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Periodical volume 15. September 1894, Nr. 37

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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lichen Geist dieser Refidenzler, das scharfe, knappe, derbe und 
doch im Grunde freundliche, biedere und teilnehmende Wesen 
der potenzierten Brandenburger, der Berliner, in ganz be 
sonderer Art mit der Muttermilch mitbekommen habe. 
Er wurde geboren am 15. Juni 1815, in demselben 
Jahre, in dem der große Kanzler, dem er mit so inniger 
Liebe und Verehrung anhing, das Licht der Welt erblickt 
hatte. Leider konnten wir nicht erfahren, wo, in welchem 
Hause Berlins seine Wiege stand. — Er entstammte einer 
alten Berliner Kaufmannsfamilie. 
Auch sein Vater, Ferdinand Hertzog, war Kaufmann und 
Teilnehmer des Manufakturwaren-Geschäfles von König und 
Hertzog, welches sich in Alt-Köln, nicht weit von dem heutigen 
Hertzogischen Geschäftshause, befand. Seine Mutter, eine 
geborene Weiß, „war eine schöne und liebenswürdige Frau." 
Sie hatte ihrem Gatten fünf Kinder geschenkt, von denen 
Rudolph das älteste war. Leider wurde sie den Ihrigen 
allzufrüh durch den Tod entrissen, ein Verlust, der durch die 
treue Fürsorge der Großmutter, welche die Leitung des Hauses 
und die Pflege der verwaisten Kinder übernahm, nur zum 
Teil ersetzt werden konnte. 
Rudolph Hertzog erhielt seine Schulbildung auf dem 
Kölnischen Gymnasium, das seinem elterlichen Hause am 
nächsten gelegen war. Bei dem Mangel der mütterlichen Er 
ziehung frühzeitig mehr auf sich selbst angewiesen, entwickelre 
er sich eher, als man es sonst bei gleichaltrigen Knaben zu 
finden gewöhnt ist, zu einem selbständigen Charakter, der mit 
fester Entschlossenheit seinem Ziele nachstrebt. 
Eine gelehrte Erziehung sollte indes der Knave nicht er 
halten. Als der älteste Sohn war er in Aussicht ge 
nommen, einst das väterliche Geschäft weiterzuführen. Daher 
sollte er nach der Konfirmation die Schule verlassen, um 
Kaufmann zu werden. Weil aber Väter, besonders in Ge 
schäften. nicht immer die besten Lehrherren der Söhne find, 
that ihn sein verständiger Vater in das damals weit bekannte 
und wegen seiner trefflichen Waren hochgeschätzte Manufaktur- 
Geschäft von I. Sy in der Jägerstraße 40, gegenüber der 
heutigen Reichsbank. — Aeltere Leute erinnern sich noch mit 
Vergnügen der schönen und geschmackvollen Seiden- und 
Wollenstoffe, mit denen die Schaufenster dieses damals von 
den Damen besonders bevorzugten Geschäftes geschmückt waren. 
Ein Kleid, welches bei Sy gekauft worden war, galt schon 
dieses Vorzuges wegen als besser als die von anderen Kauf 
leuten. 
Der Knabe hätte keinen besseren Lehrherrn finden können. 
Fleiß, Treue, Gewissenhaftigkeit, Geschmack und höfliches Ent 
gegenkommen — alles fand man in dem Geschäft desselben, 
von dem Inhaber bis znm jüngsten Lehrling herab, vereinigt 
und bethätigt. Diese Grundsätze eines braven und tüchtigen 
Kaufmanns eignete er sich hier durch Beispiel und Lehre an; 
auf sie vor allem, als auf die sicherste und festeste Grundlage, 
und sodann auf die sich sehr bald in dem Jüngling wahrhaft 
als Talent entwickelnde geschäftsmännische Geschicklichkeit und 
Findigkeit gründete er seine eigene spätere ersprießliche Thätigkeit. 
Selbständig aber vermochte er diese noch nicht zu ent- 
wickeln. Zu dem, was er brauchte, bedurfte er einer längeren 
Vorbereitung und Lernzeit als die war, mit der sich andere 
begnügten. 
