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Periodical volume 15. September 1894, Nr. 37

Full text: Der Bär Issue 20.1894

—4 442 gi 
erst zu Häupten saß. zu den Füßen der Kranken zu sitzen 
kommt, wodurch sie genesen. Der Tod nimmt ihm das sehr 
übel und führt ihn am Ende niit Gewalt fort in seine Behausung, 
wo er ihm das Vergängliche aller menschlichen Dinge recht 
anschaulich macht. — Bei ihm steht allerhand altes Gerümpel 
herum, auch eine Bibliothek von lauter schlechten Schriftstellern, 
die zerfällt, wenn man sie anrührt. Enolich zeigt er ihm die 
Lampen, gießt ihm auf seine jammervollen Bitten Oel zu 
und entläßt ihn mit dem Schreck. — Das Grabgewölbe ver 
wandelt sich in eine blühende Landschaft, der Tod selbst in 
eine jugendliche Maja, welche etwa folgendes zum Schluß sagt: 
Wem es dünket wunderseltsam, daß er mich verwandelt 
sieht. 
Der vergißt, daß ihn der Dichtung mannigfaltig Land 
umblüht. 
Sah er nie die Schmetterlinge aus der Puppe Hülle 
fliehn? 
Nun, so werf auch ich die grause Maske der Verwesung hin. 
Warum staunen Eure Augen, daß die dunkle Gruft ver 
schwand? 
Ist der Dinge, die Ihr schauet, Eins unwandelbar be 
kannt? 
Ist beständig trüb der Himmel? Kommt nicht wieder 
Sonnenglanz? 
Tanzet Nacht nicht mit Auroren einen ew'gen Wechseltanz? 
Aendert nicht, was Ihr beginnet, immer sich in Eurer 
Hand? 
Ist im weiten Reich der Sphären irgendwo ein Stille- 
stand? 
Sollt' in aller Ding Umwandlung Tod allein beständig 
sein? 
Nein, ich bin selbst die Verwandlung in der Wesen 
buntem Reihn. 
Maja nennet mich der Dichter, die Euch tausendfach er 
scheint. 
Der man bald des bittern Wehes, bald der Freude 
Thränen weint. 
Scheinet einem Philosophen hier der Sinn zu wirr ge 
mengt, 
Sein System berühr' ich morgen, eh' er selber es ge 
denkt. 
Mit dem Stab, der von Geschlechtern tausend in den 
Staub gesenkt. 
Stündet Ihr nicht sonst auf Erden alle Kopf an Kopf 
gedrängt? 
Drum, daß Raum dem neuen Leben, senk' ich altes in 
das Grab, 
Aber eines Höhern Auge lenket meinen Zauberstab. 
Und daß keinem von Euch allen in dem Wechsel bange sei, 
Ruf' ich lauter: liebet, liebet! nur wer liebet, der 
ist frei! 
Echte Lieb' ist unvergänglich, ist der Gottheit Odemzug, 
Und, die Ew'ge zu verwandeln, hab' ich niemals Macht 
genug. 
Und am spätesten auf Erden rühr' ich an der Dichtung 
Wort, 
Und es schwebet durch Aeonen und von Mund zu 
Mitnde fort, 
Es belebet, es entzücket, wenn Ihr alle schon entschlieft: 
Denn es trieft vom ew'gen Leben, wie vom Raujch dre 
Rebe trieft. 
Trinkt vom Brunnen der Verjüngung, der hier ew'ge 
Schönheit reicht, 
Bis des Busens Aengste fliehen und die Sorge fernhin 
weicht. 
Ihre Heilgen Zauber werden Eiter Leben stets erhöhn: 
Was vergänglich ist, zerfalle, bleibe nur die Schönheit 
stehn! 
Horche«, lauschet stets entzückter, und im reichen Blüten 
kranz 
Mischt Verwandlung immer schöner diesen anmutvollen 
Tanz. 
Ich wurde, während ich dies schrieb, sehr gestört, auch 
wartet der Marinar mit Schmerzen auf diesen Brief, ich kann 
daher nicht einmal Kommas und Punkte machen. Doch hoff' 
ich, Du wirst im ganzen meine Idee beurteilen können, die 
vielleicht immer nur Idee bleiben wird Lebe wohl, 
grüße mir Don Giuseppe mir ebenso ausgesuchten Komplimenten 
und habe lieb 
Deinen Kopisch. 
(Fortsetzung folgt). 
Rudolph Hertzog. 
Ein Lebensbild von A. K. 
(Mit Abbildungen.) 
Man ist, wenn man von bedeutenden Männern Berlins 
spricht, nur zu sehr geneigt an Staatsmänner. Beamte, 
Militärs oder Persönlichkeiten zu denken, welche sich im öffent 
lichen Dienste, sei es des Staates, sei es der Gemeinde, aus 
gezeichnet haben. Und doch giebt es unter den bekanntesten 
und geachtetsten Berlinern nicht wenige, welche ihre Bedeutung 
und ihr Ansehen nur ihrem persönlichen Wirken und Schaffen 
im bürgerlichen Leben verdanken. Allerdings ist dabei immer 
vorausgesetzt und anerkannt, daß die Thätigkeit jener Männer 
nicht selbstsüchtigen Trieben der Habsucht und des Ehrgeizes 
diente, sondern daß ihre Wirksamkeit einem weiteren Kreise 
der Bürger, der Stadt oder dem Staate zum Vorteil und An 
sehen gereichte. 
Besonders unter den Kaufleuten und Geschäftsmännern 
dieses Jahrhunderts, vornehmlich der letzten Hälfte desselben, 
haben viele ihre Namen in ehrenvoller Weise mit der 
wachsenden Geltung und Größe der preußischen und deutschen 
Hauptstadt verbunden. Sie haben dazu beigetragen, durch Ge- 
wiffenhaftigkeit und geschäftliche Treue, durch Unternehmungs- 
geist und Weitherzigkeit die Ehre und die Achtung des Berliner 
Kausmannsstandes in weiten Kreisen des Vaterlandes und des 
Auslandes zu verbreiten und damit ihrem Stande und ihrer 
Vaterstadt die dankenswertesten Dienste geleistet. 
Wer dächte nicht, wenn die ehrenwertesten und ange 
sehensten Vertreter des Berliner Kaufmannstandes genannt 
werden, an den Mann, dessen Abscheiden aus seiner lieben 
Vaterstadt und dem Kreise seiner Familie und Freunde wir 
jüngst tief zu betrauern hatten, an den „Berliner Kaufmann", 
wie er sich selbst in seiner redlichen und schlichten Weise zu 
nennen liebte, an Rudolph Hertzog! 
Ja, er war ein „Berliner", vom Kopf bis zu den Zehen, 
ein echter Sohn seiner Vaterstadt; seine Sprache und seine 
Ausdrucksweise ließen niemand im Zweifel, daß seine Wiege 
in der Spree-Residenz gestanden und daß er den eigentüm
        
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