Path:
Periodical volume 17. November 1894, Nr. 46

Full text: Der Bär Issue 20.1894

« 550 Sk 
„ „Da ging ein Wanderbursch vorbei. 
Der sang ein Lied von Lieb und Treu," " 
,,„'S war jenes Lied, das sie mitsang, 
AIS noch mein Arm sie oft umschlang,"" 
„„ES klang so süß, ich hieltS nicht aus — 
Eh ichs gedacht — war ich zu Haus." " 
„ „DaS Lied, eS hat's mir angethan 
Schuld ist allein der Wandersmann."" 
„„Zum Tode geh!?, ich Habs gewußt: 
Lebt wohl ihr Brüder! Hier die Brust."" 
Still schweigend winkt der Kommandeur — 
Ein JünglingSherz es schlägt nicht mehr. 
RingS wird es still — die Nacht beginnt, 
Mit GraS und Blumen spielt der Wind. — 
Rosen blühen auf dem Heidegrab. 
Dieses Lied von dem Heimweh und der Liebessehnsucht, 
welche stärker find als Mannentreue, hat in der schönen 
Komposition von Wilhelm Heiser seit mehr als fünfzig 
Jahren seinen siegreichen Einzug in die deutschen Herzen 
gehalten — man singt die schwermütige Weise überall in den 
deutschen Landen — den Dichter derselben, den märkischen 
Sänger Fr. Brunold, kennt niemand; seine Lieder klingen 
so einfach, so schlicht, so volkstümlich, daß man sie für Volks- 
lieber hält und darüber vergißt, nach dem Namen ihres 
Verfassers zu fragen. Brunolds übergroße Bescheidenheit, die 
von moderner Mache und litterarischer Reklame so garnichts 
verstand, hat auch ein gut Teil dazu beigetragen, daß er ver 
gessen war, ehe die müden Augen des Greises sich für immer 
schlossen. 
Schlicht und einfach wie seine Lieder ist der äußere 
Lebensgang Brunolds, oder vielmehr August Ferdinand 
Meyers, wie sein eigentlicher bürgerlicher Name lautet. 
Der wehmütige Zug, der in den Liedern des Dichters liegt, 
durchzieht auch sein Leben wie ein roter Faden: treulich 
brachte jedes Jahr „welkes Laub und welkes Hoffen", wie 
Lenau sagt. 
Dem Dichter ist die Anerkennung seines Volkes dasselbe, 
wie der Blume das Licht der Sonne. Die erstere fand Brunold 
nur in einem kleinen Kreise; widrige äußere Verhältnisse 
verschütteten ihm seine Lebensbahn, und wenn sein heiteres 
Gemüt auch vor der Verbitterung bewahrt blieb — diese 
hielten sein religiöser Sinn, seine innige Naturfreude und sein 
nimmer rastender Arbeitstrieb fern von ihm — so wurde sein 
Lebensglück doch durch manche bittere Erfahrung und manche 
herbe Entsagung getrübt. Weib und Kind starben vor ihm, 
und an seinem Lebensende stand der greise Dichter ganz 
allein in der weiten Welt. Wenige Monate vor seinem Tode, 
am 4. September 1893, schrieb der 82jährige Mann in einem 
Briefe, in den wir durch die Güte des Herrn Andrich in 
Schmiedeberg Einsicht nahmen, die wehmütigen Worte: „Könnte 
ich nur immer, immer arbeiten — dann ödete die Einsamkeit, 
Einförmigkeit nicht — und ist man nun ja wochenlang un 
wohl, kann seinen Wald, seinen See nicht sehen, einsam, 
immer einsam, allein — da giebt es nur einen Trost: man 
geht zum Grabe der Geschiedenen und legt Blumen auf den 
Hügel!" — 
Meyer-Brunold wurde am 19. November 1811 zu 
Pyritz in Pommern geboren. Er besuchte das dortige 
Gymnasium und wurde für das Baufach bestimmt. Im Jahre 
1827 oder 1828 ging er nach Berlin, um auf der Bau 
akademie zu studieren. Widrige Familienverhältnisse machten 
ihm jedoch das akademische Studium unmöglich; so wurde er 
