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Periodical volume 20. Oktober 1894, Nr. 42

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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besser im Futter halten, dann giebts keine Windeier und kein 
Aergernis für unbescholtene Leute." 
Malthies wendete sich verdutzt ab. Der Schreck über die 
unvermutet erhaltene Rüge ließ bet dem im Denken langsamen 
Burschen vorerst kein anderes Gefühl aufkoinmen. 
„Plärre nicht so, Bärbchen." wendete sich das ältere 
Mädchen der noch tapfer heulenden Kleinen zu, ist ja des 
Aufhebens nicht wert! Hast selber Schuld! Mische Dich künftig 
nicht wieder in die Zänkereien der Buben! Und jetzt laufe 
in Haus zurück, der fremde Pfeifer muß bald bei seinem 
Umzug durch die Stadt in die Heidestraße kommen." 
Bärbchen vergaß ob dieser Botschaft ihres Kummers 
und lief der offenen Gartenpforte zu. 
Die schwarze Else — so wurde das Mädchen ihrer selten 
schönen schwarzen Haare und Augen wegen genannt — 
wandte sich einer breitästigen Linde zu, welche, an die Kloster 
gartenmauer gedrückt und weil über dieselbe emporragend, 
ein geschütztes Plätzchen beschattete. Ihr feingegliedertes Ast- 
werk trug erst an den Spitzen frisches Blattgrün, so wehrte 
es jetzt den wärmenden Sonnenstrahlen nicht den Durchblick, 
und diese konnten gar beharrlich auf den Gestalten zweier 
alter Leute ruhen, welche unter dem Baum auf einer roh 
gezimmerten Bank nebeneinander saßen. 
Die Frau. augenscheinlich kraftloser und hinfälliger als 
der in eine Mönchskutte gehüllte Mann. dessen unbedecktes, 
graubnschiges Kopfhaar aber keine Spur der Tonsur erkennen 
ließ, saß vornübergeneigt, ihre mageren Hände hielten den 
Knopf eines derben Stockes umspannt, ihre Augen waren auf 
'den Boden gerichtet. Vielleicht scheute sie sich der Sonne 
gerade entgegen zu sehen, wie es ihr Nebenmann that. der, 
offenbar ungeblendet von dem hellen Strahl, mit seinen kleinen, 
blitzenden Aeuglein die Umgebung musterte und dabei seine 
Nachbarin eifrig unterhielt. 
„Ei, ei, Elslein, hältst aber streng Gericht, da giebts 
ja Heulen und Zähnklappen," rief er dem Mädchen munter 
entgegen. 
„War auch vonnöten, Pate Goltfiied," entgegnete diese, 
„einer muß doch bei den Rangen die Oberhand behalten!" 
„Hast sie kräftig gerührt, Jungfer, sitzt auch geivaltig 
lose bei Dir!" 
„Der Malthies hat mich Hexe geheißen." fuhr Else 
heftig auf. Ihre Augen glühten, ihre Lippen bebten in leiden 
schaftlichem Zorn. „Die Kargen hai's vor ihrem täppischen 
Buben ausgesprochen — o, daß ich's ihr zurückgeben könnte, 
daß ich ihr zeigen könnte" 
„Daß Du wirklich anders als gewöhnliche Menschenkinder 
bist, im Zorn Dich nicht kennst und Böses mit Bösem ver 
gelten möchtest! Ja, Else, durch solch Gebare» wirst Du 
niemand zum Glauben an Deine Engelsnatur bekehren." fiel 
ihr die Frau ermahnend und tadelnd zugleich in die Rede. 
In Elses Auge stahl sich eine Thräne, ob Reue oder 
Verdruß sie heraufbeschworen, war schwer zu entscheide». Das 
schöne Mädchen preßte einen Moment die vollen Lippen fest 
aufeinander, wie um jeden Widerspruch zu verschlteßen. Dann 
sprach sie ruhig, fast demütig: „Verzeiht, Muhme! Ich kam 
ja eigentlich zu fragen, ob Ihr ins Haus möchtet!" 
