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Periodical volume 1. Dezember 1894, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Otto Lesfing nach dem Entwürfe des Hosbaurats Ihne festgestellt hat 
Die beiden Schmalseiten deS Saales nach der Lustgartenseite wie nach der 
Kapellenseile zu sind durch offene Balkon« mit Balustraden zwischen Doppel 
säulenstellungen ausgefüllt, die beiden Langseiten nach dem Schloßhose wie 
nach der Schloßfreiheit in Flächen wie in den Pilastern im wesentlichen 
mit Hellem Marmor bekleidet. Die Nischen sind für die Ausstellung von 
neun Marmorbildern der Herrscher Preußens bis zum großen Kurfürsten 
zurück bestimmt. Vorläufig sind nur Modelle im verkleinertem Maßstabe 
hergestellt, die bestimmt sind, in vergrößertem Maßstabe in Marmor 
nachgebildet zu werden. Bekanntlich hat der Kaiser in einer Konferenz mit 
Berliner Bildhauern die darzustellenden Herischer-Persönlichkeiten festgestellt 
und Fingerzeige für die Auffassung der Figuren an die Hand gegeben. 
Der Weiße Saal soll mit Aufbietung der ersten künstlerischen Kräfte und 
mit Darbietung reicher Mittel des KronfideikommiffeS einer der schönsten 
Säle Europas im Stile der italienischen Barock-Renaiffance werden. 
Der Sevlirrer: Trevsictiutzrrorrein hat auch für dar Jahr 
1895 wieder einen Kalender herausgegeben, welchen wir unseren Lesern 
hierdurch angelegentlichst empfehlen. Das Kalendarium ist mit ganz reizen 
den Kopfleisten versehen, auch der übrige Bilderschmuck reich und eigen 
artig. Die Erzählungen haben in stets verändertem, ansprechendem Ge 
wände als Grundlage das Wort: «Thue deinen Mund auf für die 
Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind!" — Die letzten acht 
Seiten des hübsch ausgestatteten Büchleins enthalten in „wissenswerten 
Notizen und Zahlen für jung und all" ein so reicher statistischer Material, 
wie wohl kein andere« er aufzuweisen hat, ES sollte insbesondere kein 
Kind geben, dar diesen Kalender nicht in die Hand erhielte — Vereins-, 
Kirchen- uno Schulvorstände. Geistliche, Lehrer und Eltern werden der 
guten Sache wie der Jugend einen Dienst erweisen, wenn sie dem Kalender 
die weiteste Verbreitung verschaffen. Er kostet einzeln 10, in Posten von 
je 100 Exemplaren lvon Beringer, Berlin S.W. Königgrätzer-Str. 108, 
bezogen) nur 5 Pfennige — weniger, als der Selbstkostenpreis betiägt. 
Außer dem Kalender hat der Berliner Tierschutz-Verein noch eine 
Bildermappe herausgegeben, ein Sammelwerk ganz eigener Art. Humor- 
und gemütvoll aufgefaßte Tiergruppen von Schuch, Knaus, Parlaghi, 
Giacomelli, Genrebilder von Gentz, Defregger, Büchner u. a. geben in 
60 Blättern eine wunderhübsche Gallerie, die, elegant ausgestattet, einen 
Schmuck für jeden Geburtstags- und Weihnachtstisch bildet. Der Preis 
beträgt 10 Mk., und der gesamte Reinertag ist bestimmt zur Bekämpfung 
der Massentierguälereien (beim Schlachten und Transport der Tiere, beim 
Fisch- und Vogelfang u. s. w.) oder zur Erreichung der edlen Zweckes: Mit 
leid und Erbarmen da zu wecken, wo bisher Herzenshärte und Gleich 
giltigkeit herrschte gegenüber den Leiden rechtloser Geschöpfe. P. W. 
Kloster Kt. Georgen ;u Stein a. |J4jei«. Bekannt 
lich soll auf Einladung der Vereins für die Geschichte des BovcnseeS und 
seiner Umgebung die nächstjährige Generalversammlung deS Gesamtvereins 
der deutschen GeschichtS- und AltcrtumSvereine in Konstanz stattfinden. 
Den Teilnehmern an dieser Versammlung wird ein besonderer Genuß ge 
boten werden. In der Nähe von Konstanz, dort, wo der Rhein den 
Bodensee verläßt, liegt daS Kloster St. Georgen zu Stein am Rhein. 
