Path:
Periodical volume 15. Dezember 1894, Nr. 50

Full text: Der Bär Issue 20.1894

« 598 
Festungen zurückzugeben, wenn Magdeburg befreit sei, auf 
jeden Fall spätestens in zwei Monaten." Georg Wilhelm 
erwiderte daraus: „Er könne unmöglich dem Feinde des 
Kaisers, seines rechtmäßigen Oberherrn. Schlösser und Festungen 
einräumen, ohne sich vollkommenen Aufruhrs schuldig zu 
machen. Aber er versichere dagegen auf seine fürstliche Ehre 
und Treue, daß die genannten Festungen Gustav offen stehen 
sollten, im Falle ihn Unglück träfe." Man darf es dem 
schwedischen Könige nicht verübeln, daß er dieser naiven Zu 
sicherung nicht traute, sondern am nächsten Tage, nachdem 
General Gustav Horn in Berlin abermals eine abschlägige 
Antwort erhalten hatte, mit 400 Reitern und 1000 Musketieren 
auf Berlin losrückte. Der Kurfürst kam ihm mit seiner Gemahlin 
und mit seiner Schwiegermutter und seinen Räten entgegen, 
und im Treptower Gehölze der Köpnicker Heide fand zwischen den 
beiden Fürsten eine Unterredung statt. Georg Wilhelm bat 
im Verlaufe derselben, die wichtige Sache mit seinen Räten 
noch einmal besprechen zu dürfen. Während dieser Beratung 
unterhielt sich Gustav Adolf in der ihm eigenen liebenswürdigen 
Weise mit den Damen des Kurfürsten. Als dieser jedoch die 
Bitte seines Schwagers abermals abschlug, verfinsterten sich 
die Gefichtszüge des schwedischen Königs, und er ließ durchblicken, 
daß er die Erfüllung feiner Wünsche nötigenfalls erzwingen 
werde. Da legten sich die Kurfürstinnen, die das Aeußerste 
befürchteten, aufs Bitten und ersuchten ihn, er möge ihnen zur 
Stadt folgen, damit die Verhandlungen dort fortgesetzt werden 
könnten. Dieser Bitte entsprach Gustav Adolf, ließ sich jedoch 
von seinen 1000 Musketieren begleiten. Er halte selbst Mit 
leid mit der Lage seines Schwagers und sagte zu seiner Um 
gebung: „Ich verdenke es ihm nicht, daß er unruhig und 
bekümmert ist, denn es kann nicht geleugnet werden, daß es 
eine gefährliche und bedenkliche Sache ist. welche ich verlange. 
Aber es ist nicht zu meinem Nutzen, sondern zum Nutzen des 
Kurfürsten, seines Landes und seines Volkes, ja. der ganzen 
Christenheit. Mein Weg geht nach Magdeburg", fügte er 
laut hinzu, „zu dessen Rettung, um der protestantischen Christen 
heit willen. Ist keiner, der mir helfen will, wohlan, so ziehe 
ich mich zurück, schließe Frieden mit dem Kaiser, welcher mir 
gewiß keine billigen Bedingungen verweigern wird, worauf ich 
mich in Frieden und in Ruhe in Stockholm hinsetze, und das 
mit einem guten Gewiffen. Ihr aber werdet einst am jüngsten 
Tage verantwortlich sein für Euren Kleinmut, durch den Ihr 
die Sache des Evangeliums nicht zu unterstützen wagt. Ja. 
sogar in dieser Zeitlichkeit werdet Ihr die gerechte Vergeltung 
für Euren Eigennutz erhallen; denn wenn Magdeburg gefallen 
ist und ich mit meinen Truppen nach Schweden zurückgekehrt 
bin, wie soll es dann mit Euch und Eurem Lande gehen?" 
Der Kurfürst und seine Räte — Schwartzenberg hatte sich 
durch eine Reise nach dem Niederrhein dem Zusammentreffen 
mit Gustav Adolf entzogen — schwankten zwischen wechselnden 
Entschlüssen hin und her. Erst um neun Uhr abends, am 
dritten Verhandlungstage (4. Mai 1661), entschloß sich Georg 
Wilhelm schweren Herzens, Spandau den Schweden zu über 
geben und den Durchmarsch durch Küstrin zu gestatten. An 
den Kaiser richtete er sofort ein Schreiben, in welchem er sein 
Benehmen als ein durch die Zwangslage gebotenes hinstellte und 
sich mit der Furcht vor dem schwedischen Heere entschuldigte. 
