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Periodical volume 22. September 1894, Nr. 38

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Farbenstellungen sprachen für sich und ermunterten, in ge 
eigneten Fällen, wo es sich um wertvollere und umfangreichere 
Einkäufe, wie bei Ausstattungen, Hochzeiten und anderen Fest 
lichkeiten handelte, sich ebenfalls an Hertzog zu wenden. 
Und dieses wachsende Vertrauen verdankte er in der That 
seiner eigenen Tüchtigkeit und Geschicklichkeit. Es widerstrebte 
seinem Gefühle für Selbständigkeit, sich unter den Einfluß 
anderer zu stellen, und wäre es auch nur in Hinsicht des Ge 
schmackes gewesen. Gerade in seinem Geschäft war dieser 
unter Umständen entscheidend und Hertzog durchaus nicht ge 
neigt. sich von den Zufälligkeiten möglicher Einkäufe auf Messen, 
Märkten u. drgl. m. abhängig zu machen. Sein Sinn ging 
von Haus aus auf viel Größeres. Indem er bar bezahlte, 
konnte er auch den Erzeuger der Ware zwingen, sie ihm so 
zu liefern, wie er sie haben wollte; Stoff. Muster, Maß. äußere 
Ausstattung und vieles andere, was damit zusammenhing, 
wurden nach seinen Angaben und nur für ihn gefertigt. 
Er begann nicht nur mit seinen Waren, sondern mit seinem 
Urteil und Geschmack in die Konkurrenz zu treten. Ja, der 
Hertzogsche Geschmack, d. h. die Hertzogschen Muster begannen 
unter vielen den Platz zu behaupten und endlich Mode zu 
werden. Was das zu bedeuten hatte, kann nur der beurteilen, 
der in solchen Dingen Kenntnis und Erfahrung besitzt. Es 
bedeutete unter Umständen den Einsatz seines ganzen, sauer 
erworbenen und zusammengesparten Vermögens, wenn er mit 
seinen Entwürfen und Plänen in die Irre ging; aber es be 
deutete auch die Eroberung eines ersten Platzes unter seinen 
Genossen, die Geltendmachung seines kaufmännischen Ansehens, 
ja in späterer Zeit die Befreiung, Erhaltung und Erhebung 
der heimischen Industrie und Manufaktur über die fremde. 
Wer Großes plant und erstrebt, steigt oder finkt oft 
schnell. Darin gleicht der Kaufmann dem Staatsmann, aber 
auch darin, daß beide den vorausschauenden Blick für das 
Werden und den Wandel der Dinge in dieser Welt haben 
müssen, wenn sie Erfolg haben wollen. Hertzog täuschte sich 
selten, darum erhob er sich in der That schnell. Sein Ge 
schäft wuchs zusehens. Bald wurde es nach der Breitenstr. 15 
verlegt, dann durch Erneuerungs- und Eweiterungsbauten, 
durch glänzende Schaufenster und weitausgedehnte Verkaufs 
und Lagerräume dem kaufenden Publikum prächtig vor Augen 
gestellt. Zu dem Vorderhause kam das Hinterhaus, zu dem 
Haupthause die Nebenhäuser, endlich fast sin ganzes Straßen 
viertel bis an die Spreegasse und hinüber in die Brüderstraße 
reichend. 
Aber auch in dem inneren Leben des Geschäftes hatten 
sich in dieser Zeit mannigfache Veränderungen vollzogen. Der 
Kreis der zum Kauf gebotenen Gegenstände erweiterte sich 
alljährlich. Zu den prachtvollen Lyoner Stoffen und den 
heimischen Wollenwaren kamen die baumwollenen Zeuge, erst 
Deutschlands, dann des Elsasses, die leinenen und Weiß-Waren 
Schlesiens, Sachsens, Westfalens, Englands, und als ein be 
sonderer Zweig des Geschäftes die Gardinen- und Vorhänge 
stoffe. Alles dies lieferten erprobte Fabrikanten nach An 
weisungen und Mustern des Geschäftes; für die Herstellung 
der Gardinen aber und feineren durchbrochenen Stoffe errichtete 
Hertzog eine Anstalt in Plauen, in welcher die ganze Thätigkeit 
dieser Produktion unter sachverständigen Leitern bestimmt und 
geregelt wurde. Man darf sich nicht nur einen gewöhnlichen 
Fabrikbetrieb darunter voiftellen, der auf Bestellungen arbeitete. 
