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Periodical volume 8. September 1894, Nr. 36

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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sehen, wenn den alten Leuten bei Erzählungen aus ihrem 
Leben im Dorfe die Thränen über die gefurchten Wangen 
rinnen und sie sehnlichst wünschen, daß Döberitz noch so lange 
erhalten bleibe, bis man ihr Haupt in die kühle Erde ge- 
bettet. Auf der Stelle, wo ihre Voreltern schlummern, da 
möchten auch sie ausruhen von der Mühe und dem Kampf 
dies irdischen Daseins. Mag dann immerhin der Sturmmarsch 
der Infanteriekolonnen von den umherliegenden Hügeln wieder 
hallen und der Donner der Geschütze über ihre Gräber dahin 
rollen, ihre Ruhe wird nicht gestört werden, friedlich werden 
sie einer besseren Zukunft entgegenschlummern. 
Die der heutigen Nummer beigegebenen Abbildungen 
aus Döberitz zeigen erstens die vom Minister von Katsch an 
gelegte Lindenallee am Eingang des Dorfes, welche 
gerade auf das Herrenhaus zuführt, und dann das sogenannte 
Gotische Häuschen, welches im Park des Rittergutes 
zwischen grünem Unterholz versteckt liegt und einen Lieblings 
aufenthalt der herrschaftlichen Familie bildet. Die Bilder 
find nebst verschiedenen anderen auf Wanderfahrten des 
„Touristenklubs für die Mark Brandenburg", der Döberitz 
bereits mehrmals aufgesucht hat, aufgenommen und sollen die 
Erinnerung an das liebliche märkische Idyll aufrecht erhalten. 
Einige Berichtigungen zu dem in Nr. 3 u. ff. des 
„Bär" veröffentlichten Aufsatze werden den Lesern bei dieser 
Gelegenheit vielleicht willkommen sein. Die auf S. 61 er 
wähnte Feuersdrunst im Mai 1865 zerstörte nicht einen Teil 
des Dorfes, sondern nur die auf einer Anhöhe liegende 
herrschaftliche Kiefersamen-Darre, welche völlig niederbrannte. 
Veranlaßt wurde die Annahme einer größeren Zerstörung 
durch eine im Pfarrarchiv befindliche Liste, welche Angaben 
über eine in den umliegenden Dörfern veranstaltete Kollekte zu 
Gunsten der „Abgebrannten von Döberitz" enthält. Diese 
„Abgebrannten" sind indes, wie sich bei näherer Erkundigung 
ergeben hat. nur fünf Personen gewesen, welche in der Darre 
gewohnt und große Verluste erlitten hatten. — In betreff 
der auf S. 70 erwähnten alten Herrenhäuser ist zu berichtigen, 
daß nur zwei herrschaftliche Häuser vorhanden waren, das 
jenige aus dem Jahre 1408 nebst Anbau und das sogenannte 
Kavalierhaus. Beim Neubau des jetzigen Herrenhauses wurde 
von dem alten Balken nur ein einziger mit der Jahres 
zahl 1408 benutzt, welcher sich im „Hirschgeweihzimmer" be- 
findet, nicht, wie S. 70 angegeben, im Speisesaal. Abbildungen 
der alten Herrenhäuser sollen sich im gutsherrltchen Archive 
befinden. Da ferner die auf S. 61 befindliche Angabe, 
August Adolf Rogge habe die Rittergüter seiner Witwe und 
seinem Sohne hinterlassen, zu Irrtümer Veranlassung geben 
könnte, so mag noch erwähnt werden, daß der Sohn Siegfried 
August Rogge der alleinige Erbe und Majoratsherr von 
Döberitz und Ferbitz ist. Die Mutter verwaltet indes die 
Güter im Namen des Sohnes, da derselbe von Jugend auf 
kränklich ist, und so dürfte die obige Ausdrucksweise in ge- 
wiffem Sinne berechtigt sein. Dr. Gustav Albrecht. 
Eine fürstliche Kühnenschriftstellerin. 
Von P. KeUardi. 
