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Periodical volume 13. Oktober 1894, Nr. 41

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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wir nach kurzer Wanderung erreichen, gewährt einen so all- 
täglichen Eindruck, daß man diese Gegend wohl schwerlich auf 
suchen würde, wenn Dalgow nicht inmitten seiner nüchternen, 
modernisierten Häuser und Häuschen ein Gebäude aufzuweisen 
hätte, welches geeignet ist, das Jnterresse des märkischen Ge- 
schichtssreundes zu erregen. Wir meinen das altehrwürdige 
Pfarrhaus, welches auch unsere Schritte heute nach dem ein 
fachen Dorfe gelenkt hat. 
Ueber das holprige Pflaster der Dorfstraße an modernen 
Steinbauten vorüber gelangen wir auf den Dorfplatz, wo sich, 
wie in den meisten Ortschaften, Pfarrhaus. Kirche, Gast 
hof und Spritzenhaus in Eintracht nebeneinander erheben. 
Uns interessiert vor allem das erstere Gebäude. Wenn man 
auch im allgemeinen an ein Pfarrhaus auf dem Lande nicht 
allzuhohe Anforderungen hinsichtlich seiner architektonischen 
Schönheit stellt, so wird man doch einigermaßen erstaunt sein, 
wenn man das einfache Dalgower Pfarrhaus erblickt. Das 
selbe liegt östlich von der Kirche und macht mit seinem 
mächtigen, fast bis auf den Erdboden herabreichenden, moos 
bewachsenen Binsendache und mit seinen altersschwachen Fach 
werkwänden von weitem eher den Eindruck einer Scheune oder 
eines Stalles als eines Wohnhauses. Schreitet man aber an 
der Kirchhofsmauer entlang auf das Gebäude zu, so bietet 
dasselbe, von der Giebelseite gesehen, ein ganz anderes Gepräge 
dar. Blinkende Fenster mit grünen Laden und schneeigen 
Gardinen schimmern hinter den hohen Taxuspyromiden des 
Vorgärtchens hervor und lassen vermuten, daß es sich in dem 
allen Hause, welchem das verwitterte Binsendach, die Holz 
verschalung des Giebels und das hochragende Giebelzeichen 
einen patriarchalischen Anstrich verleihen, ganz gemütlich 
wohnen muß. Und diese Vermutung bestätigt sich, wenn wir, 
einer Aufforderung des ehrwürdigen Pfarrherrn folgend, das 
Innere des Hauses betreten. Zwar find die Stuben nur 
klein und die Deckbalken und Dielen vom Alter gekrümmt, 
aber dies hindert nicht, daß man sich in dieser ältesten aller 
märkischen Pfarrwohnungen, über deren Dach bereits die 
Stürme des dreißigjährigen Krieges dahingebraust sind, wohl 
und behaglich fühlt. 
Das Pfarrhaus umfaßt in seinem vorderen, nach der 
Straße zu belrgenen Teil Wohnräume und einen Küchen, und 
Kellerraum, in dem Hinteren Ställe und Wirtschaftsräume. 
Im oberen Stockwerk des Vorderteils befinden sich ebenfalls 
Wohnräume, und neben und über diesen zieht sich der lang 
gestreckte Bodenraum dahin. In einer Ecke des letzteren, hart 
unter dem Dache eines westlichen Anbaues, gähnt uns ein 
dunkler, umfangreicher Schacht entgegen, welcher bis zur 
Decke eines darunter befindlichen Kellers hinunter reicht und 
viele Jahre hindurch zur Aufnahme von Scherben, trockenen 
Wirtschaftsabfällen und dergl. diente. Ob der betreffende 
Schacht eigens zu diesem Zweck angelegt ist oder ob er in 
früherer Zeit eine andere Bestimmung hatte, wird sich wohl 
schwerlich feststellen lassen. Sicher ist nur, daß er nicht zu 
gleich mit dem Pfarrhaus errichtet ist. da er sich an einem 
Anbau aus späterer Zeit befindet, und aus diesem Umstande 
kann man schließen, daß der Schacht wohl zu einem 
anderen Zwecke als zur Müllgrube erbaut worden ist, da man 
letztere dann nicht innerhalb des Hauses und noch dazu mit 
einer so schwer zugänglichen Oeffnung von« Bodenraum aus 
angelegt haben würde; man hättte die Abfälle viel bequemer 
auf dem Hose in einer Grube sammeln können. Wie dem 
auch sei, jedenfalls wurde der Schacht lange Zeit hindurch 
als Raum für Abfälle benutzt und wird dereinst den märkischen 
Forschern eine Blütenlese von Ueberresten der im Dalgower 
Pfarrhause gebrauchten Wirtschafts- und Bekleidungsgegenstände 
darbieien. Gelegenheit zur genauen Untersuchung des Schachtes 
wird sich bald finden, da das Pfarrhaus voraussichtlich in 
den nächsten Jahren zum Abbruch gelangen wird, um einem 
modernen Bau Platz zu machen. Vielleicht unternimmt es 
dann irgend ein findiger Archäologe, aus der schichtweisen Ab 
lagerung der Wirtschaftsüberreste Schlüsse auf den Geschmack und 
den Charakter der einzelnen Pfarrherrn von Dalgow zu ziehen. 
