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Periodical volume 8. September 1894, Nr. 36

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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In stolzer Siegesfreude lehrte Eggard zu seinem Truppen 
teil zurück. Allein was er da hörte, was jeder Blick ihm 
verriet, war so furchtbar, daß er wähnte, in einem entsetzlichen 
Traume befangen zu sein: „Der König blutet!" hieß es. 
„Der König ist gefallen!" lautete die nächste Nachricht. 
Niemand wußte etwas Näheres, aber ein dumpfes Gefühl 
verzweifelter Todesverachtung hatte jeden einzelnen ergriffen, 
und in dem edlen Bestreben, den Tod des Königs zu rächen, 
wurde auch der geringste Soldat zum Helden. Der Herzog 
von Weimar hatte mit rascher Geistesgegenwart den Ober 
befehl ergriffen. Die beiden feindlichen Flügel waren voll 
ständig zurückgeschlagen, und der Kampf tobte nur noch im 
Centrum, wo ganze Regimenter Infanterie Glied für Glied 
von der Sichel des Todes niedergemäht wurden und die 
Walstatt bedeckten. Eggard kämpfte mit jener fanatischen 
Wut, die den Mann ergreift, wenn das eigene Leben an 
Wert verloren. So konnte es nicht fehlen, daß er selbst bald 
in harte Bedrängnis geriet. Doch das war ihm gerade recht. 
Was lag noch an ihm. da dieses Heldenleben erloschen war! 
Mitten im Gewühl der Schlacht glaubte er den traurigen 
Blick der Königin zu sehen und ihre Stimme zu vernehmen, 
die ihm zurief: „Bedenkt, daß es Schwedens König ist, der 
für Deutschlands höchste Güter sein Leben einsetzt!" Wie 
blind und toll schlug er um sich, allein er fühlte, daß seine 
Kraft nachließ, und daß er nicht allzu lange mehr der Ueber- 
macht der von allen Seiten auf ihn eindringenden Feinde 
widerstehen könne. Plötzlich indessen wichen diese zurück. Im 
richtigen Augenblick war frische Kraft ihm zur Hilfe gekommen, 
und die feindlichen Reihen waren durchbrochen. Als Eggard 
sich nach seinem Retter in der Not umsah, blickte er in das 
auch jetzt noch fröhliche und in unveränderter Heiterkeit 
strahlende Gesicht des Kapitän Ulrich Brandt. „Nun, 
Kamerad." rief dieser halb ernst, halb scherzend ihm zu, 
„wenn Ihr dem Tode so eifrig nachlauft, so wird Eure Ehe 
liebste Euch der Treulosigkeit anklagen!" Eggard wollte 
etwas erwidern, doch schon war der Kapitän in einiger Ent 
fernung in einem Graben außerhalb des Kampfgewühls ver 
schwunden. Für einen Augenblick durchzuckte ihn der Zweifel: 
„Sollte der sonst so kühne Mann sich der Gefahr durch feige 
Flucht entziehen wollen?" Nur kurze Zeit aber, und ein so 
furchtbares Krachen und Donnern erschütterte die Luft, daß 
der Boden unter seinen Füßen erbebte. Ganze Batterien 
schienen sich im Rücken der Feinde zu entladen, und die schon 
nach allen Seiten hin in Auflösung begriffenen kaiserlichen 
Truppen, ohne Ahnung, daß es ihre eigenen, vom Kapitän 
Brandt angezündeten Munitionswagen waren, die ihnen solchen 
Schrecken einflößten, sich vielmehr von einem frischen Femde 
im Rücken angegriffen wähnend, stürzten sich in wilde 
Flucht. Selbst die Persönlichkeit ihres gefürchteten Feldherrn 
war nicht mehr imstande, sie zu neuem Angriffe zu sammeln. 
Da — erhält die Schlacht abermals eine neue Wendung. 
Graf Pappenheim, den in Halle die Botschaft des Herzogs 
von Friedland erreicht hatte, war in solcher Eile aufgebrochen, 
daß er unterwegs die Infanterie hatte zurücklassen müssen. 
