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Periodical volume 27. Oktober 1894, Nr. 43

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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„Ist bei Else". antwortete er hastig und suchte zu ent 
kommen. Heine hatte Eile — in der einen Hand trug er ein 
mit Pflaumenmuß dick bestrichenes Brotstück, die andere hielt 
er zur Faust geballt in der Tasche, denn dort barg er bunte 
Bohnen, soviel er hatte fassen können. Bärbchen hatte ihm 
diese als Sühne für die angeblich durch ihre Schuld ihm zu 
diktierte Ohrfeige opfern müssen, nun strebte er darnach, ins 
Freie zu gelangen, um damit sein Glück bei den Kameraden 
auf dem Weinberg zu versuchen. 
Heines Auskunft mochte Frau Ursula nicht genehm sein. 
Sie sagte zwar nichts, aber ihr Gesicht zeigte einen finsteren 
Ausdruck, ihr Gang wurde schneller, und auf der Hausschwelle 
gab sie sogar Pater Gottfrieds Arm frei, um in dem engen 
Flur vor ihm herzugehen. 
„Kohlen und Stroh brennt lichterloh", dachte dieser für sich. 
Er mußte einen recht ungeschickten Seitensprung gemacht 
haben, denn plötzlich krachte es hinter Frau Ursula, als ob 
ein schwerer Gegenstand umfalle. Und wirklich, ein Waschkübel, 
der nicht einmal im Wege gestanden hatte, war vom Schemel 
gefallen. Pater Gottfried sah an 
scheinend erschreckt den Schaden 
den er angerichtet. „Das Alter 
trübe seine Augen,"entschuldigte 
er sich. Doch die eben ange 
klagten bösen Augen schauten 
gar pfiiffig drein, gerade als 
sei der Inhaber sehr zufrieden 
mit ihnen, ein Lächeln huschte 
sogar über seine verwitterten 
Züge, als die Thür der Hinter- 
stube plötzlich aufgestoßen wurde. 
Frau Ursula stand bereits so 
dicht davor, daß ihre Nase un 
liebsame Begegnung mit der 
Thürkante hielt. Unfreundlich 
rief sie der neugieng aus 
schauenden Else entgegen: 
„Was treibst Du für Allotria 
und wo ist Klaus?" fügte sie 
— hinzu, als sie eintretend den Sohn ihres Bruders nicht 
erblickte. 
Elses psirsichfarbene Wangen waren noch um einen Ton 
tiefer gerötet. Das Mädchen war wirklich schön, das mußte 
Muhme Ursula zugestehen. Aber diese Entdeckung verbesserte 
ihre Laune keineswegs, ebensowenig die schlagfertige Antwort 
Elses: 
„Ei Muhme, nicht ich, Ihr habt ja den Lärm gemacht. 
Klaus wird nach dem Ohm ausschauen, er hält die Vesperzeit 
nicht inne." 
Der Vorhang des Alkovens, der mit der vorderen, 
besseren Stube in Verbindung stand, bewegte sich leise. Dem 
argwöhnischen Blick Ursulas entging das nicht, er heftete sich 
halb fragend, halb anklagend auf Else. 
„Komm heraus. Bärbchen," rief diese statt der Antwort, 
und nun lugte das schüchterne Gefichtchen der Gerufenen daraus 
hervor. Das Kind befand sich auf unerlaubtem Pfade, das 
merkte man seinem zögernden Heraustreten sofort an. Pater 
Gottfried atmete erleichtert auf, seine Gedanken waren mit 
denen Ursulas den gleichen Weg gewandelt, nun freute er sich, daß 
sein Argwohn ohne Bestätigung blieb. Aber Bärbchen machte 
dieser Freude ein jähes Ende: „Ich bin Klaus nachgelaufen, 
er ist znm Vater auf die Diele gegangen und warf mir die 
Thür vor der Nase zu", entschuldigte sich das Kind. 
Also doch Heimlichkeiten mit dem Windhund," dachte der 
Alte bei sich. Was er befürchtete, geschah jedoch nicht. Muhme 
Ursula brauste nicht auf — sie machte sich wortlos am Tisch 
zu schaffen, den Else bereits mit dem gewohnten Vesperimbiß 
besetzt hatte. Diese holte noch einen Krug für den unvorher 
gesehenen Gast herzu. Bärbchen stahl sich leise davon. 
„Warum ist der rote Balzar nicht hier?" inquirierte Frau 
Ursula. Else wendete trotzig den Kopf, sie hatte die schwellenden 
Lippen verächtlich aufgeworfen ihre Augen sprühten. 
„Fragt ihn doch selber! Seine Ohren sind groß genug 
dazu, um die Vesperglocke läuten zu hören! Ich bleibe nicht 
allein mir dem unflätigen Gesellen, das wißt Ihr doch!" 
„Aber desto lieber mit dem Klaus; s'ist auch der Sohn 
des Hauses", dachte der Klostervoigt, behielt aber klüglich 
seine Meinung für sich und kaute kräftig an dem Brot mit 
Käse, das ihm die Wirtin vor 
sorglich zugeschoben hatte. 
„Wie der Herr, so der 
Knecht", knurrte Ursula, un 
bedacht ihren Gedanken Aus 
druck gebend. „Kann mirs 
selber nicht vergeben, Voigt, 
daß ich die Zeit verschwatzt, 
nun find sie hier unpünktlich, 
samt und sonders", fügte sie 
laut hinzu. „Nun, von der für 
nehmen Jungfer da, die sich 
zu fein dünkt, einem Wollen 
webergesellen das Brot zu 
brechen, an bis zum Haus 
sohn — allen will ich zeigen, 
was Recht und Ordnung ist!" 
Damit war sie aufgestanden und 
hastete hinaus, die Thür fiel 
krachend hinter ihr ins Schloß. 
„Soll nur den Hausherrn nicht vergessen", knurrte Else 
ärgerlich, „der ist auch ein Mustervater!" 
Jetzt war's aber mit der Ruhe des Voigts zu 
Ende. Er würgte den letzten Bissen hinunter, daß er sich 
beinahe verschluckte, und schlug mit der knochigen Rechten auf 
den Tisch, daß die Krüge tanzten. 
„Satansbrut! Ist das eine Rede, die sich für eine ehr 
bare Jungfer schickt, da ihr Mund von Lob und Dank für 
gespendete Wohlthaten überfließen sollte? Wer hat Dir so 
widerspenstigen Sinn eingeflößt, Else? Warst doch sonst ein 
gutes Kind", lenkte er freundlicher ein. 
Sie schüttelte den Kopf, der freundliche Ausdruck ihres 
Gesichts war dem finsteren Grolls gewichen, in ihren Augen 
flackerte unheimliche Glut, die gebogene Nase, das etwas spitze 
Kinn gaben ihrem Gesicht etwas Scharfes, Raubvogelartiges. 
„Das fitzt in mir, Pathe, hab's von keinem gelernt, 
aber sorgsam vor allen verborgen — doch wenns mich so 
packt — dann Ich wollte. Ihr hättet mich am Wege 
verkommen lassen — ich möchte tot sein", fügte sie jammernd 
hinzu, und heiße Thränen entquollen ihren Augen. 
(Fig. 3.) 
Zwei Armbänder der Familie von Aoltzendorff 
ans dem 17. Iastrstundort. (S. 516.)
        
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