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Periodical volume 1. Dezember 1894, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Gesandten Grafen Karl von Rudenskiöld (später schwedischer 
Retchsrat und Kanzler der Universität Upsala). Graf Brühl 
»erschnappte sich mit vorlauter Aeußerung bei munterer Spiel- 
partie gegenüber 'dem genannten Vertreter Schwedens, der 
auch bei Friedrich dem Großen beglaubigt war. diesen hoch 
verehrte und ihm das Vernommene schleunigst berichtete. 
Als eigentlicher Urheber und Züchter des danach im sieben 
jährigen Kriege sowie auch später während den napoleonischen 
Feldzügen zu schlimmster Entfaltung in Deutschland gelangen 
den und darauf auch zumeist gegen Preußen gerichteten 
Kundschafterunwesens zeigt sich der gefeierte französische Marschall 
Moritz von Sachsen, der im ersten schlesischen Kriege Prag er 
oberte und als Heerführer hochgeschätzt wurde von seinen 
Zeitgenoffen. Dieser frühzeitig endende Feldherr bekundete 
in der Wahl und in der Verwendung seiner Armeekundschafter 
eine außerordentliche Menschenkenntnis. „Ist der Krieg 
militärdiplomatisch gut .vorbereitet, so ist die Aufgabe der 
Armee um die Hälfte erleichtert!" äußerte Moritz von Sachsen 
bei Rechtfertigung derartigen Vorgehens. 
Wurde damals der eigentlichen Militärdiplomatie Frank 
reichs durch Ueberlassung der Hauptaufgaben an Armeekund- 
schafier mancher Auftrag entzogen, so rächte sich dieses Ver 
fahren zunächst dadurch, daß die wirklichen militärdiplomatischen 
Vertreter Frankreichs bald ziemlich unfähig und leichtgläubig 
sich erwiesen, sobald sie im Felde und besonders in fremden 
Hauptquartieren größere Unternehmungen persönlich beobachten 
und dann darüber berichten sollten. 
In dieser Hinsicht sei hier nochmals eine höchst be 
zeichnende Anführung des schon oben erwähnten Reichsgrafen 
von Schmettau gestattet, der im Herbste 1741 die Dienste 
eines Generladjutanten im preußischen Hauptquartiere über 
nommen hatte und dabei fast Unglaubliches erlebte. 
Der französische Militärdiplomat Marquis de Vallory 
befand sich damals bei dem Gefolge Friedrichs des Großen, 
um die preußischen Unternehmungen zu beobachten und über 
den Verlauf derselben an das Kabinett zu Versailles berichten 
zu können. Frankreich war mit Bayern gegen Oesterreich 
verbündet und bekundete daher für den Fortgang der preußischen 
Heeresbewcgungen ein reges Interesse. 
Friedrich II. hatte jedoch im Monat September des 
Jahres 1741 schon die besten Aussichten, mit Oesterreich sich 
verständigen und einen guten Frieden abschließen zu können. 
Geheime Verhandlungen waren schon eingeleitet, und ebenso 
verborgen und geschickt hatte der König mit dem österreichischen 
Oberbefehlshaber Graf Neipperg persönlich vereinbart, daß der 
Krieg vorläufig nur scheinbar geführt werden solle, bis der 
Ausgang der eingeleiteten Geheimverhandlungen entweder 
gänzlichen Abschluß oder die wirkliche Fortsetzung des Krieges 
herbeiführen würde. 
Von dieser geheimen Verständigung mit dem österreichischen 
Oberbefehshaber sollte der im preußischen Hauptquartiere 
weilende Vertreter Frankreichs nichts erfahren. Auch hervor 
ragenden preußischen Offizieren, die dem Gefolge des Königs 
angehörten, blieb die eigentliche Sachlage zunächst unbekannt. 
Unter diesen Umständen konnte der Reichsgraf von 
Schmettau zu seiner großen Verwunderung am 25. September 
1741 ganz ungestört bei Kopitz eine Pontonbrücke für den 
Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau errichten. Die am jen 
seitigen Ufer befindlichen Kroaten zogen sich „respektvollst" zu 
rück, und sobald zwei preußische Bataillone über diese Brücke 
hinüber gezogen waren, begann auf Befehl des Königs ein 
lebhaftes Geschützfeuer, obwohl man vom Feinde nichts wahr- 
nehnien konnte. 
