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Periodical volume 24. November 1894, Nr. 47

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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ihr heute so absonderlich verstellt vorkam, Sieger bleiben 
werde, schien ihr zweifelhaft. Namenlose Angst hemmte 
ihre Schritte, der Herzschlag stockte. Jetzt wälzten sich die 
beiden dunklen Gestalten, zu einem Knäuel zusammengeballt, 
am Boden und kollerten dem Rande des gurgelnden Wassers zu. 
Noch einmal drang ein gottloser Fluch an ihr Ohr — dann 
ein dumpfer Fall — die Wasser spritzten auf — sie sah 
und hörte nichts mehr. Wie von Furien gejagt, eilte sie 
von dannen, niemand folgte ihr. doch die Todesangst, die stch 
in ihrem Herzen festgenistet hatte, blieb bei ihr und hielt den 
Schlaf von ihren Augen fern. — 
Ostermorgen! Hell und wärmend schwamm der Sonnen 
ball am Himmelsgewölbe, er verhieß den schönsten Festtag, 
den sich die vergnügungslustige Welt nur denken konnte. Das 
Auferstehungsfest des Herrn durfte ein ehrlicher Christenmensch 
wahrlich frohen Herzens auch außerhalb der Kirche begehen. 
Mochten die Strenggläubigen der Ceremonie in der Kirche 
beiwohnen, alle, die des äußeren Anlasses bedurften, um 
fromm zu sein! 
Meister Jochen hatte in seiner Selbstgerechtigkeit derartiger 
Anregung nicht nötig, nein, er freute sich auch ohne Kirchen 
besuch rechtschaffen des Festes, verlangte nur seinen Lamm 
braten, um sich her vergnügte Gesichter und hernach — ja 
davon sagte er seiner Schwester Uisula nichts. Daß er ihr 
kurz und bündig auseinandersetzte, warum er ihrem Drängen, 
in die Kirche zu gehen, nicht nachgab, sondern seine Schritte 
nach dem Marienberg richtete, um zu sehen, wie viel Holz 
dort für das heute zu veranstaltende Osterfeuer bereit lag, ja 
möglicherweise selber noch einige Scheite dazu zu stiften, 
schien ihm hinreichend genug der Aufmerksamkeit. 
Elschen war freilich unaufgefordert in die Frühmette 
gegangen, das liebe Kind sah so bleich, so ernst und doch so 
zaghaft aus, als habe sie in dem Herrn Jesu Christ ihren 
leibhaftigen Bräutigam zu Grabe getragen und könne doch keine 
rechte Freude an seiner Auferstehung finden. 
Na, die rechte, wahre Freude sollte ihr ja der Nach 
mittag bringen, das hatte sich Meister Jochen zugelobt. Was ! 
würde das bescheidene Kind für Augen machen, wenn er. der 
Herr und Meister — die Ehre war eigentlich auch zu 
groß also dachte bei sich der verliebte Freier. 
Frau Ursula hatte bereits am frühen Morgen im Hause 
Umschau gehalten, um zu ergründen, ob Else Osterwasser geholt 
habe. Richtig, da stand ein Krug mit klarem, weichem Wasser, 
der sonst nicht benutzt wurde, darin mußte das Wunderwasser 
sein, auf dessen Heilkraft die immer noch leidende Frau so 
große Hoffnung setzte. Besser war besser; lieber das edele 
Naß in Sicherheit bringen, als auf Elses Freigebigkeit warten. 
Die vorsorgliche Hausfrau entleerte also heimlich den schon 
gestern abend mit gewöhnlichem Havelwasser gefüllten 
Krug und füllte ihn mit frischem Brunnenwasser. Else war 
ja jung, gesund und kräftig, bei der konnte die Einbildung schon 
Wunder verrichten. — 
Else war beklommenen Herzens in die Küche gegangen, 
sie wollte, mußte sich Gewißheit verschaffen, ob der Voigt ohne 
Schaden von seinem nächtlichen Abenteuer heimgekehrt sei. 
