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Periodical volume 27. Oktober 1894, Nr. 43

Full text: Der Bär Issue 20.1894

Fevd. Mörser. Gymnafialdirektor a. D. Dr. M. Ketsrvcrrtz und Grrrli rr. Witderrtrrrrlts, 
herausgegeben von 
Friedrich Lillesfen »nd Ajchsrd George. 
xx. 
^abraang. 
~M 43. 
Der „8är" erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch jede Postanstalt (No. 70-), Buchhandlung und 
Zeitungsspedition für 2 Mk. 50 Pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
27. «Ohtabrr 
1894. 
rv Wantcusfrlschr ©iei-ju-on'f. 
Line pommersche Familiengeschichte. 
Von U. von Uersen. 
(12. Fortsetzung.) 
XIV. 
Sommer war vergangen, und der Herbst hatte mit 
seiner Pracht die Wälder bunt gefärbt. Barbara be 
merkte es kaum. Nur selten verließ sie das stets dunkel ge- 
halten« Krankenzimmer, in dem ein junges, frisches Leben mit 
Tod und Siechtum rang. Eva Krakow hatte ihr anfangs 
treulich beigestanden. Dann war auch sie gegangen, und es 
war sehr still geworden in dem alten Schloß. Von Franz 
Hinrich waren mehrmals Anfragen nach dem Befinden seines 
Vetters gekommen. Meist waren sie von Sendungen schöner 
Blumen, seltener Früchte oder eines guten Stücks Wilvpret 
begleitet gewesen. Als aber einst eine solche Sendung in die 
Hände des Forstmeisters gelangt war, hatte dieser den Ueber- 
bringer so unfreundlich abgefertigt, daß die Botschaften in der 
Folge unterblieben. 
Berndl Ewald hatte sich an der Pflege seines einzigen 
Sohnes nur wenig beteiligt. Er konnte, wie er sagte, ihn 
nicht leiden sehen; auch mache die Luft in dem Krankenzimmer 
ihn schwindlig. Als die Gefahr so ziemlich vorüber war, 
betrat darum sein Fuß nur noch selten die Kammer, und die 
ganze Last der Krankenpflege lag allein auf den jungen 
Schultern Barbaras Diese wurde mit der Zeit keineswegs 
leichter; denn mit dem zurückgekehrten Bewußtsein und dem 
allmählich wiederkehrenden Kraftgefühl hatte Kort den 
Gebrauch seiner Glieder nicht zurückerhalten Noch lange 
Wochen hindurch mußte er in liegender Stellung aus seinem 
Schmerzenslager verharren, ehe er imstande war, dasselbe 
mit Hilfe zweier Krücken auf kurze Zeit zu verlassen. Die 
Stunden ungeduldiger Langeweile, in denen nichts ihn zu zer 
streuen vermochte, sowie die Anfälle leidenschaftlicher Ver 
zweiflung, die Barbara mit ihm durchkämpfte, drückten oft 
schwerer auf der Letzteren Gemüt, als es die Zeiten der Angst und 
Sorge in den ersten Wochen der Krankheit gethan. Dazu 
kam, daß der Arzr wenig Hoffnung gab, daß Kort je 
wieder den vollen Gebrauch seiner Glieder erlangen würde. 
Die Aussicht, schon in so jungen Jahren ein armer und elender 
Krüppel zu sein, war für die beiden im Leiden noch so wenig 
geübten Seelen kaum zu ertragen. Der Forstmeister hatte 
die Nachricht davon mit einem Erguß leidenschaftlichen 
Schmerzes entgegengenommen, dem alsbald ein Ausbruch 
wilder Wut gegen den Arzt folgte, dessen Behandlung er die 
ganze Schuld zuschreiben zu können vermeinte. Doch auch 
dieser Sturm ging vorüber und machte einem düstern Trotze 
Raum, in dem er sich ganz von dem Kranken zurückzog, dessen 
Anblick ihm peinlich war. Dazu kam, daß die von allen 
Seiten auf ihn eindringenden Sorgen und Schwierigkeiten 
nicht dazu angethan waren, seine Stimmung zu verbessern. 
Der ganze Gulshof von Ziegclwiese nebst Brauerei und allen 
ihm sonst noch in Polzin zugehörigen Gebäuden war nieder 
gebrannt und mußte neu aufgebaut werden. Außerdem hatte 
das furchtbare Hagelwetter nicht nur seine Ernte in Polzin. 
sondern auch die von Arnhausen fast gänzlich vernichtet, und 
der Jude, welcher auf dieselbe schon im voraus Gelb bezahlt 
hatte, verlangte Entschädigung, so daß er sich wohl oder übel, 
um den Drängenden zufrieden zu stellen, enischließen mußte, 
ihn durch die geforderte Schuldverschreibung auf das Gut zu 
befriedigen. 
Auch der von Eggard begonnene Prozeß wegen der Krug- 
gerechligkeit in Collatz war nicht geeignet, besänftigend auf
        
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