Lehrer und fand 1829 Stellung an einer Privalschule in 
Berlin. Schon frühzeitig hatte sich in Brunold eine litterarische 
Begabung geregt. Diese fand mannigfache Anregung und 
Förderung durch einen Kreis jüngerer Schriftsteller und Dichter, 
zu welchem Brunold in Beziehung trat. Zu diesem Kreise 
gehörten: der Freiherr von Gaudy, der Verfasser des 
„Tagebuchs eines wandernden Schneidergesellen" (ff 1840); 
Eduard Ferrand (eigentlich Schulz), der Dichter des viel 
gesungenen Liedes: „Das Kind schläft unter dem Rosenstrauch" 
(ff 1842); Julius Minding, der Verfasser des bekannten 
Gedichtes „Fehrbellin", das in allen Lesebüchern einen Platz 
gefunden hat (ff 1850); Friedrich von Sallet, der Dichter 
des „Laienevangelium" (f 1843); Willibald Alexis, der 
märkische Walter Scott (si 1d71); Hermann Markgraf 
(ff 1864); Eduard Maria Oettinger (f 1872) und 
A. Bernstein, der bekannte Verfasser der „naturwissenschaft 
lichen Volksbücher" und spätere Redakteur der „Volkszeitung" 
(ff 1884). 
Dieser Dichterkreis fand sich nach des Tages Last und 
Müh regelmäßig in einem Lokale in der Leipziger Straße bei 
einem Glase Bier oder Wein zusammen. Noch nach vielen 
Jahren gedachte Brunold oft und gern der glücklichen Stunden, 
die er in diesem Kreise verlebt. Ein litterarisches Denkmal 
hat sich derselbe in einer Sammlung von Gedichten gesetzt, 
die 1834 unter dem Titel „Nachklänge" von Brunold heraus 
gegeben wurden. 
In demselben Jahre verließ Brunold Berlin, da die 
Schule, in welcher er beschäftigt war, einging. Er wandte 
sich nach Stettin, wo er seine Lehrthäiigkeit fortsetzte und einen 
eigenen Hausstand gründete. Der Aufenthalt Brunolos in 
Stettin ist jedoch nicht von längerer Dauer gewesen: noch im 
Jahre seiner Uebersiedelung nach dort bewarb er sich mit 
Erfolg um eine Lehrerstelle zu Joachimsthal in der Uckermark; 
er hoffte dort in beschaulichem ruhigen Leben und bei nicht zu 
anstrengender Berufsarbeit genügend Muße zu finden, um sich 
der Poesie widmen zu können. In Joachimsthal hat Brunold 
bis Ostern 1879 im Schuldienste gewirkt, hier ist er am 
27. Februar d. I. im Alter von 82 Jahren gestorben. Diese 
wenigen Daten genügen, die engen Grenzen zu bezeichnen, 
in welchen sich der äußere Lebensgang Brunolds abgespielt 
hat. Ein kärglicher Sold. kleinlicher Neid, Zurücksetzung hinter 
weniger begabte Kollegen, haben die kleine Welt, die den 
Wirkungskreis des Dichters bildete, oft besonders drückend 
für denselben gestaltet. Otto Brennekam, jetzt Prediger in 
Clettenberg am Harz, welcher von 1868—1874 mit Brunold 
in der Joachimsthaler Schule zusammen arbeitete, sagt in der 
von ihm geleiteten Zeitschrift: „Das Immergrün" über 
Brunolds Lehrthätigkeit: „Dem Dichter haben trübe Stunden 
und bittere Erfahrungen auch nicht gefehlt und manchmal hat 
ihn wohl, in einer Stellung mit kargem Solde, in einer für 
seine Bedeutung wenig Verständnis zeigenden Umgebung ein 
Gefühl der Bitterkeit beschlichen. So lange Brunold im 
Amte stand, war er eine Zierde des Lehrerstandes, für den er 
zu aller Zeit mit Wort und Schrift eingetreten ist. Ihm galt 
die Erziehung und die Belehrung der Jugend als die erste 
und wichtigste Aufgabe seines Lebens, und mit unermüdlicher
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.