haugwitz berufen wurde. Im Juli 1806 kam die Nach 
richt, daß in Paris der Friede geschloffen sei; doch ergab sich bald nachher, 
daß Kaiser Alexander denselben nicht ratifizierte, worauf der Krieg unver 
meidlich war. Am 9. August fand auf dem Tempelhofer Felde eine Parade 
statt, die äußerlich einen glänzenden Verlauf nahm, dem Eingeweihten aber 
ein bedenkliches Bild entrollte. Die Regimenter Kuhnheim, Möllendorf und 
Larisch machten im ganzen einen guten Eindruck; doch sah man bei den
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.