Dies von Frau Herzogin Hadwig — durch Scheffels Ekkehard allgemein be 
kannt — ursprünglich auf dem Hohentwiel gegründete, kurz daraus aber nach 
Stein a. Rh. veipflanzte Kloster wird in seinem mittelalterischen Schmucke 
wiederhergestellt. Mit dem Jahre 1895 wirb die Restamation im wesent 
lichen vollendet sein. Dann soll im August 1895 in den kunstgeweihten 
Räumen der Abtei die Vorzeit für einige Wochen wieder in ihrem vollen 
Glanze aufleben, d. h. er soll dar ganze Kloster mit Werken der Kunst 
und des Kunstgewerbes aus alter Zeit und in altem Stile ausgestattet 
werden. Gotische und Renaiffancemöbel, GlaSgemälde, kirchliche Alter- 
tümer, HauS-, Küchen-, Keller- und Wirtschaft« Geräte jeder Art, Hand 
schriften, Bildwerke, Münzen, Urkunden u. s. w. werden da« Auge deS 
Besuchers erfreuen. Kurz und gut, er wird ein ganzes Kloster aus diese 
Weise aus dem Mittelalter erstehen, und sich den staunenden Blicken der 
Gegenwart darbieten. 
Mchcrtisch. 
Allgemeine Gefktxirtito der bildenden Künste. Von 
Prof. vr. Alwin Schultz. Mit zahlreichen Textillustrationen, 
Kunstbeilagen, Tafeln und Farbendrucken. 4 Bände, ca. 
1600 Seiten, vollständig in etwa 30 Lieferungen ä 2 Mk., welche 
in zwanzig bis vierundzwanzig Monaten erscheinen werden. Berlin. 
Verlag der G. Groteschen Verlagsbuchhandlung. 
Neben den vorhandenen „Leitfaden" und „Grundriffen" hat es 
bisher an einer zufammenfaffenden, auf wissenschaftlicher Grundlage be- 
ruhenden, aber für alle Kunstfreunde geschriebenen, eingehenden Darstellung 
der Entwickelung der bildenden Künste fühlbar gefehlt. Der durch seine 
kunsthistorischen Arbeiten in den weitesten Kreisen beliebte Gelehrte, Professor 
Alwin Schultz, bietet nun in seinem jetzt erscheinenden Hauptwerk ein höchst 
zeitgemäßes Werk, in welchem er die reichen Ergebniffe der kunsthistorischen 
Forschung der neuesten Zeit zusammengefaßt hat zu einer klar und ge 
schmackvoll ausgearbeiteten, vollständigen Darstellung der EntwicklungS- 
ganges der bildenden Künste von den ältesten Zeiten der Aegypter bis 
herab aus die „Modernen" unserer Gegenwart. Der Gelehrte hat hier 
weniger für seine BerufSgenossen, alS vielmehr für alle Kreise deS ge 
bildeten und Bildung erstrebenden Publikums gearbeitet; am Familientisch 
soll sein Werk benutzt werden und zu lebendig förderndem Wirken ge 
langen. 
Diese neue allgemeine Kunstgeschichte enthält eine umfaflende, 
glänzende, künstlerische Illustration, in der sich dar gesamte Kunstschaffen 
aller kunstpflegenden Völker in reicher Fülle der Beispiele intereffant und 
wirkungsvoll abspiegelt. Ein Blick in die vorliegende erste Lieferung läßt 
nicht darüber in Zweifel, daß diese Aufgabe glücklich durchgeführt werde. 
Diese vortrefflichen Tafeln und Textbilder gewähren eine Anschauung der 
dargestellten Kunstwerke, die zu bilden und zu erfreuen vollkommen geeignet 
ist. Daher wird sich denn diese neue „Allgemeine Kunstgeschichte" jedem 
Gebildeten bald unentbehrlich machen. Sie will den Kunstsinn pflegen, 
die Freude am Schönen und an den über die Alltagswelt erhebenden 
Kunstwerken fördern; sie will dem Bedürfnis des Publikums dienen, dar 
ein intimeres Verhältnis zu den bildenden Künsten erstrebt, wie das der 
Zug unserer Zeit, in der die bildende Kunst immer mehr an praktischer 
Bedeutung gewinnt, mit sich bringt. Ein solcher Plan, mit so reicher 
Kraft, wie der Anfang zeigt, durchgeführt, verdient überall die beste 
Aufnahme. 
Girr rrorrer: Spielkamerad irr Srtirrlo, Karrs rrrrd 
Garten. Herausgegeben von Friedrich Gindler, städtischer 
Lehrer in Berlin, und Hermann Schrämte, Königl. Musik- 
Direktor in Berlin. Verlag von W. Paulis Nachfolger (H. Jerosch) 
Berlin. Preis 8,50 Mk. 
