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Periodical volume 3. November 1894, Nr. 44

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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5» 
daß. wenn Ihr je Euren Sinn ändern solltet. Ihr mir er 
lauben wollt, wieder zu kommen?" 
Als er die plötzliche Veränderung in ihrem Antlitz wahr 
nahm. fuhr er gleichsam entschuldigend fort: „Oder wollt Ihr 
mir wenigstens gestatten. Euch Hilfe zu leisten, wenn Ihr je 
dessen bedürfen solltet?" 
„Wie einem Bruder!" erwiderte sie herzlich und war 
verschwunden. 
Die Nacht brachte für Barbara nur wenig Ruhe. Sie 
schrieb an Franz Hinrich, teilte ihm alles, was vorgefallen 
war, mit und sagte ihm, daß trotzdem ihr Herz ihm allein 
angehöre; sie dürften einander aber nicht wieder sehen, da sie 
nickt den Fluch ihres Vaters auf ihn herabziehen wolle. Zu 
gleich beschwor sie ihn, wenn ihm die Ruhe ihres Herzens 
heilig sei, keinen Versuch zu machen, sie zu einer Aenderung 
dieses ihres Entschlusses zu bewegen. 
Ein kleiner Stalljunge überbrachte bei anbrechendem 
Morgen Franz Hinrich den Brief. Barbara rüstete inzwischen 
mit dem größten Elfer alles für den Umzug nach Halberstadt. 
Es litt sie jetzt selbst nicht mehr in den Räumen, die einem 
Manne gehörten, dessen ernste Liebe sie halte zurückweisen 
müssen. 
Im Laufe des Tages kam Eva herüber, um ihr Hilfe 
anzubieten. Sie trauerte aufrichtig bei dem Gedanken, daß 
eine so weite Entfernung die Freundin künftig von ihr trennen 
solle; allein auch sie machte gutgemeinte und trostreiche An 
spielungen. daß sie sicherlich bald für immer zurückkehren werde. 
Das Wenige, was ihrem Vater und ihr noch geblieben, 
war bald zusammengepackt, und schon nach etlichen Tagen 
stand Barbara neben ihrem Vater vor dem großen Reisewagen, 
der sie in die neue, unbekannte Heimat führen sollte. 
Mit schwerem Herzen reichte sie den schluchzend sie um 
drängenden Haus- und Dorfbewohnern die Hand und ließ 
dann ihre Blicke noch einmal auf dem alten Hause ruhen, in 
dem sie mit ihrem Bruder so manchen frohen Tag verlebt 
hatte. Wie gut. daß er diese Stunde nicht mit zu erleben 
brauchte! Zum ersten Male lernte sie dafür danken, daß er 
allem Erdenleid entrückt sei. Was hätte — so ohne jedes 
Vermögen — bei seinem gebrechlichen Körper aus ihm werden 
sollen! 
Als sie sich nach dem Junker Kasimir umsah, stand dieser 
neben ihrem gesattelten Reitpferde, sein Gesicht in dessen 
Mähne versteckend. Sie trat auf ihn zu, um ihm die Hand 
zum Abschiede zu reichen. Als sie in sein bleiches, verstörtes 
Angesicht sah. das er ihr langsam zuwandte, erschrak sie und 
wurde von tiefem Mitgefühl ergriffen. Der Junker sah dies, 
und seine Augen leuchteten auf in einem Schimmer von 
hoffnungsvoller Freude. 
„Lebt wohl. Barbara!" sagte er herzlich. „Möge es 
Euch so gut gehen, wie Ihr es reichlich verdient! Euer 
eigen Reitpferd würdet Ihr in Halberstadt schmerzlich vermiffen. 
Der Jochen ist angemiesen, es gut unterwegs zu versorgen. 
Vielleicht denkt Ihr zuweilen der Heimat, wenn Ihr Euch von 
ihm tragen laßt." 
Barbara war äußerst bewegt. Diese zarte Fürsorge that 
ihr wohl; und herzlicher, als sie es noch kurz vorher für 
möglich gehalten, drückte sie dem Vetter die Hand. 
vSchtuß folgt.) 
Der Schützling des Klostervoigts. 
Ein Zeitbild aus dem jechszehnlen Jahrhundert. 
