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Periodical volume 24. November 1894, Nr. 47

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Sie reichte ihm ihre arbeitsharte Rechte, er berührte sie 
indesieii kaum und ging mit stummem Kopfnicken davon. 
Else kehrte mit bedrückiein Herzen tps Haus zurück, 
jedoch nicht ohne vorher den Pfortenschlüssel an sich genommen 
zu haben — es war doch sicherer, ihn heute schon in Händen 
zu haben. Die Erinnerung an den Zwischenfall mit dem 
Henker und das gehässige Betragen Baltzers war wieder 
lebendig geworden. Warum hatte jener sie Recha und dieser 
Judenhexe genannt? Juden durften in der Stadt nicht 
wohnen. Seitdem die beiden letzten Schutzbefohlenen wegen 
des Hostiendiebstahls in Berlin samt den übrigen Juden 
hingerichtet waren, wagte sich selten ein Handelsmann durch 
die Straßen. — Vielleicht hatte sie sich doch verhört, jedenfalls 
wollte sie zu gelegener Zeit die Muhme darum befragen, 
hoffentlich stand ihr diese ausgiebiger Rede als der Voigt. 
Der Kalender zeigte Mondschein an, doch der Himmel 
war bewölkt. Immerhin herrschte nicht so jähe Finsternis 
als in mondfcheinlosen Nächten, zudem zeigte sich bereits ein 
fahler Dämmerschein am östlichen Horizont, als Else, den 
großen Krug in der Hand, über den Weinberg schritt. Sie 
hatte über den Kopf ein großes Tuch geschlagen, das ihre 
Gestalt verhüllte, und je zaghafter ihr in der nächtlichen 
Stunde ums Herz war, um so schneller suchte sie vorwärts 
zu kommen. Es sah auch jetzt hier so ganz anders aus. als 
am hellen Tage. Aus den tiefen Mauernischen gähnte sie 
eine undurchdringliche Finsternis an. und gerade neben einer 
solchen Nische befand sich das Pförlchen. Der Schlüssel 
kreischte im Schloß, als wolle er sie warnen. Und nun öffnete 
sich die Pforte — ein frischer Luftzug wehte ihr entgegen, er 
lockerte das Titch um ihr Gesicht und spielte mit den losen 
Haarsträhnen über ihrer Stirn. 
Else schaute weder rück. noch seitwärts, sie ließ das 
Pförtchen hinter sich geöffnet, damit sie schneller den Rückzug 
decke, und schritt den kleinen Abhang hinunter, auf dem die 
Mauer errichtet war, dem Ufertreppchen zu. 
Der Frühling hatte Hochwasser gebracht, so umspülten 
die gurgelnden Fluten die ersten Stufen der Treppe. Else 
hielt sich mit der einen Hand an dem schwankenden Weiden 
gestrüpp, welches die Böschung umwuchs, mit der anderen 
tauchte sie den Krug in das feuchte Element, um ihn bis an 
den Rand gefüllt wieder emporzuziehen. Schwarz und un 
heimlich gähnte die Tiefe — ein Fehltritt, und sie war un- 
rettbar dem Tode verfallen. 
Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust des geängstigten 
Mädchens. 
„All Ihr Heiligen, steht mir bei!" betete ihre Seele; 
den Mund hielt sie krampfhaft geschloffen. Sollte das Oster 
wasser seine Heilkraft bewahren, so durfte kein Laut ihren 
Lippen entweichen, und der Wunsch, dieser Bedingung zu ent 
sprechen, war neben der Furcht die einzige Empfindung, die 
ihre Seele erfüllte. 
Nun schien der schwerste Teil ihres Unternehmens voll 
bracht. Der Krug triefte von heilkräftigem Naß, es kostete sie 
Anstrengung, denselben empor zu tragen. Erleichtert atmete 
sie auf, als sie auf ebener Erde stand. Sie nestelte das Tuch 
fester um ihre Schultern und begann, den Erdhügel mit ihrer 
Last empor zu klimmen. Da legten sich plötzlich ein paar feste 
Arme von hinten um ihre Schultern, der Kopf eines Mannes 
tauchte dicht neben dem ihren aus dem Dunkel, und eine vor 
Erregung und Begierde fast heisere Stimme rief. ihr ins Ohr: 
„Jetzt bist Du mein, Hexe, keine Macht der Erde kann Dich 
vor mir retten!" 
