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Periodical volume 6. Oktober 1894, Nr. 40

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Schweden das Feld. Unter solchen Umständen öffnete Thorn 
nach zweitägigen Verhandlungen und weil König Johann 
Kasimir vertrieben, von Polen daher keine Unterstützung zu 
erwarten war, dem Schwedenkönige Carl X. die Thore, der 
den 5. Dezember 1655 seinen Einzug hält und sich von Thorn 
den Eid der Treue leisten läßt. Carl X. läßt die Festungs 
werke sofort in Stand setzen und belegt Thorn mit einer 
ständigen Garnison von gegen 2000 Mann unter einem 
Kommandanten. Als daher der vertriebene König Kasimir 
mit Unterstützung des deutschen Kaisers ernstlich daran denkt, 
seine an Schweden verlorenen Landesteile wieder zu erobern, 
finden wir in Thorn den schwedischen General von Bülow 
mit 2000 Mann. Von polnisch-österreichischer Seite wird 
1657 von den Generälen Morlecuculi auf dem rechten und 
von Heister aus dem linken Ufer vergeblich versucht, Thorn in 
Besitz zu nehmen, und sie werden gezwungen, unverrichteter 
Sache abzuziehen.*) 1658 hat dann Thorn eine 25 Wochen 
währende Belagerung von polnisch-österreichischer Seite unter 
den Generälen Sapieha und de Touches, später unter persön 
licher Leitung des Königs Kasimir auszuhalten, wobei der 
schwedische General v. Bülow mit seiner kleinen Garnison 
die Verteidigung so heldenmütig durchführt, daß bei der 
schließlich aus Mangel an Munition und Lebensmitteln er 
folgten Kapitulation die schwedische Garnison mit voller Aus 
rüstung und allen militärischen Ehren freien Abzug erhält 
und General v. Bülow von dem Polenkönig zu Tisch geladen 
wird. König Kasimir verzeiht der Stadt und bestätigt aufs 
neue die früheren Privilegien. Der 1660 zu Oliva zwischen 
Polen und Schweden geschlossene Friede bewahrt Thorn seine 
Selbständigkeit. Durch den vorherigen Krieg und die Be 
lagerung in seinen Landgütern und Vorstädten völlig ruiniert. 
*) Auf die ephemere Erscheinung der Oesterreicher vor Thorn hatte 
man folgenden Vers gemacht: 
Quid prope Thoronium Dux nuxdiaiins egit, 
Quaeritis? Obsedit, sedit, et edit, et it! 
d. h. WaS that der Führer der Hilfsvölker nahe vor Thorn, fragt Ihr? 
Er blokirte, er faß und aß und ging. (Zernecke z. Z. 16 >7 ) 
im Handel sehr zurückgegangen, kann sich Thorn von nun an 
nicht mehr zu seiner früheren Blüte erholen, und so finden 
wir die Stadt noch lange nicht auf der früheren Höhe des 
Wohlstandes, als 1703 im nordischen Kriege sie wieder in 
die kriegerischen Ereignisse verwickelt wird. Die glänzenden 
Waffenerfvlge Carl XII. gegen seine drei Verbündeten setzen 
Thorn in diesem Jahre wieder einer längeren Belagerung 
aus, in der dieses Mal die Polen unter General von Röbel 
Thorn verteidigen, während die Schweden unter Carl XII., 
der persönlich die Festung erkundet, wobei an seiner Seite 
der General v. Liewen erschösset, wird, den Belagerer machen. 
Diese Belagerung dauert vom 25. Mat bis zum 14. Oktober, 
wo schließlich der Kommandant von Röbel ebenfalls wegen 
Mangel an Lebensmitteln und Munition, sowie auf Drängen 
der Bürger die Stadt auf Gnade und Ungnade dem Schweden- 
könige ausliefern muß. Hatte schon die Stadt während der 
Belagerung durch das in Brandschießen des Rathauses und 
vieler anderer Gebäude sehr gelitten, so wird der größte 
Schade ihr jedoch dadurch zugefügt, daß nach der Uebergabe 
Carl XII. die sämtlichen Erdwerke abtragen und die Mauern 
sprengen ließ. Jetzt ist Thorn offene Stadt, jedem Angreifer 
preisgegeben, und die vielfachen Durchzüge der verschiedensten 
Truppen in den nachfolgenden Kriegen machen den Rest von 
Wohlstand schwinden. Handel und Gewerbe liegen darnieder,*) 
so daß fchließltch Thorn. nach der Teilung Polens auch in 
handelspolitischer Beziehung isoliert, 1793 mit dem Gefühl 
der Erlösung die preußischen Truppen unter General von 
Schwerin in seine Mauern einziehen sieht und gern dem 
Hohenzollernkönig den Eid der Treue leistet. (Schluß folgt). 
*) Eine Ausnahme hiervon macht die bis auf den heutigen Tag so 
berühmte Pfefferkuchen-Industrie. Die Thorner Pfefferküchler fahren mit 
ihrer Ware auf die Jahrmärkte von Danzig und Königsberg. Im Jahr 
1778 schickte der Rat einen Pfefferkuchen, eine halbe Elle dick und 3 bis 4 
Ellen lang, welcher 300 Thlr. kostete, an die Kaiserin Katharina, 'lieft 
wurden wegen der am 24. und 26. Dez. 1793 zu Berlin vollzogenen Ver- 
mählungSfeierlichkeilen des Kronprinzen und des Prinzen Friedrich Ludwig 
Carl Pfefferkuchen, mit den hohen NamenS-Chiffern und Kronen geziert, 
nach Berlin gesandt. 