Wörtlich lautet der weitere Bericht in der in Berlin 
1806 veröffentlichten Lebensgeschichte Schmettaus: „Zu gleicher 
Zeit unterhielt der Feldmarschall Schwerin ein ebenso heftiges 
Kanonenfeuer in der Gegend von Hennersdorf. Im Haupt 
quartiere des Königs befand sich der Marquis de Vallory als 
französischer Gesandter. Er erkundigte sich bei allen Offizieren, 
welche in der Suite des Königs dienten, nach der Menge der 
Toten und Verwundeten bei diesem Gefecht, und da es unter 
der Hand einem jeden gesagt war, wie hoch die Anzahl ange 
geben werden sollte, traf ihre Aussage zusammen. Niemand 
konnte den Grund dieses seltsamen Benehmens erraten, bis 
man nach und nach erfuhr, daß der König selbst heimlich in 
Schnellendorf mit dem Feldmarschall Neuperg (Neipperg) 
zusammengekommen war rc. rc." 
Der obengenannte französiche Vertreter wurde vollständig 
getäuscht, er war auch Augenzeuge einer Belagerung von 
Neiße, die mit wirklicher Uebergabe dieses Platzes und mit 
dem Einzüge der Preußen endete. In guter Ueberzeugung 
konnte der eifrig beobachtende Marquis das Gesehene und 
Erlebte nach Versailles berichten. Daß in seinem Beisein 
zwischen der wirklichen Kricgsthätigkeit ein täuschendes Krieg 
spielen stattgesunden, ahnte der gute Mann keineswegs. 
Leider führten die erwähnten geheimen Verhandlungen 
zwischen Oesterreich und Preußen damals noch nicht zu dem 
von Friedrich II. erwarteten Friedensschlüsse. Der Krieg mußte 
mit wirklichen Kämpfen wieder aufgenommen werden, bis die 
Verträge von Berlin und Breslau in den Monaten Juni und 
Juli 1742 den Frieden brachten. 
Der zweite schlesische Krieg, der mit dem Frieden von 
Dresden im Monate Dezember 1745 endete, sicherte Friedrich 
dem Großen den Besitz Schlesiens, ließ aber als Früchte 
verschiedener Sonderbündnisse die Keime zu neuen, größeren 
Verwickelungen bestehen. 
Unter eigentümlichen Umständen erfolgte dann elf Jahre 
später der Ausbruch des großen Krieges, dessen Beginn und 
wechselvoller Verlauf sehr verschiedenartig beurteilt und be 
leuchtet wird. Die Fabel von der Verleitung des sächsischen 
Geheimkanzlisten Friedrich Wilhelm Menzel zu Treubruch und 
Verrat erweist sich bei näherer Prüfung haltlos. Der genannte 
sächsische Geheimschreiber hatte Kassengelder des Staates ver 
untreut, befand sich in größter Sorge wegen Deckung der 
fehlenden Barbeträge und faßte in dieser Zwangslage den 
verzweifelten Entschluß, durch Verrat wichtiger Staatsgeheimnisse 
sich das ausgegebene Geld wieder zu verschaffen. 
Der Inhalt der Urkunden, die dieser auf schlimme Ab 
wege geratene Mann dem in Dresden weilenden preußischen 
Gesandten Freiherrn von Maltzan zur Kenntnis brachte, erwies 
sich so wichtig und so gefahrvoll für den preußischen Staat, 
daß der Vertreter Preußens gezwungen war. seinem Monarchen 
darüber zu berichten. Der Verlauf dieser Angelegenheit 
beweist wieder, daß der Spürsinn preußischer Diplomatie damals 
nicht hoch entwickelt war, daß von einer „umfassenden, schlau 
eingerichteten" Spionage nichts hierbei entdeckt werden kann, 
und daß man auf preußischer Sette über die vom Geheim 
schreiber Menzel gelieferten Beweisstücke hinaus nichts erü-
        
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