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Periodical volume 13. Oktober 1894, Nr. 41

Full text: Der Bär Issue 20.1894

« 491 s 
General Dombrowski einen Aufruf zur Insurrektion erließ 
und Teile des Davoustschen Korps Posen besetzien. Die 
Preußen brennen zwar die Weichselbrücke ab, um die Franzosen 
am Uebergang über die Weichsel zu hindern, und der General 
L'Estoque schlägt auch einen Handstreich der Franzosen gegen 
Thorn zurück, steht sich aber genötigt, bei der gänzlichen Un 
zulänglichkeit der Festungswerke, für welche seit ihrer Zer 
störung durch die Schweden blutwenig gethan war, Thorn zu 
räumen, und so ziehen in der Nacht vom 6. zum 7. Dezember 
1806 die Franzosen in die Stadt. Durch den Tilfiter Frieden 
1807 wird Thorn ein Bestandteil des durch provisorische 
Konstitution vom 3. Februar neugebildeten Herzogtums 
Warschau und so zum ersten Male eine polnische Stadt. 
Thorn als Bestandteil des Herzogtums Warschau. 
Mit der Besitzergreifung Thorns durch die Franzosen 
wurden sofort von diesen und später von den Polen die ver 
fallenen und zerstörten Festungswerke planmäßig wieder her 
gestellt, hierbei jedoch Grundstücke und Gebäude von Privat 
personen ohne jede Entschädigung dazu eingezogen, so daß 
viele Familien völlig verarmten. Ueberhaupl tritt jetzt in 
jeder Beziehung ein völlig willkürliches Regiment an Stelle 
der bisherigen geordneten Verhältnisse ein, so daß viele Herzen 
von patriotisch gesinnten Männern höher geschlagen haben 
mögen, als 1809 der Erzherzog Ferdinand in Polen ein 
dringt, Warschau besetzt uub mit Teilen seiner Armee vor 
Thorn erscheint, wohin sich bte polnische Regierung aus 
Warschau zurückgezogen hatte. Die Stadt wird zur Uebergabe 
aufgefordert, ani 15. Mai ein Sturm von der Weichselseite 
her unternommen, die Bazar-Kämpe erstürmt, da vereitelt der 
Heldentod des Obersten Brusch von Neuberg an der Spitze 
der Stürmenden und die Tapferkeit der Verteidiger den 
weiteren Erfolg, und Thorn wird nun förmlich belagert. Die 
Belagerung muß aber aufgegeben werden, weil die Armee 
des Erzherzogs anderer Ereignisse wegen anderweitig Ver 
wendung finden sollte. Dem gefallenen Obersten Brusch hat 
der Erzherzog später ein einfaches, aber schönes Denkmal aus 
Gußeisen setzten lassen, das seinen Platz im Brückenkopf er 
halten hat.*) 
Sehr zu leiden halte die Stadt durch den Hin- und Rück 
marsch der napoleonischen Truppen nach und aus Rußland, 
wo das Rathaus zum Lazarett. Kirchen zu Pulver- und Pro- 
viantmagazineu eingerichtet werden; und da Napoleon auf 
seinem Rückzüge die Festung Thorn gegen die Russen und 
Preußen zu halten befiehlt, die Verteidigung dem bayrischen 
General v. Zoller mit 400 Mann anvertraut, so hat Thorn 
1813 seine bisher letzte Belagerung zu überstehen. Im 
Februar 1813 beginnen die Russen unter General Gras 
Langeron die Belagerung. Die Jngetiiem-Arbeiten leitete 
anfangs der Oberstlieutenant Michaud und. nachdem dieser bei 
dem Angriff auf den Backerberg den rechten Arm verloren 
hatte, der Generallieutenant Oppermann. Am 16. April muß 
schließlich^ General von Zoller wegen Mangel an Munition 
und an Truppen — cs waren nur noch 1500 Kom- 
*) Die Vorderseite trägt den Namen und Todestag des Gefallenen, 