Kleine Mitteilungen. 
Hoinrlrt) Krrrgsch -Dcrsrticr, der am 9. September d. I. 
verstorbene Aegyptologe, ist ein Berliner Kind. Er wurde am 27. Februar 
1887 geboren, und stammle, wie wir einem Artikel der „Tägl. Rundschau" 
entnehmen, aus einer preußischen Soldatenfamilie: sein Vater war Quartier 
meister der Ulanen, und seine Kinderjahre verübte er auf dem Hofe der 
„Artillerie-Kaserne" an der Georgenstraße. Schon der Gymnasiast fühlte 
eine unwiderstehliche Neigung für daS geheimnisvolle ägyptische Altertum, 
dessen damals im Monbijou-Schlöffe aufbewahrte Denkmäler den Knaben 
mächtig anzogen. Der damalige Direktor des ägyptischen Museums 
PaffalacquaS wurde auf d.-n ständigen Besucher derselben aufmerksam, doch 
konnte der wif begierige Gymnasiast von ihm, der mehr Phantast alS Mann 
der Wiffenfchaft war, wenig lernen. Brugsch wußte aber seine eigenen Wege 
alS Autodidakt mit Erfolg zu finden. Ihn reizte besonders das Rätsel 
der demotischen Schrift, die seil dem 8. Jahrhundert vor Christi Geburt 
in Aegypten in Ausnahme gekommen war. Diese zu entziffern gelang ihm 
schon als Primaner, und noch ehe er da« Abiturienten-Examen bestand, 
erschien von ihm im Jahre 1848 eine Grammatik der Volkrschrisl der 
Aegypter, eine für die Aegyptologie höchst bedeutsame Schrift, welche der 
Entzifferung der Hieroglyphen, sowie der hieratischen Schrift durch 
Champollion gleichzustellen ist. 
Ebenso eigenartig wie die Schulzeit verlief das übrige Leben des Ge 
lehrten. Er gelangte nie zu dauernder Stellung, da das Schicksal ihn 
zum Wandervogel auSersehen hatte. Wohl fünfzig Male legte er die Reise 
von Triest nach Alerandrien zurück. Zweimal ging er alS Mitglied einer 
Gesandtschaft nach Teheran (1860 und 1885). In Kairo finden wir ihn 
alS preußischen Konsul, als Direktor des arabischen Museums und als 
Leiter einer europäisch - orientalischen Lehranstalt. Zahlreichen gekrönten 
Häuptern, Prinzen und Herzögen diente er als wtffenschaftlicher Reise- 
marschall; so begleitete er 1882 den Prinzen Friedrich Karl nach Aegypten. 
Abgesehen von einer kurzen Thätigkeit alS Professor der Universität Göttingen, 
hatte die Heimat wunderbarerweise keine dauernde Stellung für ihn. 
Für die Kenntnis des ägyptischen Altertums sind seine Arbeiten von her 
vorragender Bedeutung. Sein wissenschaftliches Hauptwerk ist das große 
„Demotische Wörterbuch", welcher 1868—1870 in sieben Bänden erschien. 
Sehr intereffant ist seine 1893 erschienene Autobiographie „Mein Leben 
und Wandern". Heinrich Brugsch-Pascha ist in seinem vielbewegten Leben 
mit zahlreichen Gelehrten (Boeckh, Humboldt, Mariene) und mit zahlreichen 
Fürstlichkeiten in persönliche Berührung gekonimen. Diese große Galerie 
berühmter Zeitgenoffen führt er uni in seinen Lebenserinnerungen in 
lebendiger Darstellung vor und tritt uns in denselben als das entgegen, 
was er zeitlebens war: ein scharfsinniger Gelehrter, ein Mann von seltener 
Lauterkeit des Charakters. Die zahlreichen Anekdoten, die von ihm im 
Umlauf sind, beweisen die weitverbreiteten Sympathieen, deren sich der 
Heimgegangene Gelehrte erfreute. — e. 
Das Derrlrrncrl Kaiser Milhelrns 1. ft* Königs 
berg i. Dr. ist am 4. September d. I. in Gegenwart veS KaiserpaareS 
enthüllt worden. Die Inschrift auf dem Granitsockel lautet: „Ihrem 
großen Könige, dem Kaiser Wilhelm I, seine getreuen Ostpreußen." Dar 
Denkmal erhebt sich an der Südfront de« alten KönigSschloffeS, im Laufe 
der Kanlstraße. ES ist ein Werk des Professors Friedrich Reu sch und 
in der Gießerei der Aktiengesellschaft Schäffer und Walcker in Berlin in 
Bronze gegossen worden. Der Kaiser, von dessen Schulter der KrönungS- 
mantel in reichem Faltenspiel nach hinten wallt, trägt aus dem Haupte die 
Königskrone, die Rechte hält da« ReichSschwert, während die Linke sich auf 
Reichsapfel und Scepter stützt. Die Statue bis zur Schwerlspitze hat eine 
Höhe von 6,80 ui. In der Urkunde, die im Grundstein des Denkmals 
ruht, heißt eS: „Es ward bestimmt, daß eS (dar Denkmal) Wilhelm I. im 
Krönungsornat mit erhobenem Schwert darstellen solle: die alle Krönungs 
stadt erhält somit ein sprechendes Erinnerungszeichen an einen Augenblick 
im Leben der großen Königs, der ihr und der Provinz gehört, vom Könige
        
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