Am 10. August waren es hundert Jahre, daß in Dresden 
die Prinzessin Amalie, Schwester des nachmaligen kunst 
sinnigen Königs Johann von Sachsen, geboren wurde. Wie 
die gleichnamige Schwester des großen Friedrich, so war auch 
die sächsische Prinzessin musikalisch und poetisch hochbeanlagt; 
Mitte der dreißiger Jahre begann die Berliner königliche 
Bühne eine Reihe von Lustspielen zur Aufführung zu bringen, 
als deren Verfasserin „Amalie Heiter" genannt wurde, 
unter welchem Pseudonym sich die Prinzessin Amalie verbarg. 
Diese Bühnenwerke haben sich in der Zeit von 1834 bis 60 
auf dem Repertoir unseres Schauspielhauses gehalten und 
nahmen dort einen ziemlich breiten Raum ein. So erlebte 
„Der Majoratsherr" 17 Aufführungen, „Die Braut 
aus der Residenz" wurde 13, „Der Landwirt" 15, 
„Lüge und Wahrheit" 17, „Der Zögling" 16, „Der 
Oheim" 50 mal gegeben; die älteren Berliner erinnern sich 
noch sehr wohl der damals recht beliebten Lustspiele. Wenn 
sie tiefe Erfindungsgabe und Phantasie auch vermissen laffen, 
so offenbart sich in ihnen doch eine Fülle von Menschen 
kenntnis und feiner Beobachtung, die bei einer Prinzessin, besonders 
soweit es die bürgerlichen Verhältnisse anbetrifft, immerhin 
überraschen muß. Dazu kam, daß ihre Lustspiele bühnen 
gemäß abgefaßt waren und für die damaligen Schauspieler 
dankbare Rollen enthielten. Wie in Dresden Emil Devrient. 
so war in Berlin H. Hendrichs vorzüglicher Darsteller der 
Hauptpersonen; beide nahmen auch die Lustspiele gern auf 
ihre Gastreisen mit. 
Die nüchtern-prosaische Art der Lebensanschaung, wie sie 
Amalie Heiter in ihren Bühnenwerken vertrat, entsprach ganz 
dem Geschmack des damaligen Berlinertums, und einige Urteile 
aus jener Zeit beweisen, wie dankbar man der fürstlichen 
Schriftstellerin entgegenkam. Da heißt es: „Am 8. März 
(1837) kam zum ersten Male ein neues Lustspiel aus der Feder 
der hohen Verfasserin von „Lüge und Wahrheit" zur Auf 
führung, das den Titel führt: „Der Unentschlossene." Be 
reits am 11. und 22. wurde es wiederholt. Gleich allen 
füheren Arbeiten dieser erlauchten Dichterin ward auch diese 
Spende freudig aufgenommen. Ihr gebührt der wärmste 
Dank, daß in einer Zeit, wo die Bühnen mehr oder minder 
daran kranken, der verflachten Richtung des Publikums nach 
Neuigkeiten zu huldigen, sie wesentlich dazu beigetragen hat, 
dem Mittelgute Damm zu halten und uns Stücke zu geben, 
die durch Wiederbelebung der Charakteristik wie durch ihre 
reinsittliche Tendenz vor Abwegen bewahren, in die eine 
Litteratur der Verzweiflung, wie Goethe charakteristisch wahr 
sie bezeichnet hat, uns unvermeidlich gestürzt haben würde. 
In diesem Monate allein sahen wir von ihren dramatischen 
Arbeiten am 12. „Die Fürstenbraut", am 18. „Der Zögling" 
und am 27. „Der Oheim." 
Ueber den Inhalt eines der von der Prinzessin ver 
faßten Schauspiele wird im August desselben Jahres 
seitens des damals in Berlin sehr bekannten Theaterkritikers 
Teichmann berichtet: Im Felde des recitierenden Schauspiels 
war neu: „VetterHeinrich", Schauspiel in 5 Abteilungen, 
von der Verfasserin von „Lüge und Wahrheit." Ein wohl 
begüterter Mann in der Provinz hat seine Tochter zu einer 
Tante in die Stadt gegeben, damit sie die höheren Kreise der 
Gesellschaft kennen lerne. Unter dem Scheine, der gefall- 
süchtigen Tante den Hof zu machen, sucht ein sogenannter 
Mann aus der Gesellschaft unter der Maske eines Barons 
in das Haus zu kommen, um sich dem jungen, unerfahrenen 
Mädchen zu nähern und ihr seine Liebe zu gestehen. Sie 
liebt, dem sie glaubt. Bald darauf kommt der Vater mit dem
        
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