Der vordere Teil des Pfarrhauses weist, abgesehen von 
den seitlichen Anbauten, die Spuren eines sehr hohen Alters 
auf und scheint der älteste Bestandteil des Gebäudes zu sein. 
Demzufolge würde das Pfarrhaus ursprünglich als einfaches 
Bauwerk auf quadratischer Grundlage angelegt worden sein 
und einen resp. zwei Wohnräume und den Küchenraum um 
faßt haben, jedoch ist es auch möglich, daß der hinter der 
Küche befindliche Stall zur ersten Anlage hinzugehörte. Später 
erbaut find aber der hinterste Stall und der an der Westseite 
der Ställe befindliche Raum, desgleichen die beiden Anbauten 
an der Giebelseite. Ob das ursprüngliche Pfarrhaus bereits 
das obere Stockwerk trug, ist ebenfalls zweifelhaft, dasselbe 
scheint vielmehr, dem Gebälk zufolge, erst später aufgesetzt 
worden zu sein, wahrscheinlich zusammen mit dem westlichen 
Anbau, worauf wiederum die Anlage des erwähnten Schachtes 
hindeutet. Ueber die Zeit der Erbauung des Pfarrhauses 
ist eine Nachricht von Wichtigkeit, welche sich in einem Kirchen- 
visitations-Protokolle vom Jahre 1541 (Riedel, Cod. I, 10. 
S. 489.) findet, und welcher zufolge der damalige Pfarrer 
das „Pfarhaus gebauel" habe. Dasselbe dürfte also ein 
Alter von über 350 Jahren aufzuweisen haben, falls der 
älteste Bestandteil mit jenem vor 1541 erbauten Pfarr 
haus identisch ist, und dies ist sehr wohl möglich, da das 
Gebälk sicher ein so hohes Alter besitzt. Eine genaue Be 
stimmung der Zeit, zu welcher der Bau stattgefunden hat. 
wird sich nicht ermitteln lassen, da Urkunden über die Er 
bauung des Hauses nicht vorhanden find und die Kirchen 
bücher erst mit dem Jahre 1671 beginnen. In letzteren 
findet sich aber über den Bau und über die Anbauten keine 
Bemerkung, nach 1671 dürfte der Bau also kaum stattgefunden 
haben. — 
Das Pfarrhaus grenzt mit seiner Westseite an den kleinen 
Dorfkirchhof, auf welchem sich die einfache Kirche erhebt. Die 
selbe trägt in ihrer äußeren Gestalt dasselbe Gepräge der 
Neuzeit, welches das Dorf darbietet, und wenn auch die Ge 
stalt des Kirchenschiffs und die Stärke seiner Mauern auf ein 
hohes Alter des Gotteshauses hindeuten, so haben doch der 1872 
neu erbaute Turm, sowie der Ausbau und der neue Anstrich 
des Hauptgebäudes dazu beigetragen, der Kirche einen modernen 
Charakter zu verleihen. Diese Umwandlung gereicht dem 
Gotteshause indes nicht zum Nachteil, denn dasselbe macht 
mit seinem hellfarbigen, an den Ecken mit roten Backstein 
pfeilern eingefaßten Turme, auf dessen Plattform sich ein 
polygoner Aufbau mit schlanker Spitze erhebt, einen schmucken 
und gefälligen Eindruck und trägt dazu bei, die Gesamter 
scheinung des Dorfes, welche sonst eine ziemlich einförmige 
wäre, um ein Bedeutendes zu heben.
        
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