Mit dem in den dreißiger Jahren allmählich sich wieder 
hebenden allgemeinen Wohlstände wuchs auch der Geschmack 
an besseren und gewählteren Stoffen. Statt der bisher haupt 
sächlich bevorzugten Wolle begann die Seide in den Anzügen 
der Männer und Frauen sich wieder einzubürgern. Zu den 
ersten Seidengeschäflen Berlins gehörte damals das von 
Gabain, Breitestraße 22. Es war nebst denen von Gebrüder 
Baudouin Söhne am Köln. Fischmarkl Nr. 4. David Girard 
u. Sohn, Spandauerstraße Nr. 81, Blanc u. Pascal. Breitestr. 
Nr. 6, Roumieu. Königstr., Daniel Charrier, Jerusalemerstr., 
H. C. Baudouin, Neue Roßstr., eines der ältesten, hatte die 
schweren napoleonischen Zeiten mit durchgemacht und blühte 
jetzt im Glanze neuerworbenen Ansehens. 
Hier hat der junge Herhog den Gmnd gelegt in der 
außerordentlichen fachmännischen Kenntnis, die ihn später 
auszeichnete. 
Aber was er in Berlin sah. genügte ihm bald nicht mehr. 
Die Seidenprodukte kamen, soweit man nicht begonnen hatte, 
sie wieder in Brandenburg und Berlin hervorzubringen, meistens 
vom Westen unseres Vaterlandes. Frankfurt a. M. war der 
erste Markt, auf dem sie auf ihrem Wege aus dem Haupt 
seidenlande, Frankreich, in Deutschland ausgelegt wurden. 
Dort erschienen sie in ungeheueren Mengen auf der Messe, 
um den Weg nach Norden, Osten und Süd-Osten anzutreten; 
dort aber hatten sich auch eine Anzahl Seidenhändler bezw. 
-Fabrikanten niedergelassen. Dahin wendete sich der Jüngling, 
gewiß nicht ohne Empfehlung von Berlin. Er trat in eines 
der bekanntesten Seidengeschäfte der alten Reichsstadt, das von 
I. Andrse. Doch nicht zu lange hielt es ihn dort. Freilich, 
der in Frankfurt blühende Handel und vie geschäftliche Thätig, 
keil des Hauses, dem er angehörte, beschäftigten ihn auf das 
lebhafteste. Aber bei aller Teilnahme, welche er dem rein 
Kaufmännischen zuwendete, mußte er doch sehr bald erkennen, 
daß für ihn, den späteren praktischen Kaufmann, wenn er 
seinem Geschäft die gedeihlichste Grundlage für richtigen Um- 
fang und Größe geben wolle, die Kenntnis der Herstellung 
der Ware und die Gewinnung der dazu nötigen Rohstoffe 
das wichtigste sei, was er lernen könne. Das konnte nur ein 
Land lehren: Frankreich, und in diesem vor allen eine Stadt: 
Lyon. Dorthin wendete er sich voll Wissensdrang und Lern- 
begier. Um selbständiger zu sein, nahm er nicht Dienste in 
einem Lyoner Kausmannshause, sondern trat als Volontair 
in eines derselben ein. Er lernte von Grund aus die ganze 
weite Entwicklung der Seidenindustrie und die Mannigfaltig, 
keit aller der Vorgänge, durch welche endlich aus dem kleinen 
unscheinbaren Cocon die glänzende Farbenpracht der herrlichen 
gemusterten Samt, und Seidenstoffe geschaffen wird. Einige 
Ausflüge in die größeren Städte Frankreichs, besonders Paris, 
vervollständigten seine weitere berufliche Ausbildung und trugen 
wesentlich dazu bei, seinen für alles Große und Bedeutende 
höchst empfänglichen Geist mit Gedanken und Plänen zu er 
füllen. die in der Heimat und in der Zukunft eine über 
raschende Verwirklichung erfahren sollten. 
Mittlerweile war sein Vater gestorben. Die Regelung 
der häuslichen Verhältniffe verlangte seine Rückkehr in die 
Heimat. Gegen Ende des Jahres 1838 langte er wieder in 
Berlin an. 
Schon bei seinem Eintritt in die Vaterstadt stand es in 
ihm fest, daß er nicht wieder in ein anderes Geschäft ein 
treten werde. Das, was er in der Welt gesehen und gelernt
        
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