Bei seinem Eintreffen, zuerst durch die wilde Flucht der 
weichenden Scharen mit fortgerissen, gelang es ihm doch 
endlich, dieselben zum Stehen zu bringen und sie zu neuen, 
Kampfe vorzuführen. Noch einmal entbrannte der Kampf mit 
der größten Heftigkeit. Es gelang Pappenheim, die feindliche 
Infanterie zu durchbrechen, als er auf einen eigentümlichen 
Zug stieß. Zwei schwedische Offiziere trugen einen mit einem 
einfachen Soldatenmantel bedeckten Toten; und wo sie er 
schienen, entbrannte der Kampf von seiten der Schweden mit 
neuer Wut und rücksichtsloser Erbitterung. Es waren Oberst 
Staelhanske und Kapitän Brandt, welche die Leiche des Königs 
aus dem Gewühl zu bringen suchten. Pappenheim näherte 
sich ihnen und war im Begriff, dem Obersten den Kopf zu 
spalten, als er selber von zwei Kugeln durchbohrt vom Pferde 
sank. Auch Graf Piccolomini war von sechs Musketenkugeln 
durchbohrt worden, nachdem sieben Pferde unter ihm erschossen 
waren. Nur der Herzog von Friedland schien seinen alten 
Ruf der Unverwundbarkeit auch diesmal zu rechtfertigen; denn 
im dichtesten Kugelregen sahen ihn die Seinen so ruhig und 
gefaßt seine Befehle erteilen, als gelte es, ein Bankett in dem 
Schlosse seiner Väter anzuordnen. Allein nachdem Pappenheim 
als totwunder Mann das Schlachtfeld verlassen, war die Ver 
wirrung der kaiserlichen Scharen nicht mehr zu halten. Aller 
dings dauerte der Kampf fort, bis die einbrechende Dunkelheit 
des kurzen Novembertages ihm ein Ende machte. Die Kaiser 
lichen zogen sich alsdann so eilig zurück, daß sie das 
Schlachtfeld nebst sämtlichen Kanonen, Fahnen und Waffen 
in den Händen der Schweden zurückließen. 
Nach Beendigung des Kampfes hatten Eggard und Kapitän 
Brandt sich zusammengefunden. Vor einem flackernden Feuer lagen 
sie ausgestreckt, konnten jedoch trotz der größten Abspannung und 
Ermüdung Ruhe nicht finden. Der Tod des Königs, dieser 
durch keinen noch so glänzenden Sieg aufzuwiegende, un 
ersetzliche und schmerzliche Verlust, beschäftigte unaufhörlich 
ihre Gedanken. 
„Wißt Ihr, wie es geschah?" fragte Eggard den Kapitän. 
Dieser nickte und erzählte dann, wie er nach zwei 
maligem, siegreichem Vordringen durch die feindliche Ueber- 
macht über die Gräben zurückgedrängt worden sei. Der 
König habe darauf, nachdem die feindliche Batterie durch 
Eggards kühnes Wagestück .unschädlich gemacht worden, mit 
leichter Mühe die schon wankenden feindlichen Scharen durch 
brochen, und als der Sieg auf seinem Flügel nicht mehr 
zweifelhaft gewesen, habe er den Oberbefehl an General 
Horn abgegeben und sei selbst mit einem Regiment Kavallerie 
seinem bedrängten Fußvolk zu Hilfe geeilt. Brandt beschrieb, 
wie er ihn wie einen Vogel über die beiden Gräben der 
Landstraße habe dahin fliegen sehen, seine schwere Reiterei 
weit hinter sich zurücklassend, nur begleitet von dem Herzog 
von Sachsen.Lauenburg und dem Pagen Leubelfink. Mit 
mächtigem Zuruf habe er die wankenden Reihen seiner 
Infanterie wieder zu ordnen verstanden; allein, verleitet durch 
seinen Eifer oder getäuscht durch den wieder dichter gewordenen 
Nebel und seine Kurzsichtigkeit, habe er sich zu weit vorgewagt 
und sich plötzlich von kaiserlichen Kürassieren umringt gesehen. 
„Einer derselben." fuhr der Kapitän fort, „schoß dem Pferde 
des Königs durch den Hals und zerschmetterte ihm selber den 
Arm; doch ließ ich ihm nicht Zeit, sich seiner That zu rühmen, 
denn eine Kugel aus meiner Muskete streckte ihn sofort nieder. 
Ich versuchte nun, mich zu dem Könige durchzuschlagen; allein 
im nächsten Augenblick erblickte ich ihn schon wieder im Sattel. 
Bald darauf sah ich ihn stürzen, und das wilde Gewühl des 
Kampfes schlug über ihm zusammen, während ich den Herzog 
Franz Albert, deffen grüne Binde ihm vor jeder Feindselig
        
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