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Periodical volume 17. November 1894, Nr. 46

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Jungfrauen ziemt! Hast zu nächtiger Zeit draußen nichts zu 
schaffen! Die Sonne kannst Du beim Aufgang doch nicht 
hüpfen sehen, wie sie's am Ostermorgen thun soll, dazu muß 
man einen Berg besteigen!" 
„Will ich auch nicht! — Ihr wißt, wie heilkräftig Oster 
wasser ist. Muhme, ich thue es schon um Euretwillen," setzte 
Else heuchlerisch hinzu, um die Muhme für ihr Vorhaben zu 
gewinnen. „Alle Eure Gebresten wascht Ihr damit ab — 
auch macht es wieder jung!" 
„Hat die Köhlerin gar nicht nötig, ist noch in den besten 
Jahren," fiel der Voigt, der Elses Absicht durchschaute, ihr in 
die Rede. 
„Mit dem Schlüssel ist es nichts, den darf ich nicht aus 
Händen geben, verfalle sonst in Pön bei hochehrbarem Rat." 
„So vergeht ihn morgen abend auszuziehen! In Euren 
Jahren darf man ein schlechtes Gedächtnis haben — auch 
kann so ein Schlüssel mal abhanden kommen," bat Else mit 
pfiffiger Miene. 
„Wetterhexe," entfuhr es dem Voigt, „bist um guten Rat 
nicht verlegen." 
„Niemalen — wenn es darauf ankommt, ihren Willen 
durchzusetzen." bestätigte Ursula lachend. „Wenn ihr denn 
doch davon überzeugt seid, so gebt den unnützen Widerstand auf." 
„Also, Ihr seid ein wenig zerstreut. Pate, zieht den 
Schlüssel ab. ohne Euch vorher überzeugt zu haben, daß die 
Thür verschlossen ist, oder der Schlüssel bleibt in der Mauer 
lücke liegen, wo er am hellen Tage schon öfter gelegen — ich 
finde ihn auch im Dunkeln. Darf ich danach suchen?" 
„Versuchs!" gab der Voigt klein bei. 
„Gewagt bleibts immer, bei nachtschlafender Zeit allein 
vor die Mauer zu gehen, dorr haust allerhand Gesindel, und 
wenn Du nur ein Wort sprichst, so Du das Wasser schöpfest, 
verlierts die Kraft," warf die Muhme zaghaft ein. Sie hätte 
gar zu gern Osterwasser gehabt, das wußte Else, und wenn 
sie auch heimlich entschloffen war. dasselbe für sich zu be 
halten und der Muhme anderes Wasser zu geben, so bedurfte 
sie doch jetzt ihrer Fürsprache. 
„Seid ohne Sorge um mich, ich wehre mich mit den 
Händen kräftiger als mit der Zunge. Außerdem erfährt, wenn 
Ihr nicht plaudert, kein Mensch, wann und wie ich ans Wasser 
gelange, folglich wird mich auch niemand stören." 
Ein heiseres Lachen hallte durch die Luft, alle hörten 
dasselbe, und Frau Ursel gab ihren Gedanken Ausdruck: 
„Das muß eine tolle Wirtschaft da draußen sein, selbst bis 
hier schallt das rohe Gelächter!" 
Jetzt kam Bärbchen wieder durch die Pforte daher ge 
schossen. Ihre Backen glühten vor innerer Erregung, der 
Atem ging ihr fast aus vom schnellen Laufen. 
„Jetzt bringen sie ihn! Er ist von Stroh, mit Pech ge 
füllt und mit Werg umwickelt — Hanie hats gesagt. Und 
den Schinderhannes (Scharfrichter) haben sie auch dazu geholt. 
Er wollte nicht, aber sie haben ihn gezwungen — Hanie hats 
gesagt! Sie hängen den Judas an den Galgen, und wenn 
er brennt, knistert, knackt und sprüht und kracht es — Hanie 
weiß alles — hu, das wird gruselig, ich fürchte mich," erzählte 
das Kind. 
„So geh ins Haus und bleibe dem fern." riet Else. 