Eine Vcredlungsanstalt nannte sie Hertzog selbst und mit Vor 
liebe; und das war sie auch. Leiter nnd Geschäftsführer. 
Zeichner und Gehilfen, Weber und Arbeiter hatten die Aus 
gabe, durch mühevollen Fleiß und stetige Verbesserung die 
kunstvollen Erzeugnisse ihrer Anstalt allmählich einem Grade 
der Vollkommenheit zuzuführen, wie man ihn nur bei wenigen 
Hervorbringungen anderer Unternehmer antraf. Wer diese 
wundervoll gezeichneten Muster und ihre Ausführung gesehen, 
wer die Geschicklichkeit ermessen, mit der diese künstlerischen 
Phantasiern der Musterzeichner und die geschwungenen Linien der 
Entwürfe in die wie Sptnnengewebe feinen Maschen der Stoffe 
als Palmetten, Guirlanden. Blumensträuße u. a. eingewebt 
wurden, der erst hatte eine rechte Vorstellung von der That- 
und Schaffensklaft dessen, der dieses alles durchdachte, sichtete, 
förderte und zum Ende führte. — Denn dem „Chef" hatte 
jegliches vorgelegen; seinem Urteil war jedes Muster, jeder 
Zweig der Ausführung unterworfen; aber er hatte auch sehr 
häufig die Richtung bestimmt, in der sich die schöpferischen 
Gedanken der zeichnenden Künstler zu bewegen hatten. So 
war er es denn doch insbesondere, auf den als „letzte Ursache" alle 
diese Kunst und mechanische Thätigkeit und ihre Werke zurück 
zuführen waren. Sein Geist hat wirklich diesen Zweig deutscher 
Industrie „veredelt"; und indem er jährlich mit immer herr 
licheren Schöpfungen hervortrat, zwang er auch seine Geschäfts 
genossen zu immer höheren Leistungen im Wettkampfe und 
gab dadurch der deutschen Industrie einen Aufschwung, der 
nur in seiner Bedeutung erfaßt werden kann, wenn man die 
Hervorbringungen am Anfange der 90er Jahre unseres Jahr- 
Hunderts mit denen am Anfange der 60er Jahre vergleicht. 
Und das nicht allein; die ganze Geschäftsführung, der in 
ihr waltende Geist, halte eine wesentliche, durchgehende Ver 
änderung erfahren. Klein, fast dürftig, jedenfalls nur auf 
enge Grenzen berechnet und durch enge Grenzen beschränkt, 
hatte man begonnen; über die Zeit und ihre Mittel hinaus 
hatte man nicht vermocht sich wesentlich zu erheben. Aber 
kaum erschienen die Vorboten der neuen Zeit, da begann die 
Vorwärtsbewegung, und in dem Maße, wie sich durch Straßen 
und Verkehrsmittel der gesamte Lebenskreis erweiterte, erhob sich 
auch das Unternehmen zu der imponierenden Höhe eines 
Geschäftshauses, das nicht nur in Deutschland, sondern weit 
über seine Grenzen hinaus eine achtunggebietende Stellung 
einnimmt. 
Es ist eine merkwürdige Parallele, welche jene Entwicklung 
des Hertzogschen Geschäftes zu den allgemeinen Zeitverhältnissen, 
in denen sein Begründer lebte, bildet. Sein Wachstum, seine 
weiteste Ausdehnung erscheinen in einer gewissen zeitlichen 
Uebereinstimmung mit dem Wachstum und der Größe unseres 
Vaterlandes. 
Aber es giebt auch neben der äußeren Uebereinstimmung 
einen innern Zusammenhang der gleichzeitigen Erscheinungen. 
Denn ist es zu verwundern, wenn ein Geschäftsmann, der 
jung, frisch, thalkräftig und unternehmungslustig seine Zeit, 
sein Land und die allgemeinen Lebensbedingungen begreift 
und sich jede Vorwärtsbewegung derselben zunutze zu machen 
weiß, allmählich mit seinem erhöhten und vergrößerten Vater- 
lande selbst zu Größe und Ansehen gelangt? Das ist ein Vor 
gang, der sich ganz natürlich vollzieht, und an dem jeder, der 
Fähigkeit und guten Willen hat. teilnehmen kann. Wollte Gott, 
es hätten an dem Aufschwünge unseres Vaterlandes.' an seine
        
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