Nun stand dem König von Schweden der Weg nach 
Magdeburg offen; doch schon in Potsdam ereilte ihn die Kunde. 
daß dieser Hort des Protestantismus gefallen sei (10. Mai 
1631), und daß die unglücklichen Bewohner der Stadt ein 
Opfer der Kroaten und Wallonen Pappenheims und Tillys 
geworden seien. An dem Falle Magdeburgs trug das Zögern 
Georg Wilhelms die Hauptschuld, und Gustav Adolf entbrannte 
in heiligem Zorn, als er den Sieg der Kaiserlichen erfuhr. 
Er bestand nunmehr auf dem Abschluß eines Schutz- und Trutz 
bündnisses mit Kur-Brandenburg, doch Georg Wilhelm konnte 
sich zu diesem nicht eher entschließen, als bis sein königlicher 
Schwager „mit fliegenden Fahnen und brennenden Lunten" 
vor Berlin zog (9. Juni 1631) und sein Heer in Schlacht 
ordnung vor den Thoren der brandenburgischen Hauptstadt 
aufmarschieren ließ; 90 Kanonen fuhren vor der Front des 
Heeres auf und richteten ihre Läufe drohend gegen das kur 
fürstliche Schloß. Ein Trompeter ritt nach der Stadt und 
forderte dieselbe auf, sich augenblicklich dem König von Schweden 
zu ergeben. Diese Drohung wirkte, die kurfürstlichen Damen 
übernahmen es wieder, den schwedischen König zu besänftigen, 
und am 11. Juni 1631 unterzeichnete Georg Wilhelm endlich 
den Bündnis-Vertrag mit Gustav Adolf. Er überließ in dem 
letzteren Spandau und Küstrin den Schweden, verpflichtete sich, 
bei einem Angriff des Kaisers an der Verteidigung unter 
Schwedens Oberbefehl teilzunehmen und zum Unterhalt von 
zehn schwedischen Reiter-Regimentern 30 000 und später 
40 000 Thaler jährlich zu zahlen. Georg Wilhelm schrieb 
wiederum einen demütigen Entschuldigungsbrief an den Kaiser 
und bewies durch denselben aufs neue, daß er von Hohen- 
zollernart so viel wie garnichts in sich fühlte. Dieses Bündnis 
war eine tiefe Demütigung des brandenburgischen Adlers, aber 
es war eine natürliche Folge der „unbewaffneten Neutralität" 
Georg Wilhelms, und im gewissen Sinne gab es diesem ein 
größeres Maß von Selbständigkeit: der Kurfürst durfte jetzt 
wenigstens Veranstaltungen zur Verteidigung seines Landes 
treffen, während ihm die Kaiserlichen nicht einmal gestattet 
halten, seine Truppen aus Preußen heranzuziehen. Es ist 
daher nicht die geringste Veranlassung vorhanden, um Gustav 
Adolf einen Vorwurf aus diesem Zwangsbündnis zu machen, 
wie dies Oskar Schwebe! in seiner „Geschichte der Stadt 
Berlin" thut: der schwedische König that, was ihm die Pflicht 
der Selbsterhaltung gebot, und Georg Wilhelm hatte sich durch 
seine Schwäche selbst vor die Alternative gestellt, entweder den 
Kaiser oder den Protestantismus zu verraten. — 
Zur Feier der „glücklichen Versöhnung" fand am'11. Juni 
abends ein Freudenfest im Berliner Schloßgarten statt. Die 
Fama berichtet, daß die Schweden bei diesem Feste, als 
sie Salutschüsse abgaben, es vergaßen, einige Kanonen zu ent- 
laden, so daß sechs Dreißigpfünder im Schlöffe und in den 
benachbarten Häusern einschlugen. In der Kugelkammer des 
königlichen Schlosses zu Berlin zeigt man noch jetzt mehrere 
polierte Kanonenkugeln, die von biefer Beschießung Berlins 
durch die Schweden herrühren sollen. Die scharfen „Freuden 
schüsse", die Gustav Adolf als ein „Versehen" seiner Kanoniere 
beim Kurfürsten entschuldigt haben soll, sind jedoch in das 
Gebiet der Fabel zu verweisen. Eine immerhin geschicktes Mo 
tivierung des Vorfalls ist die, daß man das scharfe Schießen 
als eine abgekarrete Posse erklärte, welche Georg Wilhelm in 
den Augen des Kaisers entschuldigen sollte; allein es ist nicht 
anzunehmen, daß Gustav Adolf seine Hand zu einem solchen 
Poffenspiel geboten habe, und noch viel unwahrscheinlicher,
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.