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Periodical volume 27. Oktober 1894, Nr. 43

Full text: Der Bär Issue 20.1894

«e 514 g».— 
hallen wollen, um sich Recht auf ihre Weise zu verschaffen. 
Das hört der Geselle mit an. Wenn er nun seinerseits die 
mit den Meistern Unzufriedenen aufhetzt und sein vermeimliches 
Recht durch heimliche Zusammenkunft auf grüner Heide zu 
erzwingen sucht, würde Dir solches genehm sein?" 
Meister Frechtinichr lachte laut und spöttisch. „Sollte 
ihm schlecht bekommen, da härten denn doch die Gewerke ein 
Wörtlein dreinzureden. An Mitteln und Wegen gegen Auf- 
säflige sehlt's uns nicht, denn wir haben die Macht, das gemeine 
Volk zu drücken!" 
„Die hat der Rat gerade auch. Um Euch die Mäuler zu 
stopfen, werden die ehrsamen Herren nicht in Verlegenheit 
sein." — 
— „Sollen's versuchen, sollen's versuchen — wenn sie 
nur die rechte Kost hineinstecken, find wir vollauf zufrieden! 
Haben's doch jetzt durchgesetzt, die hochweisen Herren gezwungen, 
ihr Verbot zurückzunehmen. Wollten justement den Ostertanz 
auf dem Weinberg verbieten. In die Kirche soll das gemeine 
Volk laufen, start sich zu oerlustieren, wie's seit Urväterzeit 
Sitte ist. Schmollen und Drohen ist ebensogut für die Gewerke 
wie für die Geschlechter. Auch den Eiertanz lassen wir uns 
nicht nehmen. Und so wollen wir's halten anjetzo wie früher 
und künftighin, allen aufsässigen Mönchen, die sich Reformatoren 
nennen, zum Trotz!" 
„Wer Dich reden hört, sollte vermeinen. Du seist statt 
eines ehrbaren Zunftmeisters ein junger, windiger Geselle, 
der sich noch im Tanze dreht." spöttelte Ursula. 
„Sehe nicht ein. warum ich dos nicht sollte! Bin zwar 
als Meister hochangesehen, doch immer noch in den besten 
Jahren und flinker auf den Füßen, als mancher junge 
Geselle." 
„Und dazu zu allem anderen schneller zur Hand, als 
zur Arbeit." brummte Ursula ärgerlich. „Willst Du Dich 
zum Hansnarren machen und mit Deinem Sohn um die 
Wette hüpfen, kann Dich niemand daran hindern. Vor 
der Hand vermeine ich aber, daß die Vesperzeit längst vorüber 
und der Schwätzerei genug ist. Deine Kette kommt vor dem 
Fest nicht vom Stuhl, wenn Du noch länger säumst." 
Damit stand sie auf und ging zur Thür hinaus. 
„Die Krankheit hat die Alte ganz unwirsch gemacht, an 
allem mäkelt sie herum, es wird die höchste Zeit, daß ich 
mich wieder nach einerHausfrau umschaue; s' ist doch behaglicher, 
wenn ein junges Gesicht mit zu Tische sitzt," meinte Meister 
Frechtinicht vertraulich zum Voigt. Dieser horchte hoch auf 
— der Mann da vor ihm war unberechenbar in seinen Ent 
schlüssen und wohl fähig, eine Dummheit zu begehen. Er 
hütete sich indessen wohl, ihm zu widersprechen, das hätte ihn 
leicht sein Vertrauen gekostet. 
„Hast wohl schon Umschau gehalten?" fragte er nur. 
Jochen Frechtinicht lachte verschmitzt. „Brauche nicht 
weit umzuschauen, ist justement bequem nahe. — Ja, wo 
steckt denn das Elschen?" verriet er jetzt deutlicher seinen 
Gedankengang. 
„I. der Deubel — Jochen, bist wirklich ein Hansnarr! 
Das ist kein Futter für Dich! Das grüne Ding denkt eher 
an alles andere, als an einen alten Freier." 
„Will ihr schon auf die rechte Spur verhelfen, schwätze 
