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Periodical volume 13. Oktober 1894, Nr. 41

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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dessen poetischer Begabung ungedruckte Epigramme und eine 
in der Kopisch-Biographie von Boelticher veröffentlichte Ode 
Zeugnis ablegen. Die Mutier hatte seinetwegen mancherlei 
Bedenken geäußert, und noch in seinem letzten Briefe aus 
Neapel sucht Kopisch sie zu beruhigen. — Von der Rückreise 
selbst ist nur ein einziger Brief aus Genua erhalten. 
Neapel, den 15. Oktober 1829. 
Geliebte Mutter! 
Wenn dieser Brief etwas kürzer als früher ausfällt, so 
ist es darum, weil ich nun bald mündlich erzählen werde, wie 
es mir hier ergangen. 
Meine Abreise von hier ist auf Montag den 19. d. M- 
festgesetzt, ich darf also mit Gewißheit hoffen, diesen heiligen 
Abend mit Euch zuzubringen. 
' und Sachverständige stellen es allen übrigen Arbeiten der Art 
voran. Ich nehme es ebenfalls mit. Nicht allein deshalb, 
sondern noch aus vielen anderen Gründen muß ich erst nach 
Berlin eilen, ehe ich meine Lieben alle wiedersehe. 
Daß ich, in Berlin mit Rudolf und Friedrich zusammen 
sein werde, ist mir das Liebste, was mir dort geschehen konnte. 
Rudolf hat unbedingt die bestimmteste Anlage, ein großer 
Dichter zu werden. Wenn Du ihn weniger aufgeregt und 
begeistert findest, als ich dies in demselben Alter war, so be 
denke. daß meine Jugend in eine viel bewegtere Zeit fiel. 
Für jene meine größeren Jugendeindrücke wird ihn auf anderer 
Seite sein gründliches Fortschreiten entschädigen. Seine Sprache 
hat schon jetzt eine so klare, feine Ausbildung, daß Du sie 
vergeblich bei irgend einem Dichter desselben Alters suchen 
Das Pfarrhaus ;u Dalgow. (S. 491.) 
Nach einer photographischen Aufnahme von Franz Tis mar. 
Ein sehr glückliches Geschick hat mir einen überaus an 
genehmen Reisegefährten zugeführt, nämlich den Major Baron 
von Scharnhorst, des Generalfeldmarschall Gneisenau Schwieger 
sohn, mit welchem ich die ganze Reise bis Berlin machen und 
von da nach Breslau kommen werde. Noch wissen wir nicht- 
welchen Zickzack wir zurückmachen werden. Da ihm die ganz 
geraden Wege so prosaisch vorkommen als mir, haben wir Lust, 
Hannibals Weg über die Alpen einzuschlagen. Du sollst von 
meiner Reise Briefe erhalten. Meine Gesundheit ist die beste. 
Nie habe ich mich so heiter, stark und lebendig gefühlt, 
als jetzt. 
Die Porträts für den Kronprinzen, die ich nun selbst 
mitnehme und abgebe, sind nach aller Meinung beffer aus 
gefallen. als meine frühere Arbeit, die ihm so gefallen. Das 
Relief von Capri habe ich ebenfalls aufs höchste allsgebildet. 
würdest. Wie verschieden, wie mannigfaltig ist der Ton in 
seinen Gedichten und doch wie bestimmt in jedem festgehalten! 
Es ist ein tiefer, prüfender, wählender Sinn in ihm. welcher 
natürlich lebhafte Aeußerungen über die Gegenwart hemmt, 
Der ist am wenigsten zum Dichter geboren, der vor Entzücken 
sogleich schreit und ausruft: „Ich taumle." Das poetische 
Entzücken ist ein stilleres, innigeres Betrachten, ein sammelndes 
für künftige große That. — 
Spaziergänge in Breslau können eine größere Phantasie 
nicht befriedigen oder erhöhen, ich wundere mich daher nicht, 
daß Rudolf, dem Schöneres vorschwebt, nicht den Eifer dafür 
hat, den mehr weichere Gemüter haben. Fürchte übrigens 
nicht, daß mein Umgang ihn zu sehr für Poesie einnehmen 
könne. Das Schlimmste ist nun schon geschehen, mache mit 
ihm. was Du willst: er wird doch nur ein Dichter. Nach
        
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