Sie selbst schickte sich an, hinaus zu gehen und das von 
Bärbchen verheißene Schauspiel mitanzusehen. Doch auch 
Bärbchen lief der Pforte wieder zu, das Gruseln mußte einen 
besonderen Reiz für das sonst so schüchterne Kind haben. 
Der Voigt ging mit Else. „Ich kann sie in dem Gewühl 
nicht allein lassen," entschuldigte er sich gegen Ursula, bic miß 
mutig drein schaute, da sie allein im Hause bleiben mußte. — 
Und nun stand Else auf dem mit Menschen jeden Standes 
überfüllten Platz, Auge in Auge mit Mechtild, und dieser 
wiederum fern genug, um deren Geplauder mit dem Schreiber 
gesellen nicht verstehen zu können. Aber der spöttische Blick 
Mechtilds, der sich unverwandt auf Else richtete, deutete ihr 
zur Genüge an. daß aus dem Munde ihrer Feindin soeben 
eine boshafte Bemerkung gefallen sei. Diese Beobachtung 
schürte den Haß und steigtrte die Erbitterung in ihrem Innern 
gegen das hochmütige Mädchen aufs höchste. Sie wäre am 
liebsten hinüber geeilt und hätte Mechtild mit ihren kräftigen 
Fingern die Kehle zugeschnürt, damit kein lockender Schmeichel 
ton von ihren rosigen Lippen das Herz des von ihr so heiß 
begehrten Mannes berücke. Mechtilds Eltern waren angesehen 
und wohlhabend, das mißgönnte ihr das elternlose Findelkind 
nicht — aber den Emen, den Mann, für den ihr Herz in 
glühender Minne schlug, den sollte sie ihr lassen. 
Was der Mund Elses nicht aussprach, verrieten ihre 
Augen, sie waren mit haßerfülltem Ausdruck auf Mechtild ge 
richtet. Diese hatte wirklich von Else in wegwerfender Weise 
geredet, sie wollte das Mädchen in den Augen des Schreibers 
erniedrigen, damit er nicht begehrlich nach der Niedriger- 
stehenden ausschaue. 
„Seht da. die schwarze Else, vertraulich in Begleitung 
des Bettelvoigts — gleich und gleich gesellt sich gern. Die 
unheimliche Jungfer soll wirklich geheimer Kunst mächtig sein, 
der alte Frechtinicht tanzt nach ihrer Pfeife, und mit dem 
Pater stellt sie auf. was sie will." 
Ulrich Sleindorf biß die Zähne zusammen, damit seiner 
Zunge kein unüberlegtes Wort entschlüpfe; er mochte seine 
Neigung für Else um alles in der Welt nicht dem boshaften 
Mädchen kundlhl'.n, drum schwieg er lieber ganz. 
Klaus Frechtinicht, der seitwärts von seiner Angebeteten 
stand und bisher nicht von ihr beachtet war, nahm die Rede 
statt seiner auf. 
„Ihr thut ihr Unrecht, Else ist bescheiden und dienst 
beflissen. das verschafft ihr das Wohlwollen der Alten. Ge 
heime Kunst ist derwegen nicht von »ölen, Pater Gottfried ist 
ihr Pate, auch der Muhme Ursula in Freundschaft zugethan." 
„Ei, Ihr seid ein warmer Fürsprecher für das Findel 
kind, so geht doch hinüber und thut ihr öffentlich Euere Ver 
ehrung kund," gab sie spitzig zurück. 
Aber Klaus Frechtinicht war nicht empfindlicher Natur, 
er lachte und sagte artig: 
„Kann's schon tm Haus nebenher versuchen. Euere Ge 
sellschaft ist mir genehmer!" 
Mechthild hatte schon eine abweisende Antwort auf der 
Zunge, da sagte Ulrich Stcindorf ruhig: 
„Recht so, Klaus, leiste der Jungfer fürder Gesellschaft, 
mich hindern andere Pflichten daran." Sprach's, machte einen 
Kratzfuß und wendete Mechthild den Rücken, sie in höchst 
übellauniger Stimmung zurück lassend. Hatte sie ihm um 
deswillen offen ihre Gunst erwiesen, daß er nun der ersten 
besten Dirne nachlief? 
Ulrich Steindorf näherte sich indeffen noch nicht Elsen
        
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