Du nur nicht drein — es wäre keine geringe Ehre für den 
Findling, weiln er eines wohlangesehenen Mannes Weib 
werden könnte, s' ist reiflicher Ueberlegung wert!" 
„Ja, Ueberlegung wäre sehr weise." pflichtete der Voigt 
jetzt aufrichtig bei. Innerlich tröstete ec sich: „Na, dem ein 
gebildeten, verliebten Narren wird Else schön heimleuchten, 
der wird große Augen machen, wenn er sieht, daß sie den 
Sohn ihm vorzieht." 
Meister Jochen bequemte sich jetzt wirklich, an die Arbeit 
zu gehen, der Klostervoigt brach ebenfalls auf. Doch als 
beide in den engen Hinterflur traten, stürzte Bärbchen an 
ihnen vorüber, der vorderen Diele zu. „Der Pfeifer kommt," 
rief sie freudestrahlend. Da wendete Pater Gottfried, der 
ja nichts zu versäumen halte, seine Schritte der Hausthür zu. 
Und Meister Jochen folgte ihm, denn er versprach sich dort 
mehr Kurzweil, als am Webstuhl. 
(Fortsetzung folgt.) 
Dlllgow im OstlslweUmid. 
Von Dr. Gustav Albrecht. 
(Schluß.) 
In der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde Dalgow 
von der Familie von Hake an den kurbrandenburgischen 
Kammerrat und späteren Oberhofmeister Georg von Ribbeck. 
Erbherr auf Groß-Glinicke, veräußert, dessen Nachkommen das 
Dorf ungefähr 100 Jahre im Besitz hatten. Ueber die Art und 
Weise, wie die Verwaltung des Dorfes unter Georg von 
Ribbeck und seinen Nachfolgern Hans George (kurbranden- 
burgischer Geheimer Rat und Hauptmann zu Spandau ff 1647), 
Heino (Domdrchant zu Havelberg ff 1659) und Hans George 
(kurbrandenburgischer Oberst und Gouverneur von Spandau 
ff 1666) sich gestaltete, ist bei dem Mangel an Aktenstücken 
aus jener Epoche nichts Genaues zu erkunden. Die Herren 
Patrone werden sich wenig oder gar nicht um Dalgow ge 
kümmert haben, denn die Zetten des dreißigjährigen Krieges 
schlossen eine Fürsorge um das Besitztum ja völlig aus. Der 
Umfang der Ländereien von Dalgow hatte sich seit dem 
Mittelalter nicht geändert, denn nach dem Schoßkataster von 
1624 bestand die Hufenzahl des Dorfes mit Einschluß des 
Pfarrbesitzes aus 50 Hufen, von denen 49 im Besitze von 
21 Bauern waren; neben letzteren wohnten 8 Kossäten am 
Orte. Die kirchlichen Nachrichten aus jener Zeit fließen eben 
falls sehr spärlich. Um 1559 wurde das Dorf Seeburg, 
welches bis dahin mit Staaken zusammen eine Pfarrgemeinde 
gebildet harte, als Filial zur Dalgower Pfarrgemeinde hin 
zugezogen. Die Sache scheint nicht ganz regelrecht vor sich 
gegangen zu sein. Der Bestimmung der kurfürstlichen Visitatoren 
von 1541 gemäß sollten Staaken und Seeburg nach dem Ab 
leben des dortigen Pfarrers Andreas Ebel zur Spandauer 
Parochie gezogen werden. Ebel übertrug jedoch, als er seines 
hohen Alters wegen die Amtshandlungen in Seebnrg nicht 
mehr in genügender Weise vornehmen konnte, die Sorge für 
diese Gemeinde dem Dalgower Pfarrer Peter Rink (alia8 
Reinecke), und dieser wiederum weigerte sich nach Ebels Tode, 
sein neues Filial aufzugeben. Mit Unterstützung des Kanzlers 
Lamprecht Distelmeyer und des Spandauer Amtshaupt 
manns George Flaus gelang es dem Pfarrer Rink, that 
sächlich durchzusetzen, daß Seeburg als Filial von Dalgow 
anerkannt wurde, und auch die wiederholten Beschwerden des
        
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