während sich aus der Rückseite sotgeade Inschrift befindet: 
„Wand'rer, kommst du nach Oestreich, 
kündige dorten, du habest 
Mich hier liegen geseh'n, 
wie mir die Pflicht e« befahl." 
baitanten vorhanden — eine Kapitulation abschließen, nach 
welcher die Garnison entwaffnet und in ihre Heimat entlassen 
wird. Jetzt erhält Thorn bis zum Jahr 1815 eine russische Be 
satzung, die jedoch in jeder Weise riguros verfährt, so daß Rat und 
Bürgerschaft voller Hoffnung der Besitznahme der Stadt durch 
Preußen entgegensehen, die schließlich durch den Einmarsch der 
preußischen Truppen unter dem Obersten, nachmaligem General- 
lieutenant und Kommandanten von Thorn Beneckendorf von 
Hindenburg im September 1815 sich verwirklicht. 
Thorns definitive Zugehörigkeit zu Preußen. 
Endlich brechen für Thorn Zeilen der Ordnung und 
eines langen Friedens an. in denen sich die Stadt langsam 
aber stetig von den Zerstörungen der langen Kriegsjahre er 
holt. Wenn auch Thorn nicht die Bedeutung und den Glanz 
zurückerlangt hat, den es als Hansastadt besaß, so ist durch 
die Fürsorge der Hohenzollern-Könige Handel und Industrie 
doch zu beträchtlicher Höhe gediehen. Die Festungswerke 
wurden in den 20 er Jahren dieses Jahrhunderts unter dem 
damaligen Chef des Ingenieur-Korps, General der Infanterie 
v. Rauch, und dem Ingenieur-Offizier vom Platz, Major 
Fromm, den damiligen Anforderungen entsprechend neu her 
gestellt und find neuerdings, in den 80er Jahren, nach modernen 
Grundsätzen so erweitert, daß Thorn zu den sechs großen 
Festungen des deutschen Reiches zählt. — 
Nicht besser kann die Geschichte Thorns schließen, 
als mit den Worten eines zur Jubelfeier der 600jährigen 
Gründung der Stadt von dem Baron Kurowski v. Eichen 
gefertigten Gedichts, welches Fest Thorn am 27. Dezember 
1831 mit allgemeiner Freude beging: 
O, Stadt, 
Blick' stolz auf Hohes, das dich ehrt, und ringe 
Zum Höher», auf des Vorbilds Weisheitsbahn! — 
Daß deinen Kräften Herrlichstes gelinge, 
Hat Großes das Geschick für dich gethan. 
Dich schirmet eines Sonnen-Adlers Schwingen 
Vor Mißgeschick! — verscheucht flieht jeder Wahn: 
Lies sinnend in dem Buche deiner Kunden. 
Und mein Verheißen hast du dort gefunden. — 
Dalgow im Whavelland. 
Bon Dr. Gustav Albrecht. 
1. Pfarre und Kirche. 
Das Dorf Dalgow im Osthavelland liegt ungefähr 8 km 
von Spandau entfernt hart an der alten Handelsstraße, welche 
von Berlin über Spandau. Nauen und Perleberg nach Hamburg 
führt. Die Landstraße zieht sich an der betreffenden Stelle 
auf dem Nordraude des sogenannten Döberitzer Höhenplateaus 
hin, während das Dorf Dalgow am Fuße dieses Plateaus 
sich nach der Berlm-Lehrter-Eisenbahn zu ausbreitet. 
Schreitet man vom Bahnhof — Dalgow ist Station der 
Lehrter-Bahn — auf das Dorf zu, so erblickt man rechts 
welliges Hügelland, hin und wieder mit Kieferngehölz be 
wachsen, die Abflachung des erwähnten Plateaus, und links, 
jenseits der Bahnstrecke, eine einförmige Ebene, von zahlreichen 
Wasserstreifen durchzogen, den Beginn des Havelländischen 
Luches. Landschaftlich bietet die Umgebung von Dalgow 
wenig Interessantes dar. und auch das Dorf selbst, welches
        
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