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Periodical volume 15. September 1894, Nr. 37

Full text: Der Bär Issue 20.1894

-Z 444 fr- 
hatte, wollte er nun im eigenen Namen mit selbstständigen 
Kräften zur Verwendung bringen. 
Natürlich war es die Manufaktur-Branche in Wollen- 
und Seidenwaren, welche er zum Geschäft erkor. In ihr 
war er nicht nur heimisch von Jugend auf, sondern den meisten 
seiner Geschäftsgenossen schon jetzt überlegen. 
Aber allein wollte er nicht beginnen; er wo..te eine Ge 
hülfin haben, die ihm in seinen Unternehmungen treu mit 
Rat und That zur Seite stünde. 
Weder in Frankfurt noch während seines Aufenthaltes 
in Frankreich hatte er die ältere Tochter seines Lehrherrn, 
Rosalie Sy. vergessen können, die er schon als Lehrling ge 
kannt und als Jüngling geliebt hatte. Jetzt kani er, ein 
stattlicher Mann. gereift durch Erfahrung und gefestigt in seinen 
Gnlndsätzen, um ihre Hand zu erbitten. Er erhieltfie. Nun 
konnte er mit der Gründung seines Geschäftes beginnen. 
Er eröffnete es in der belebtesten Gegend des damaligen 
Berlin, deren geschäftliche Vorzüge er schon aus den früheren 
Jahren kannte, in der Breitenstraße in dem Hause von Louis 
Beschütz, Nr. 13. im Herbst 1839. 
Es war nur ein kleiner Laden, den er zu mieten ver 
mochte, und niemand konnte damals ahnen, daß aus so be 
scheidenen Anfängen fich einst so Großes und Bedeutendes er 
heben werde. Aber was er reichlich in sein junges Unter- 
nehmen zu stecken vermochte, das war ein fester und entschlossener 
Mut, nie ermattende Arbeitskraft, strenge Gewissenhaftigkeit, 
eine ausgezeichnete Menschenkenntnis und damit eng verbunden 
ein fast nie irrender praktischer Blick. Es find uns wenige Menschen 
im Leben vorgekommen, die. sobald fie an neue Aufgaben 
herantreten, mit solcher Sicherheit Vorteil und Nachteil der 
Verhältnlffe, Gunst und Ungunst der allgemeinen Lage bis in 
die kleinsten Fasern der möglichen Folgeentwicklung gleichsam 
mit einem Blicke zu erkennen und zu durchdringen im stände 
waren, wie Rudolph Hertzog. 
Das war auch die Grundlage seiner künftigen Größe. 
(Fortsetzung folgt.) 
Aus der Volksschule Serlins. 
Von Honriotto Gtavcr Von Förjlov. 
Ständest Du auf, eiserner Friedrich Wilhelm I., Du 
großer Erzieher Deines Volkes, und ich dürfte Dir eine der 
203 Volksschulen Berlins zeigen, etwa die Doppelschule in 
der Pallasstraße! Maßloses Erstaunen würde fich in Deinen 
klugen blauen Augen spiegeln, sähest Du den riesigen Bau 
aus roten Ziegeln mit seinen vorspringenden Seitenflügeln 
und der vierfachen Fensterreihe, die Simse gar schön mit 
glasierten Ziegeln bekleidet, die Friese mit Kanten aus hell 
grünem Ton verziert! Du würdest meinen, ein Schloß zu 
sehen! 
Gleich einem solchen liegt es inmitten weiter Höfe ab 
seits vom Lärm der Straße, durch eine epheuberankte Mauer 
gegen die umliegenden Gehöfte abgeschlossen. Zahlreiche Baum 
pflanzungen auf den Vorplätzen harren der Zeit entgegen, 
in der fie einem späteren jungen Geschlecht kühlen Schatten 
spenden können. 
Sieh, großer König, wie Dein Aar gleich dem Stadt 
wappen im Hauptflur des Gebäudes die Wand schmückt! Sie 
vergessen nicht, was fie Dir und Deinem Geschlecht danken! 
„Es kommt der Hohenzoller; ein Ende hat die Not!" so 
