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Periodical volume 27. Oktober 1894, Nr. 43

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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den Forstmeister einzuwirken, da es allen Anschein halte, als 
ob die Collatzer Partei denselben gewinnen werde. Trotz 
allen Suchens waren die darauf bezüglichen Papiere in den 
kurfürstlichen Archiven nicht gefunden, und der erste Termin 
war in Colberg anberaumt worden. Der Forstmeister selbst 
führte mit Geschick und Schärfe, aber auch mit leidenschaftlicher 
Hitze seine Sache, deren Gerechtigkeit er durch die Länge der 
Zeit, in der der Bierschank ausgeübt worden, zu beweisen 
suchte. Seine Stimmung aber war immer finsterer und reiz 
barer geworden, und sein Groll gegen den Collatzer Vetter 
hatte sich zum Haß gesteigert. 
So standen die Angelegenheiten, als Barbara, die seit 
langer Zeit zum ersten Male das Schloß verlassen hatte, um 
eine Besorgung zu machen. Franz Hinrich in der Stadt auf 
der Straße traf. Mit flüchtigem Gruß wollte dieser vorüber 
eilen. doch ein Blick in Barbaras leidendes, allzu schmal ge 
wordenes Gesicht bewog ihn. sie anzureden. Langsam neben 
einander hergehend, näherten sie sich dem Schlosse, und Franz 
Hinrich folgte bereitwillig der Aufforderung einzutreten, um 
deu noch immer schwer leidenden Vetter zu besuchen. Karts 
Freude über diesen Besuch war so augenscheinlich und Barbaras 
Blick und Händedruck beim Abschiede ein so dankbarer, daß 
Franz Hinrich sich leicht überredete, daß es nur Mitleid mit 
dem Kranken sei, was ihn von da an häufig in das Schloß 
trieb und ihn zuletzt fast allabendlich in die Gesellschaft der 
beiden Geschwister führte. Korts Laune verbesserte sich sichtlich 
bei diesen Besuchen und mit ihr seine Gesundheit. Dennoch 
wurde es immer weniger zweifelhaft, daß er den Gebrauch 
feiner Füße nie wieder erlangen werde. So verging der 
Winter, und es war ein anziehendes Bild, wenn der Wind 
draußen stürmte und durch den Schlot heulte, die drei jungen 
Leute um den flackernden Kamin fitzen und die beiden Ge 
schwister mit gespanntem Interesse den Erzählungen des 
älteren, weitgereisten Vetters lauschen zu sehen. Oft ge 
stalteten sich diese Abende zu wirklichen Lehrstunden, in denen 
besonders Barbara mit vor Eifer glühenden Wangen sich nicht 
genug thun konnte, um den Erwartungen ihres jugendlichen 
Lehrers zu entsprechen und sie womöglich noch zu übertreffen. 
Zeigte dann Kort irgendwie Ermüdung, so wurden die Bücher 
beiseite geworfen. Dagegen wurde die Laute zur Hand ge 
nommen und ein Wechselgesang angestimmt, in dem beide. 
Franz Hinrich und Barbara. Meister waren. 
Allmählich kam der Frühling heran — zum ersten Male, 
ohne von Kort und Barbara mit dem gewohnten Jubel be 
grüßt zu werden. Der Forstmeister hatte beschlossen, sobald 
die Jahreszeit eine so weile Reise erlaube, seinen Sohn nach 
Alt-Stettin zu schicken, damit dort seine Ausbildung vollendet 
werde und zu gleicher Zeit ein berühmter Arzt seine Gesund 
heit überwache. Fritz Lrebenow sollte ihn begleiten und ihm 
als vertrauter Diener und Berater zur Seite stehen. Der 
Tag der Trennung kani. Barbara meinte, das Herz müsse 
ihr brechen, als die verdeckte Karäte vor der Thür hielt, .die 
ihr den Bruder auf so lange Zeit entführen sollte. Auf 
immer neue Mittel sann sie, um ihm die Reise zu erleichtern 
und seinem schmerzenden Rücken die Lage erträglich zu machen. 
