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Periodical volume 8. Dezember 1894, Nr. 49

Full text: Der Bär Issue 20.1894

« 582 s> 
rv HHühling 8es Mostevvoigis. 
Lin Leitbild dem sechzehnten Jahrhundert. 
Von S. Kurt, Hottz. 
(7. Fortsetzung). 
MW lrich Steindorf hatte Else heimgeleitet. Im Garten des 
****' Frechtinichlschen Hauses rasteten beide in der stillen 
Laube. Else vermochte ihre Gedanken kaum zu ordnen — 
was war doch seit gestern alles geschehen! Ulrich war von 
dem demütig hingebenden Wesen seiner Liebsten gefesselt, und 
doch hatte der wankelmütige Mann das peinliche Gefühl, als 
sei mit ihm Ungehöriges vorgegangen, das ihn später gereuen 
könne. 
„Wenn nur Mechtild die häßliche Anklage gegen mich 
nicht erhoben hätte! Ich habe weder Vater noch Mutter — 
sie weiß von meiner Sippe vielleicht mehr denn ich." klagte 
Else. 
Ulrich wurde unruhig. „Vermerne gehört zu haben. Du 
seiest der Köhlerin anverwandt, ist dem nicht so? 
„Wer nur die Wahrheit wüßte," jammerte fie, „der Voigt 
soll und muß mir Rede stehen." 
Und nun erzählte sie, um ihr bedrücktes Herz zu er 
leichtern, von der seltsamen Begegnung mit Schinderhannes 
und erwähnte der gehässigen Reden des roten Baltzer. Nur 
der letzten Begegnung mit dem Gesellen erwähnte fie nicht, 
eingedenk der Mahnung des Voigts. 
Diese Offenheit des arglosen, vertrauenden Mädchens 
war eine Unklugheit, denn nun keimte gleichzeitig mit der 
frisch aufgegangenen Saat junger Liebe das Mißtrauen in 
dem Herzen des Mannes. Sollte er doch sein Herz an 
eine Unwürdige verloren haben? Er sprach den Gedanken 
nicht aus — aber er war als ein Kind seiner Zeit in den 
Vorurteilen derselben befangen. 
Else suchte den Geliebten durch Liebkosungen zu trösten 
und ihm über tue bangen Sorgen hinweg zu helfen; als fie 
aber beim Abschied die Frage an ihn richtete, ob er entschlossen 
sei, bei ihr auszuhalten, wie es auch kommen möge, antwortete 
er ausweichend: „Verhoffe, es soll gut mit uns beiden 
kommen immerdar!" 
Else fühlte sich durch diese Antwort nicht befriedigt — 
fie hatte eine bedingungslose Zusage erwartet, doch mußte fie 
sich vorläufig bescheiden. 
Im Hause fand fie keinen freundlichen Empfang. Frau 
Ursel war über die Erlebniffe ihres Bruders sehr ärgerlich, 
fie suchte Else ein gutes Teil Schuld daran in die Schuhe 
zu schieben. 
Meister Jochen schlief den Schlaf der Gerechten. Er 
schnarchte so vernehmlich, daß schon die Thatsache, daß er 
betrunken heimgekehrt, Elses Aussage hätte bestätigen müssen. 
„Das komme daher, wenn man sich vom Mitleid für 
verlassene Kinder hinreißen lasse — Undank sei der Welt 
Lohn — nun habe man das Unheil im Hause!" Mit solchen 
und ähnlichen Reden setzte die Hausfrau die Geduld Elses 
auf eine harte Probe. 
Und diese riß denn auch zuletzt, dem gequälten Mädchen 
lag zu viel auf dem Herzen. Sie stellte plötzlich an die ver 
blüffte Pflegemutter das Anfinnen, fie möge ihr doch endlich 
mitteilen, was es mit ihrer Herkunft für eine Bewandtnis 
habe. Sei diese eine Schande für fie, so sei es eine unver 
schuldete. aber wissen wolle sie jetzt die volle Wahrheit. 
Darob sah fie Frau Ursula sehr bestürzt und geärgert an. 
„So, willst Du? Na, dann geh zu Pate Gottfried! Der 
hat Dich aus der Taufe gehoben und tanzt ja noch immer 
nach Deiner Pfeife. Mich aber laß ungeschoren, und danke 
Gott, daß er Dich in ein christlich Haus geführt hat, darin 
Zucht und Sitte herrschen!" 
Sprach's und schlug Else die Thür vor der Nase zu. 
Dann begab sich die würdige Frau in ihre Schlafkammer und 
kam nicht wieder zum Vorschein. 
Else verrichtete die ihr zukommenden Arbeiten mit ge 
wohnter Pünktlichkeit, legte Bärbchen ins Bett, sah danach, 
daß auch Hanie sein Lager aufsuchte, und dann hoffte sie 
selber Ruhe zu finden. 
Aber der Schlaf floh ihre brennenden Augen, beklemmende 
Angst legte sich auf ihre Brust, sie dachte voll Sehnsucht des 
fernen Geliebten. Dann fiel ihr besonders schwer aufs Herz, 
daß sie von dem Voigt in Unfrieden geschieden war. Von 
diesem irrten ihre Gedanken zu dem roten Baltzer — ja, 
wenn der Voigt ihn — um ihretwillen — ins Wasser 
gestoßen — konnte sie je Vergebung, Frieden finden? Eine 
Hexe sollte sie sein — unehrlich, hatte Mechtild gesagt. O. 
wie das wurmte da innen, die Pulse schlugen, der Kopf 
brannte! Würde Ulrich ihr je verzeihen? Wenn fie nur 
beichten könnte, aber wem? — Richtig, dem Pater Gottfried! 
Hin zu ihm, gleich, auf der Stelle — vielleicht fand fie dort 
Trost, Frieden! 
Noch war es nicht über die zehnte Stunde hinaus. 
Klaus befand sich beim Osterfeuer, auch die Magd hatte sie 
heimlich davon schleichen sehen, wahrscheinlich zu einem Stell 
dichein mit dem Schatz. 
Wer konnte es ihr verargen, wenn sie nun. um der 
Ruhe ihrer Seele willen, noch den alten Freund und Berater 
aufsuchte! Es befanden sich ja noch Hunderte von vergnügten 
Menschen unterwegs, alle freilich in der Richtung nach dem 
Marienberg hin. Zudem schien der Mond so hell, daß man 
weit um sich sehen konnte, ganz anders, als in der ver 
gangenen Nacht. Furcht verspürte sie keine, nur den Wunsch, 
ihr Herz zu entlasten. So folgte dem Entschluß die That 
auf dem Fuß. Schnell war sie wieder angekleidet, hing ein 
verhüllendes Tuch über den Kopf und schritt lautlos durch 
das Haus der Hinterthür zu. Frau Ursulas Schlafkammer 
lag im Oberstock, der Straße zu. so konnte fie unbemerkt ent 
schlüpfen. 
Zu ihrem Schrecken weilten auch auf dem Weinberg noch 
Leute, aber es waren keine Fremde, auch keine Nachzügler, 
sondern nur der Wirt mit seiner Frau und einigen Dienst 
leuten, die am Nachmittag Bier und Speisen feilgehalten 
hatten. 
Die Leute waren Else wohlbekannt. Sie suchten nach 
verstreutem Geschirr, räumten Fässer und Krüge zusammen 
und waren dabei lustig und guter Dinge, weil fie guten Ver 
dienst gehabt hatten. Ungesehen konnte Else nicht vorüber
        
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