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Periodical volume 17. November 1894, Nr. 46

Full text: Der Bär Issue 20.1894

•« 549 6» 
denn dieser hatte sich so nahe an sie herangedrängt, daß sein 
heißer Atem ihr in das Gesicht fauchte. 
„Untersteh' Dich nicht, mich anzurühren, sonst -- bei 
Gott und allen Heiligen! — ich schlage Dir ins Gesicht vor 
allen Leuten! Gieb den Weg frei, Unhold!" 
Ihre Augen funkelten ihn so böse und drohend an, daß 
er den Arm, den er schon erhoben hatte, um ihn um ihre 
Schultern zu legen, wieder sinken ließ. 
„Das soll Dich gereuen." zischte er. „Judenhexe!" Dann 
hob er die Stimme zu gellem Aufschrei: „Juchhe! Verbrennt 
die Judenhexe auch gleich, Schinderhannes hat sie " 
Weiter kam er nicht, denn eine kräftige Hand legte sich 
so schwer auf seine Schulter, daß es fast schien, als hätte es 
ein wuchtiger Schlag sein sollen. 
„Wahre Deine Zunge, Geselle, oder ich überantworie 
Dich selber dem hochnotpeinlichen Halsgericht, daß Du Dich 
verantwortest. Ich kenne Dein 
heimlich Thun auf grüner 
Heide!" raunte ihm eine 
Männerstimme ins Ohr. „Noch 
ein Wort, und Du sollst mich 
kennen lernen! — Komm, Else, 
ich geleiie Dich zur Pforte!" 
Der Klostervoigt wars, 
der also sprach. 
Else atmete erlöst auf. 
Der Voigt bahnte den Weg 
mühelos durch den Volks 
haufen. Die Leuie suchten ja 
nur das eigene Vergnügen und 
ließen von dannen gehen, wer 
nicht bleiben mochte. 
Der Klostervoigt zog ein 
gar grimmiges Gesicht und hatte 
für Elses Dankesbezeugungcn 
keine Antwort, sondern schritt 
ohne Gruß von dannen. 
Else vergaß ihren Schreck 
bald, die frohe Erinnerung an 
die Begegnung mit Ulrich 
Sleindorf war zu mächtig. 
Im Hause kam ihr die 
frohe Laune wohl zu statten, denn Muhme Ursula zeigte sich recht 
mißmutig. Sie mäkelte an allem herum, was in ihrer Umgebung 
geschah, schalt auf alt und jung und erklärte, wer faule Festtage 
haben wclle, müsse auch volle Arbeitstage hallen. Das bekam be 
sonders eindringlich der Geselle zu Gemüte geführt, als er am 
Samstag Mittag zum Auswandern völlig gerüstet zur Gestrengen 
kam mit dem Anliegen, ihm jetzt Urlaub zu geben, damit er die 
Reise zu seiner Sippe schon heute antreten könne. Der Meister 
hatte bereits seine Erlaubnis erteilt, da half das Zürnen der 
Hausfrau nichts, ja es konnte dem störrischen Gesellen an 
scheinend nicht einmal die Laune verderben. Er grinste Else 
so listig und boshaft an, als geschehe ihm eine besondere 
Freude, wünschte der Hausfrau ein vergnügsames Fest und 
Else noch extra vergnügliches Wiedersehen, erhielt indessen von 
dieser kein Wort der Erwiderung als Dank. 
„Wenn der rote Baltzer nimmer wiederkehrte, wärs noch 
mal so schön im Hause." sagte sie zu Jochen Frechtinicht. 
„Laß man, Täubchen, sollst Deinen Willen haben, wenn 
erst —" hier lachte Jochen unbändig über seine eigenen Ge 
danken und legte im Uebereifer seinen Arm schäkernd um die 
Hüfte des Mädchens, das sich jedoch energisch seiner Liebkosung 
entwand. 
„Meister, solches Beginnen laßt, es verstößt gegen die 
Ehrfurcht, so Euch gebührt!" 
„Ach was, Ehrfurcht! Sollst schon anderes erfahren. 
Morgen, Elslein, sollst Du staunen." Dabei tatschte er ihr 
so verheißungsvoll abermals über die pfirsichfarbenen Wangen, 
daß sie scheu zurückwich und heute schon ins Staunen verfiel. 
Sollte denn der Meister von ihrem süßen Geheimnis 
schon Kunde haben — und vielleicht gar durch den roten 
Baltzer? — 
(Fortsetzung folgt). 
Fr. Hrunotd, 
ein märkischer Dichter. 
Von Rirliard George. 
(Mit Porträt) 
Am 27. Februar dieses 
Jahres ist in dem stillen ucker 
märkischen Städtchen Joachims 
thal ein Mann gestorben, der 
mit allen Fasern seines warmen 
Herzens an der Mark Branden 
burg gehangen und dessen 
letzter Herzschlag der Heimat 
gegolten hat: Fr. Brunold. 
Die Lieder dieses mär 
kischen Sängers find bekannt, 
so weil die deutsche Zunge 
klingt; sie werden gesungen am 
Strande der Ostsee und an den 
Gestaden des Bodensees; der 
deutsche Farmer läßt im fernen 
Westen Amerikas seine Heimats 
sehnsucht in ihnen ebenso aus 
klingen. wie der deutsche Gold 
gräber in Australien. Wer kennt 
nicht die schwermütige Weise: 
Das Grab auf der Heide. 
War stelln sich die Soldaten auf. 
War eilt das Volk so wild zu Haus? 
Rosen blühen auf dem Heidegrab. 
Gar finster blickt der Kommandeur 
Hinab zum jungen Deserteur. 
Rosen blühen auf dem Heidegrab. 
„Von einsam ferner Wacht entfloh» 
Wird nimmer dem Soldat Pardon." 
„Hier wo du kniest, hier wo stehst 
Vom Leben du zum Tode gehst." 
„„Zum Tode geht'«, ich hab'« gewußt; 
Lebt wohl ihr Brüder! Hier die Brust!"" 
„„Kommt zu der fernen Heimat ihr, 
Dann grüßt die Herzgeliebte mir."" 
„„Ich hatte auf der fernen Wacht, 
Herzinnig just an sie gedacht," " 
Fr. Krunold, via amrhtJYiier Dichter, 
geb. 19. November 1811, gest. 27. Febr. 1894.
        
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