Von D. Kurtiholtz. 
(3. Fortsetzung!. 
Mechtild Karpe, des Rolschmidis einziges Töchterlein, für 
welches Klaus Fcechlinichts Herz entflammt war, hatte von 
ihrem hohen Standpunkt aus die Straße vollständig übersehen 
können, aber angelegentlicher nach Else und Ulrich Steindorf 
ausgeschaut, als nach den Spielleuten. Sie fand den statt 
lichen Schreiber ungleich schöner und begehrenswerter, als den 
> windbeuteligen Nachbarssohn. Ihr Auge, durch Eifersucht ge 
schärft, erriet aus dem traulichen Beisammensein der beiden 
Liebenden, daß zwischen ihnen anderes als die Vorgänge auf 
der Straße verhandelt wurde. Sie haßte Else und beneidete 
sie zu gleicher Zeit um des Vorzugs willen, welchen der von 
ihr so heißgeliebte Mann ihr angedeihen ließ. Mechtild be 
achtete nicht, wie Klaus liebäugelnd vor ihrem Hause auf und 
ab scharwenzelte, sondern verwünschte im Grunve ihres Herzens 
nur das schwarzäugige Mädchen, welches in seinem Äußeren 
und Wesen so anders als sie geartet war. 
Jedermann wußte, daß Ursula Köhler einst das fremde 
Kind sehr jung und hilflos als eine Waise aus ihrer Sippe 
von einer Reise mitgebracht hatte. Die wohlhabende, kinder 
lose Wittib hatte Else wie ein eigenes Kind gehalten und 
behauptete, viel Freude an dem klugen Mädchen zu haben. 
Mechtild halte die schwarze Else nie leiden können, denn diese 
halte mit Leichtigkeit schreiben und lesen gelernt. Künste, mit 
denen sich die verzärtelte Tochter des wohlhabenden Rotschmidts 
nicht gern befassen mochte, denn in ihrem Kopf wohnten zwar 
viel Eitelkeit und Hochmut, aber wenig Verstand. Mechtild 
war hübsch, doch sie fühlte instinktiv, Else sei schöner und den 
Männern mit ihren schwarzen Augen, wie solche kein anderes 
Mädchen aus den Gewerken aufzuweisen halte, gefährlich, 
wenn sie begehrlich nach ihnen ausschaue. Das that nun 
Else im allgemeinen nicht, sie zeigte sich vielmehr meist spröde, 
abwehrend und spottsüchtig. Aber auf den einzigen, den 
Mechtild zu besitzen trachtete, schien auch ihr Augenmerk ge 
richtet zu sein, und um Elses Macht diesem einen gegenüber 
zu brechen, beschloß die eifersüchtige Mechtild kein Mittel zu 
scheuen. Irgendwo und -wie mußte sich doch eine Handhabe 
finden lassen, der schwarzen Hexe etwas anzuhängen, was sie 
in den Augen des Schreibergesellen unmöglich machte. Wenn 
sich nur beweisen und genügendes Material dafür zusammen 
bringen ließe, um sie öffentlich der Hexerei anzuklagen. Schon 
daß Else ihres absonderlichen Äußeren und ihrer ungewöhnlichen 
Kenntnisse willen den Spottnamen „die schwarze Hexe" bei 
gelegt war, konnte in jener Zeit gefährlich für sie werden. 
Kam der Verdacht hinzu, daß sie geheimen Wissens kundig 
sei und die ihr verliehene Macht mißbrauche, um junge Männer 
an sich zu ziehen, so war es bis zur Ueberführung des ihr 
zur Last gelegten Verbrechens nicht weit. Vorerst galt es, die 
Verhaßte auch in den Augen anderer straffällig erscheinen zu 
lassen und ihr die Neigung ihres Bewerbers zu entziehen. — 
Bon dem allem ahnte Else nichts; sie eilte, beseligt durch 
das eben genossene Wiedersehen mit Ulrich, noch wie im Traum 
an Trudes Arm der eigenen Behausung zu. 
Wenn auch die Muhme herzhaft schalt und tobte, das 
Bewußtsein, geliebt zu werden, konnte sie ihr doch nicht nehme», 
ebensowenig die Hoffnung auf die verheißene Festfreude. —
        
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