Schreckerstarrt blieb Else stehen. War es der leibhaftige 
Böse, der so plötzlich im Dunkel der Nacht hinter ihr auf 
getaucht war. und was hatte sie verbrochen, daß sie seiner 
Macht so jäh verfallen war? Doch ohne Wehr wollte sie sich 
nicht ergeben. Der Angstschrei blieb ihr in der Kehle stecken 
— sie durfte ja keinen Laut von sich geben. Mit energischem 
Ruck suchte sie ihre Arme frei zu machen — Gewalt gegen Ge 
walt. Ohnmächtig war ihr Ringen, ihr Bedränger hielt sie 
wie mit eisernen Klammern umspannt, nur noch wenige Herz 
schläge, da hatte sein Mund den ihren mit den brennenden 
Lippen berührt — war es ein Teufel, so war er von maß 
loser Leidenschaft besessen. Else war sich der Gefahr bewußt, 
in der sie sich befand. In den Händen dieses Ungeheuers 
mußte sie auf das Schlimmste gefaßt sein. Und mit der Er 
kenntnis kam ihr der Mut. An den unaufhörlich geflüsterten 
Liebesworten erkannte sie, daß ihr Gegner ein Erdensohn war — 
er redete mit der heiseren Stimme des roten Baltzer. Angst. 
Wut und Ekel vor dem ihr widerwärtigen Menschen gaben 
ihr volle Besinnung wieder. Mochte das Osterwasser verloren 
sein, wenn sie nur frei wurde! 
„Der rote Baltzer bringt mich um! Zu Hilfe, Hilfe!" 
schrie sie. 
Aber der Knecht preßte seine breite Hand auf ihren 
Mund. 
„Ich erwürge Dich, wenn Du noch einen Schrei von 
Dir giebst, Du Judcnvettel! An den Galgen bringe ich Dich, 
den Voigt und die Alte, so Du mir nicht zu Willen bist! 
Ich weiß, daß Du von der Sippe der Geächteten stammst, und 
will es aller Welt künden, so Du nicht gelobst, mein Weib 
zu werden " 
Der Wütende hatte die Worte einzeln hervorgestoßen, 
indem er strebte, den sich widerwillig abwendenden Mund 
Elses mit seinen schwülstigen Lippen zu berühren. Dabei 
hatte er unvorsichtig ihren Arm freigegeben. Und nun geschah 
etwas von ihm ganz Unerwartetes. Das Mädchen hatte mit 
fast übermenschlicher Kraft den schweren Wasserkrug empor 
geschleudert, und nun fuhr dieser mit solcher Wucht auf ihren 
Angreifer nieder, daß das kalte Naß in weitem Bogen um 
sie herum spritzte, das Thongefäß aber in Scherben an seinem 
Kopf zerbrach. 
Mit schrillem Wutschrei taumelte der also Ueberschüttete 
zurück. Else, selber durchnäßt wie ein gebadetes Kätzchen, 
benutzte die kurze Freiheit, um eilends den Abhang emporzu 
springen und sich durch die Flucht zu reiten. Allein neuer 
Schrecken — oben angekommen, wurde sie beinahe von einem 
anderen Mann überlaufen — doch der Mann eilte an ihr 
vorüber, es war kein Angreifer, sondern ein Helfer in der 
Not. In dem hereinbrechenden Tageslicht erkannte sie die 
sich blähende Kutte des Klostervoigts. 
„Er hat mich überfallen, züchtigt ihn!" rief sie ihm nach. 
„Ich zahle ihm seinen Lohn." schrie der Fremde und 
warf sich auf den Knecht, der sich gewendet hatte, um Else zu 
verfolgen. 
In der Mauerpforte angelangt, wendete sich Else noch 
einmal um — die beiden da unten rangen auf Tod 
und Leben. Daß der alternde Voigt, dessen Stimme
        
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