magst Du lesen, wenn Du die breite Steintreppe hinaufsteigst 
und die altdeutsche Aula betrittst. Auch: „Jedem das Seine"! 
spricht noch jetzt Deines Vaters Mund zu den Knaben und 
Mägdlein, wenn ihr neugieriger Blick über das Holzgetäfel 
des Saales dahingleitet und inmitten wunderbar plastisch ge 
malten Blattwerks die alten Sinnsprüche gewahrt. 
Gefällt Dir die heranwachsende Jugend Deines Volkes, 
die heute in dichten Reihen versammelt ist. um mit ihren 
Lehrern einen Festtag der Schule zu begehen? Die Wange 
ist gesund, das Auge hell und festlich das Kleid, und nun 
braust es aus den jugendlichen Kehlen: „Hoch, hoch, hoch!" 
Das ist der Glückwunsch, den fie in alter deutscher Mannen 
treue Deinem Enkel zur Geburtstagsfeler darbringen. Es dürfte 
ihm wohl gefallen, wenn er solche Huldigung vernähme. 
Betrachte diese Kinder auch morgen am Werkeltage, wie 
fie. einem Bienenschwärme gleich, der in seinen Stock eingeht, 
in der Frühe herbeiströmen! Wenige versäumen das Glocken 
zeichen. , 
Einer kleinen Anzahl von ihnen lugt freilich die Armut 
oder die Untüchtigkeit der Eltern aus dem blassen Gesicht, 
dem schlechten Röckchen und den zerissenen Schuhen, und' 
beredt ist solcher Anblick, doppelt beredt für den, der da weiß, 
wie eng und dürftig Wohnung und Bett, wie kärglich das 
Brot, wie fadenscheinig das Linnen, wie hart zuweilen die 
Hand des Vaters oder der Mutter ist. Und doch find gerade 
unter diesen Aermsten manche geradezu bewunderungswürdig 
um ihrer sittlichen Leistung willen. Oder ist es keine solche, 
wenn sie stundenlang vor Beginn der Schule durch Wind und 
Wetter daherstürmen, um treppauf, treppab als Zeitungsboten 
oder Frühstücksträger den Eltern einen Zuschuß zur Wirtschaft 
zu bringen, und trotzdem pünktlich zur Schule kommen? 
Wenn fie gar noch trotz aller Ermüdung am Unterricht regen 
Anteil nehmen? 
Aber auch in dürftigen Verhältnissen ist es meist das 
Streben, der Ehrgeiz der Leute, ihre Kleinen ordentlich und 
sauber gekleidet zur Schule zu schicken, und fast immer hat 
sorgliche Mutterhand das Frühstückskörbchen mit appetitlichem 
Imbiß versehen. Wieviel unermüdlicher Fleiß, wieviel Selbst 
verleugnung und sittliche Tüchtigkeit dazu gehört, um solches 
zu erreichen, kann der unschwer ermessen, der einen prüfenden 
Blick in die abgearbeiteten Gesichter vieler Männer und 
Frauen des niederen Volkes thut. Ehrwürdige Spuren der 
Arbeit! 
Willig fitzt der kleine Schuhmacher bis in die Nacht 
hinein über seinem Handwerk und der Omnibuskutscher in 
Sonnenbrand und Schneegestöber auf seinem Bock; hinter dem 
glühenden Ofen seiner Maschine steht der Lokomotivführer 
immer klaren Auges und wacht über das Wohl seines Eisen 
bahnzuges. Tagein, tagaus ist die redliche Waschfrau gebückt 
über dem Waschfaß und dem Plättbrett, während vielleicht 
die 9—10jährige Tochter nach der Schule die Wohnung 
reinigt und den Mittagstisch für sich und die kleinen Ge 
schwister besorgt. Kehrt der Vater müde vom Bau oder dem 
Kohlenplatze heim, so sieht er wohl noch die Schularbeiten 
nach; denn den meisten ist es Herzens- und Ehrensache, daß 
ihre Kinder vorwärts kommen, und sie ergreifen dankbar und 
willig die helfende Hand der Schule.
        
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