Path:
Periodical volume 29. September 1894, Nr. 39

Full text: Der Bär Issue 20.1894

-s 465 p- 
haben, holen Sie erst ein bischen nach!" Ich dankte und 
sagte, ich hätte gut gefrühstückt. Ein Glas Champagner nahm 
ich an. „Nun so setzen Sie sich zu uns und lesen!" Ich zog 
Stehen vor, um besser gehört zu werden. — Schon den ersten 
drei Zeilen rief er ein „Vortrefflich" zu. Das Gedicht war 
heiter und ernst. Erst lachte er herzlich über die Scherze, 
dann ward er mehr und mehr ergriffen und ließ die Thränen 
rinnen, ohne sie zu trocknen. Eine lange Pause folgte dem 
Vorlesen; den Damen, welche den Prinzen ansahen, wurden 
die Augen auch naß. Mein Freund Arnim drückte mir 
herzlich die Hand, die Herren vom Hofe neigten sich entzückt. 
Endlich brach der Prinz das Schweigen und sagte: „Aber, 
liebster Kopisch, daß wir andern satt sind und Sie hungern, 
kann unmöglich angehen; Maffow, schaffen Sie doch Einiges 
herbei!" Ich dankte, setzte mich aber zum Tisch. Der Prinz 
sorgte selbst, daß mir reichlich eingeschenkt wurde, und war 
überaus gütig und heiter. „Wo haben Sie denn aber vorhin 
gesteckt?" fragte er von neuem. „Da oben in jenem Fenster". | 
flüchtig in kaum einer Stunde entstand. Was sich dort 
selbst und durch Hindeuten auf die Gegend erklärte, bin ich 
hier genötigt, durch Anmerkungen zu erläutern (Hier 
folgt, von einigen Erläuterungen begleitet, das den zweiten 
Band beginnende Gedicht) .... 
Zwei Tage nachher ward ich von ihm zu einem Ausflug 
nach Pompeji eingeladen und nahm Gelegenheit, ihm das 
Gedicht beim Dejeuner zu überreichen. Er hatte es schon er 
wartet, las es noch ein paarmal durch und gab es an 
Ancillon zu lesen, der mir viel Angenehmes darüber sagte. 
Dann nahm er es eilig wieder und packle es in voller Freude 
samt Umschlag unb goldenen Ouästchen in den Brief an seine 
Frau, nachdem er selbst noch etwas dazu geschrieben. Er 
dankte mir mehrere Male sehr freundlich und nannte es ein 
allerliebstes Geschenk. Ich ward noch zu einem Diner geladen 
und ward sehr gütig ausgenommen. 
Von einem sehr romantischen Fest, deffen Anordnung mir 
Graf Voß, der hiesige Gesandte, überlassen hatte, und welches 
Rach einer Photographie von H, Bentz ke in Rathenow. 
sagte ich, „von dort durfte ich alles nur nach der Natur ab- . 
schreiben". „Nun, Sie schreiben rasch, das muß wahr sein," 
sagte der Prinz. Als inan ihm sodann das Fremdenbuch l 
vorlegte, in welches sein Vater sich bereits eingeschrieben, ; 
unterhielt er sich sehr witzig über die mitunter sehr possierlichen 
Mottos der entzücklen Fremden. Als er lange Titel von 
Berliner Räten fand, sagte er: „Grade als wenn sie in Berlin 
wären!" Er schrieb sich ein und sagte: „Wenn die übrigen j 
alle eingeschrieben sind, schreibe ich noch meiner Elisabeth 
Namen in Sanskrit darunter." Das Buch ging umher, ich 
schrieb mich zuletzt ein. Als es wieder an de i Prinzen kam. 
fragte er: „Steht Kopisch auch schon drin?" AIs dies bejaht > 
wurde, sagte er: „Gut, da schreibe ich noch kostn dazu und 
darunter mag meiner lieben Frau Name stehn." — Er schrieb, 
stand dann schnell auf und eilte allen voran den Berg hin 
unter. weil den Geburtstag noch ein großes Hoffest in Portici 
beschloß und es bereits Abend wurde. 
Ihr werdet auf mein Gedicht neugierig sein, darum 
setze ich es hierher, und zwar unverändert, grade wie es 
dem Prinzen sehr gefallen, will ich nächsten Posttag mehr 
schreiben, da heute meine Hand nicht mehr fort will. 
Diese Briefe bitte ich übrigens nicht in Hände kommen 
zu lassen, die etwas daraus publizierten, was mir für sehr 
eitel ausgelegt werden würde. Ich schreibe alles so haarklein, 
weil ich glaube. Dir damit eine Freude zu machen, und schreibe 
es nur für Dich. 
Lebe wohl, liebe gute Mutter; meine Hand steht fast still. 
Behalte lieb 
Deinen August. 
lForlsetzung folgt). 
Rudolph Hertzog. 
Ein Lebensbild von A. K. 
(2. Fortsetzung). 
Die zuletzt erwähnte Gesinnung bestimmte naturgemäß 
auch das Verhalten Rudolph Hertzogs gegenüber den großen 
Zeitereignissen und Zcilfrageu.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.