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Periodical volume 29. September 1894, Nr. 39

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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den Globen meerte, deß nam er an sich des Herzogen aus 
Pohlen mit seiner Macht, und fuhren tn Gottes Nahmen 
über die Weissel uff die Köllmische Seite und bauten eine 
Burg Thorun genannt: diß geschah in unsers Herrn 
Jahre LlOOXXXI. Diß Bauen ward also gethan: Uff 
einem Hübel eine große Eiche stund, wol uffgewachsen mit 
Esten, doruff machten sie Erker mit Zinnen, hieben Reyen 
all umb die Eiche, also daß nicht mehr als ein enger Steig 
zu der Burg blieb, doruff blieben sieben Brüder mit ihren 
Knechten wenig und mußten stets ihre Kahne bey sich haben, 
ob sie vor den Preußen nicht hatten können bleiben, daß 
sie uff der Weissel wären gegen Nessau gefahren." 
Da der deutsche Orden jeden Fuß Landes sich von den 
dem Christentum wenig zugänglichen und kriegerischen Preußen 
erkämpfen mußte, so waren die ersten Jahre Thorns 
für die durch Herman Balk und seine Ordensbrüder ange 
siedelten Landsleute Jahre steter Kriegsbereitschaft. Um diese 
angesiedelten deutschen Familien für ihre thatkräftige Unter 
stützung zu belohnen und weitere Ansiedler heranzuziehen, 
wurde der Stadt Thorn bereits am 28. Dezember 1233 zu 
gleich mit Kulm durch den oben genannten Landmeister Herman 
Balk unter Genehmigung des Hochmeisters das berühmte 
Privilegium gegeben, welches, unter dem Namen der „Kulmischen 
Handfeste" bekannt, nicht nur die gegenseitigen Rechte und 
Pflichten des deutschen Ordens einer- und der Bürger der 
Städte und des platten Landes andererseits, sondern auch den 
gesetzlichen Zustand der Einwohner bestimmte und so die Grund 
lage zu dem später so bedeutenden Aufschwung und Ansehen 
der genannten Städte legte. Die der Smdt Thorn durch 
diese Handfeste erteilten bedeutenden Privilegien nebst der 
günstigen Lage an der schiffbaren Weichsel waren bei der 
Freundschaft der Polen und der Pommern-Herzöge für das 
Aufblühen der Stadt von so großer Bedeutung, daß bereits 
1235 Thorn als Waffenplatz des deutschen Ordens genannt 
wird, woselbst sich der Orden zu seinen weiteren Zügen 
gegen die Preußen rüstet und auch seine Schiffe bauen läßt. 
In das Jahr 1235 fällt nach oben erwähnter Chronik 
auch der Ban der St. Johannis-Kirche — ein altehrwürdiges Bau 
werk. das mit seinen vielen Altären noch heute dem größten 
Teil der katholischen Einwohnerschaft als Gotteshaus dient. 
Ebenso muß die alte Stadtmauer schon in den ersten Jahren 
erbaut sein, da ihrer in den Kämpfen des Ordens mit den 
Preußen unter des Pommern-Herzogs Swantopolk Führung 
bereits 1242 Erwähnung geschieht. 
Das schnelle Aufblühen der Stadt Thorn sowie die große 
Machtentwicklung des deutschen Ordens und das Entstehen 
vieler anderer Ordensstädte hatte nämlich den bis dahin dem 
Orden befreundeten Pommern-Herzog Swantopolk fürchten 
lassen, daß auch sein Land schließlich unter die Herrschaft des 
Ordens gezwungen würde, und so suchte er anfangs im 
Geheimen die Preußen gegen den Orden aufzuwiegeln, bis 
er sich nach des Landmeisters Herman Balks Tode 1242 
als offener Feind des Ordens an ihre Spitze stellte. Der Krieg 
wurde erst mit abwechselndem Glück geführt, jedoch neigte 
sich zuletzt das Glück so sehr auf die Seite des Herzogs, daß 
der Orden fast alle seine Eroberungen bis auf Elbing, Balga, 
Kulm, Thorn und Rheden verliert. Erst nach einem zwei 
jährigen Kampfe gelang es dem durch zahlreiche Hilfstruppen 
aus Deutschland verstärkten Orden, die von ihm abgefallenen 
Landesteile wieder unter seine Botmäßigkeit zu bringen. 