„Noch nicht! Die Luft thut meinem Kopf wohl, und 
die Sonnenwärine kräftigt die Glieder. Bis Vesperläuten ! 
denke ich" 
„Binde Dich an keine Stunde, Mutter Ursula, ich bleibe 
bei Dir fitzen, habe gerade auch nichts Nötigeres zu verrichten, 
als mich von der Sonne bescheinen zu lassen; so führe ich 
Dich ins Hans. wenn's uns beiden genug dünkt. Else kann 
derweilen an ihrer Arbeit bleiben, zum Feiertag giebts wohl 
ohnehin genugsam zu schaffen für fleißige Hände," sagte der 
als Pate Gottfried Angeredete. — 
Else dankte ihm mit freundlichem Wort und hellem Blick, 
dann eilte sie schnellen Schritts davon. 
„Eine Krähe bleibt eine Krähe, und wenn man sie mit 
Tauben oder Gösseln (Gänsen) aufzieht — den Vogel erkennt 
man an den Federn! Vermeine, wir haben dazumal eine 
Dummheit begangen, als wir das Kind von der Straße auf 
lasen." begann Pater Gottfried nach einer Pause die Unter 
haltung. 
Die Frau hob den Kopf — ein halb scheuer, halb 
fragender Blick traf den Sprecher. 
„Eine Gutthat war/s, hast Du damalen selber gesagt! 
Mich hat's nie gereut, warum redest Du jetzt so anders? Das 
Kind ist mir immer gehorsam und gutgewillt gewesen, hat sie 
Dir je Aergernis bereitet?" 
„Bewahre! — Aber die anderen! Sie sperren die Augen 
auf und merken, daß sie nicht von ihrer Art ist. Zum Un 
glück ist sie auch noch schön geworden, da regt sich der Neid. 
Und hellen Verstand hat sie als Valererbe auch. dazu ein 
scharfes Zünglein, das ist alles vom Uebel für Else." 
„Sprich nicht von „Vatererbe". Voigt! Wir kennen ja 
ihre Sippe beide nicht, warum sollten wir uns darum jetzt 
sorgen? Nach bestem Wissen und Gewissen habe ich Else auf 
gezogen — rühre nicht alte Geschichten auf! Ich wollte, ich 
könnte sie vergessen!" — 
„Ich auch," pflichtete der Voigt bei — „reden wir von 
anderen Dingen!" 
Und so geschah's. Die beiden Alten plauderten von 
diesem und jenem, bis die Glocke von St. Pauli die Vesper- 
stunde meldete 
Der Voigt bekreuzte sich und flüsterte ein kurzes Gebet. 
Die Frau neben ihm lächelte, und dies verschönte ihr Gesicht. 
Jetzt sah man deutlich, daß sie nicht das Alter, sondern Krank 
heit so hinfällig gemacht hatte. 
„Kein Mensch kann doch von alter Gewohnheit lassen." 
neckte sic. „Bist doch nicht mehr an die Ordensregel ge- 
bunden, ein Lutherscher, und kein Mönch mehr. aber" 
„Ja. beten thun die Lutherschen doch auch! S' ist be 
haglicher, auf'm Altenteil zu sitzen im Austra^stüblein, liegt's 
auch in Klostermauern, statt dem heiligen Dominikus in strenger 
Zucht Unterthan zu sein. Bin dem Augustiner Mönch, der 
mich erlöst hat. zugethan; mein Amt als Klostervoigt ist jetzt 
ungleich leichter, denn früher. Die Zellen sind leer, die 
Vögel ausgeflogen, und ich habe dennoch mein leidl ch Aus 
kommen." 
Mutter Ursula warf einen beredten Seitenblick auf des 
früheren Mönchs rundes Bäuchlein, darob er selber mitlachen 
mußte. 
„Da hast Du selber Dein gutes Teil mit angesuttert, 
Ursel; aus Deiner Hand ist manch fetter Bissen in meinen 
Magen gewandert. Nun es anschlägt, spottest Du!" 
„Nein. Gott gesegn's Dir! Er gebe, daß Du noch 
manches Jahr das Leben genießen kannst, ein zuverlässiger
        
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