Wer von den beiden war ins Wasser gestürzt — oder 
waren gar alle beide ertrunken? 
Das waren Fragen, die sie unablässig beschäftigten — 
und heute, heute wollte er — ach sie hatte sich dies heute so 
ganz anders vorgestellt! 
Von der Osterpredigt hatte sie gar wenig Genuß. Während 
der Geistliche sein Möglichstes that, die Anwesenden durch 
Erzählung von erbaulich lustigen Geschichten zu unterhalten, 
saß sie mit thränenden Augen da und musterte angsterfüllt die 
kleine Gemeinde — der Voigt fehlte auf seinem gewohnten 
Platze. Großer Gott, sollte er sein Leben für sie gelassen 
haben? . . Nur das nicht, nur das nicht! Viel lieber wollte 
sie — nein, ein Gelübde konnte, wollte sie doch lieber noch 
nicht thun — vielleicht!! 
Von Zweifeln gequält, verließ sie die Kirche. Nun mußte 
sie den Voigt in seiner Wohnung aufsuchen; bas Stübchen war 
vcrschlossen. So war er doch nicht zurückgekehrt!? Ihre Knie 
schlotterten, sie schlich durch den Klostergarten — da — ihr 
Name wurde gerufen. Wie Engelsmusik drang der Ruf der 
bekannten Stimme in ihre Ohren — der Voigt schritt, 
in eine dicke Kutte gehüllt und dennoch fröstelnd, auf sie zu. 
Im Umsehen gingen ihre Gedanken andere Wege. Nun war 
das Gefürchtete ja nicht eingetroffen — wie albern, daß sie 
stch so unnötig geängstigt hatte! Der Streit war gewiß garnicht 
so ernst gewesen — wozu desselben erwähnen, wenn der Voigt 
nicht selber davon anfing? Die Selbstsucht errang in ihrem 
leicht beweglichen Gemüt die Oberhand, sie fürchtete unan 
genehme Auseinandersetzungen, warum sollte sie dieselben heute 
am Festtage selber herbeiführen? 
Else fand schnell den gewohnten, freundlich demütigen 
Ton in ihrer Anrede, als sie dem Paten gegenüber stand. 
„Die Frau Muhme läßt dem Herrn Paten ihren Fest 
gruß vermelden und daran erinnern, daß der Lammbraten 
besonders saftig für heute mittag zubereitet wird, damit der 
Herr Pate unser zufriedener Gast sein möge." 
— „Sage der Frau Meisterin Dank — werde mich jedoch 
heute mittag mit geringerer Kost zu Hause begnügen, da der 
Hunger fehlt", entgegnete Pater Gottfried ziemlich mürrisch; 
— er hatte doch wohl andere Rede aus dem Munde Elses 
erwartet, ihre Leichtfertigkeit verdroß ihn augenscheinlich. 
Else fühlte sich doch etwas verlegen —sollte sie dennoch? 
„Was hast Dll zu Haufe von den Vorgängen auf 
dem Weinberg berichtet?" brach er das Schweigen und machte 
durch diese direkte Frage ihrem Zaudern ein Ende. 
— „Nichts", stammelte sie, „ich wußte nicht — was 
sollte ich — " 
„So halte auch fernerhin Deine Zunge im Zaum, das 
rate ich Dir um Deiner selbst willen. Und halte Dich heilte 
dem Feste fern, es könnte Dir übel ergehen, wenn —" er 
verschluckte den letzten Satz, drehte ihr den Rücken zu und 
schritt ohne Gruß von dannen. 
Nach kurzem Ueberlegen wendete sich auch Else und eilte 
heimwärts. 
Nein, der mißmutige Alte besaß nicht das Recht, ihr die 
Teilnahme an dem Vergnügen zu versagen, folglich hatte sie 
auch nicht die Verpflichtung, ihn um seine Zustimmung zu 
bitten. Er wußte ja auch nicht, welch großem Glück sie ent 
gegenging. sagen konnte, wollte sie ihm vorher nichts von 
ihren Hoffnungen. Da war denn nun wieder Stillschweigen
        
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