1252 schließt Swantopolk endlich für immer mit dem Orden 
Frieden. 
Nach dem Friedensschluß traten für Thorn Jahre des 
Friedens und der Blüte ein, und wiewohl die Preußen, durch 
das zu Zeiten harte, oft grausame Verhalten des deutschen 
Ordens gezwungen, Aufstände und verheerende Plünderunzs 
züge durch das Land unternehmen, so spielen sich diese Kämpfe 
doch mehr im Innern des Landes ab und berühren Thorn in 
seinem Handel nach Polen und der Ostsee fast gar nicht. Aus 
dieser Zeit berichtet die alte Chronik zwei hervorragende Er- 
eignisse: 1259 die Erlaubnis zum Bau eines Kaufhauses 
(Rathaus), ferner 1310 die Gründung der Artusbrüderschaft 
durch Siegfried von Feuchtwangen. 
Außer ritterlichen Uebungen wurden in dem alten Artus 
hof auch statutenmäßig an bestimmten Tagen große Festessen 
und Belustigungen abgehalten; es scheint überhaupt daselbst 
später ein lustiges, zu Zeiten sogar ausschweifendes Leben 
geherrscht zu haben, worauf die vom Rate erlassenen ernst 
lichen Aufforderungen zur Abstellung eingerissener Mißbräuche 
schließen lassen. Für jeden der Festtage war ein bestimmtes 
Programm, wonach das Fest zu verlaufen hatte, festgesetzt, und 
so heißt es z. B. in der Pfingst-Kollation unter anderem: 
„Am Pfingst-Dienstag werden die Brüder sammt ihren 
Hausfrauen und Kindern zur Mittagsmahlzeit auf den Hof 
geladen, allda werden dreierlei Essen aufgetragen, gekocht 
Fleisch oder Hühner, ein Gebratenes ohne groß Geprang. 
wie es die Zeit vermag, gekochte Schinken oder Krebse und 
nicht mehr. Von Getränken wird erstlich einer jeden Manns 
person ein Glas mit Rheinschem Wein vorgesetzt, dasselbe 
mag er so oft es ihm zuträglich austrinken, aber Niemandes 
Bescheid zu thun übergeben. Vor die Frauen und Jung 
frauen werden etzliche Silbergeschirre mit Wein aufgetragen, 
dieselben mögen einander, so oft es ihnen annehmlich, daraus 
umbher trinken, als sie im Trinken kein Exzess thun. Weiß 
bier wird bei und nach der Mahlzeit aufgetragen. Nach 
geendeter Mahlzeit wird ein Ehrentanz gehalten, also, daß 
die Obrigkeit allerwege den Vorzug habe. Solcher Tanz 
wehret bis 5 Uhr. Von 5—6 ist ein Stillstand und wird 
von den Gästen ein Abtritt genommen, unterdessen wird 
zur Abendmahlzeit zugerüstet. Um 6 Uhr versammelt man 
sich wieder und werden zwei Trachten aufgetragen, ein Ge 
bratenes und ein Gebackenes und nicht mehr. Danzker 
Bier, Thornisch Bier und Weiß-Bier dazu. Nach geendeter 
Abendmahlzeit geht der Tanz wieder an, also daß um 
10 Uhr die Versammlung aufhöre, und ein Ende nehme in 
Ehrbarkeit, wie im Fastnachtstag gedacht." — 
In diese Lustbarkeit greift 1312 zum ersten Mal in ver 
heerender Weise die Pest ein, die auch in der Folgezeit als 
häufiger Gast wiederkehrt und Tausende von Menschen 
dahinrafft. 
Durch die Besitzergreifung von Pommerellen seitens des 
Ordens wurde, da auch Polen seine Ansprüche auf diesen 
Landstrich geltend machte, der Grund einer Zwietracht und 
Feindschaft zwischen Polen und dem Orden ausgestreut, die 
zwei Jahrhunderte hindurch nicht erstickt werden konnte, die
        
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