„Nichts ist mehr geeignet, im Kinde alle guten Eigenschaften und 
Tugenden zu wecken und zu pflegen als edles Spiel," sagt Friedrich 
Gindler in der Einleitung zu vorerwähntem Buche. Diese Behauptung 
kann jeder Jugenderzieher unterschreiben. Leider nimmt dar Spiel im 
Rahmen des heutigen Jugendunterrichts noch nicht die ihm gebührende 
Stelle ein. Dar Kind mutz einen Schatz von edlen Spielen und dazu 
gehörigen Liedern mit ins Haus hinübernehmen. Die Phantasie, die bei 
dem Kinderspiel eine so hervorragende Rolle spielt, muß mit edlen Vor 
stellungen erfüllt werden, und die veredelte Freude mutz dem Kinde zur 
zweiten Natur werden. Die Kinder müssen sich nicht ratloS fragen dürfen: 
„Was spielen wir nun?" — um dann, wenn sie auS Mangel an geeigneten 
Spielen keine Antwort finden, sich dem ausgelassensten Toben im HauS 
und auf der Straße hinzugeben und das Eigentum des Nachbars aus 
Mutwillen zu schädigen. Da erscheint eS uns am Platze, aus dar ein 
gangs erwähnte Buch von Friedrich Gindler hinzuweisen. ES entbält 
Spiele für jedes KindeSalter, für jedes Geschlecht passend, für Land- und 
Stadtschulen gleich gut geeignet. (Soldatenspiele, Märsche, Reiter- und 
Pserdspiele, NachahmungS-, Fang-, Hasch- und Tanzspiele). Die Liedertexte 
von Friedrich Gindler zeigen gesällige, leicht erlernbare, ungemein an 
sprechende, zum Teil sehr poesiereiche Weisen, wie sie Kinder gerne singen 
und leicht erlernen. Dem durchweg originellen Texte schließen sich die 
Melodiken, von dem Königl. Musikdirektor Schrämte komponiert, würdig an. 
DaS reizend ausgestattete Buch ist eine vorzügliche Gabe des deutschen 
Büchermarktes. II. M.-B. 
Moder ner Granalschmuck. Wenn man sieht, wie prächtiges Ge 
schmeide heute auS Granaten angefertigt wird, dann muß man billig staunen, 
daß dieser edle Stein so lange von der Juwelierkunst unbeachtet blieb. 
Freilich ist es erstaunlich, was die verfeinerte Schleistechnik unserer Tage, 
gepaart mit künstlerisch gebildetem Geschmack, zu leisten vermag. Man 
fertigt heute Schmucksachen, bei denen einem Granaten von künstlerischem 
Schliffe Rauten und Brillanten als Folie und Umrahmung gegeben werden, 
ohne seine Schönheit zu beeinträchtigen. Wir haben Steine in Facetten- 
Cabochon- und Pyramidenschliff gesehen, die er an Feuer und Farben 
schönheit mit einem Rubin aufnehmen können und auch an Wert diesen 
König unter den Edelsteinen erreichen. Er giebt nichts schöneres, als auf 
dem weißen Halse einer schönen Frau ein Granatencollier, von dem die 
roten Tropfen an langen Goldgliedern niederfallen. ES ist eine Abschrift 
dieser schönen Natur, wenn man neuestens darauf verfallen ist, Granaten 
auf Perlmultergrund zu fassen. Der matte Glanz der weißlichen Unterlage 
und das dunkle Rot vereinigen sich zu schöner Wirkung. Zigarettenbüchsen, 
Feuerzeuge, Falzbeine, Haarpscile werden in diesem edlen Doppelmaterial 
in ganz wunderbarer Ausführung angefertigt; ein Sonnenschirm auS weißer 
Seide mit einem Perlmutter- und Granatgriff, wie wir ihn gesehen haben, 
muß dar Entzücken der verwöhntesten Frau erregen. Alle Formen weiß 
man dem Granat zu geben, die einem stilvollen Ornament dienstbar sein 
können; eS giebt reizende Broschen, die einen Blumenzweig darstellen, bei 
welchem die Granaten eigens in Blattform geschliffen sind. Aehnliche 
Wirkung wie die Perlmutter übt ein Kranz von Perlen um einen be 
sonders schönen, hochgeschliffenen Granat. ES giebt Kostbarkeiten ohne 
Zahl, die sich aus diesem prächtigen Material hervorbringen lassen, Kostbar 
keiten, die nur den Begütertsten zugänglich, aber er giebt auch unzählige 
Schmuckstücke aus Granaten, die selbst den mit Glücksgütern minder Ge 
segneten leicht erschwinglich sind. Beweis dafür sind die Scharen der 
Schau- und Kauflustigen, die sich alltäglich in dem Lokal der vornehmsten 
Berliner Granatenniederlage von I. Rcimann, Berlin, Friedrichstr. 189, 
zwischen Mohren- und Kronenftraße, einfinden. 
Kni,alt: Der Schützling des Klostervoigts. Ein Zeitbild 
aus dem sccbSzehnten Jahrhundert. Von B. Buchholz (Fortsetzung). — 
Hinter den Coulissen der Kriegsgeschichte. Von Carl Stichler. 
— Von Fürstenberg nach Lychen. Eine Herbstsahrt von Ernst 
Friede! <n»t Abbildungen). — Kleine Mitteilungen: Der Umbau 
der Weißen Saales im Königlichen Schlöffe. — Der Berliner Tierschutz 
verein. — Kloster St. Georgen zu Stein a. Rhein. — Büchertisch. — 
Anzeigen.
        
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