Dennoch war es ihr. als die letzte Siaubwolke des davon 
rollenden Wagens ihren Blicken emschwand, als ob sie die 
Hauptsache vergessen, und nur das Machtgebot ihres Vaters ! 
hielt sie davon ab. dem Gefährt noch einmal nachzulaufen. I 
Einsam und still vergingen von nun an die Tage für 
Barbara, denn auch Franz Hinrich kam nach Korts Abreise 
nicht mehr. Die Ueberfiedelung nach Hohenwardin, die sie 
sonst stets mit Freude begrüßt hatte, wurde ihr diesmal sehr 
schwer. Sagte sie sich auch, daß Franz Hinrich sie nicht mehr 
im Schloß aufsuchen werde, so hatte sie doch immer gehofft, 
ihn auf der Straße wieder einmal zufällig zu treffen. Diese 
Hoffnung schwand jetzt auch, und die kleinen Freuden in Hof 
und Garten, die sie einst so glücklich gemacht, erschienen ihr 
schal, seit sie sie nicht mehr mit Kort teilen konnte. 
Der Prozeß wurde inzwischen mit wechselndem Glück, 
aber stets gleicher Heftigkeit fortgeführt. Der Forstmeister 
wurde dadurch oft lange Zeit fern gehalten. Barbara war 
viel allein und viel traurig. Selbst ihre langen Spazierritte 
vermochten das Weh ihres sehnenden Herzens nicht zu stillen. 
Eines Tages kehrte ihr Vater unerwartet zurück. Er 
sah sehr bleich und leidend aus. und keine der kleinen Dienste 
und Handreichungen, mit denen sie es ihm behaglich zu machen 
suchte, vermochten seine Aufmerksamkeit zu erregen. Mit einem 
aus gepreßter Brust kommenden Seufzer unterbrach er endlich 
die drückende Stille. 
„Ich habe Polzin verkauft." sagte er mit einem vergeb 
lichen Versuch, seiner Stimme einen sorglosen und gleichgiltigen 
Klang zu geben. 
Als er seiner Tochter jähes Erschrecken gewahrte, fügte 
er hinzu: „Der Landvogt Krakow hat es erworben. Bei 
Deiner Freundschaft mit Eva wird es also kaum einen 
nennenswerten Unterschied für Dich machen. Uebrigens müssen 
wir das Schloß bald räumen. Die gerichtliche Uebergabe ist 
schon erfolgt, und der Landvogt will schon tn den nächsten 
Tagen mit seiner Tochter hierher übersiedeln. Wir werden 
also nicht viel Zeit zu verlieren haben." 
Wenige Tage später stand Barbara auf dem gepflasterten 
Hofe des alten Schlosses in Polzin. Der letzte Wagen, der 
ihre Sachen nach Hohenwardin brachte, war soeben über die 
Schloßbrücke gerasselt. Mit müden Schritten wandte sie sich 
und trat zurück in die Räume, die sie jetzt alle so fremd an 
starrten, in denen sie so lange als Herrin gewaltet hatte, und 
in denen sie jetzt nur noch als Gast weilen durfte. Ein un 
säglich trauriges und bitteres Gefühl überkam sie. Sie zog 
mit eigener Hand ihr Pferd aus dem Stall und bestieg es, 
ohne einen der noch umherstehenden Knechte herbeizurufen. 
Auf einem Umwege verließ sie die Stadt. Sie hätte den 
neugierig mitleidigen Blicken der Vorübergehenden jetzt nicht 
begegnen mögen. Ohne irgend eine Absicht oder einen Wunsch 
schlug sie den Weg zum Glockensöl ein. Gelbes Laub rieselte 
auf sie herab und raschelte zu ihren Füßen. Weiße Sommer 
fäden durchflatterten die Luft und schlangen sich wie lange 
Schleier um ihren kleinen Reithur. Ein Eichhörnchen sprang 
leichtfüßig von Baum zu Baum, suchte Nüsse und warf ihr 
die Schalen fauchend in das emporgerichtete Gesicht. Endlich 
erreichte sie das Waffer, das im Wiederschein des Himmels 
jetzt im reinsten Blau erstrahlte. 
„Guten Abend, vielliebe Base!" erklang es plötzlich 
neben ihr. 
Sie erschrak nicht und lächelte nur. als sie Franz Hinrich 
gewahrte, der sich mit freudig erregtem Gesicht aus dem Grase 
aufrichtete.
        
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