Path:
Periodical volume 1. September 1894, Nr. 35

Full text: Der Bär Issue 20.1894

—-a 421 &— 
Drr Ring von Gtdenburg. 
Bon Ewald MüUor. 
Längst breitet über das schlafende Land 
Die Nacht das strahlende Slernengewand; 
Von Kerzen erleuchtet, schimmert nur schwach 
Hoch oben das einsame Burggemach. 
Don sitzt noch zur Mttternachlstunde 
Der greise Ouitzow beim funkelnden Wein, 
Den ihm krendenzt sein Töchterlein, 
Die liebliche Rosamunde. 
Der Alte blickt in des Bechers Grund, 
Ihm zuckt es über Wangen und Mund. 
Das Haupt er schwer und sinnend wiegt, 
Wie Wolkennacht auf der Stirn es ihm liegt 
Und wie drohendes Ungewitter. 
Schon wirft das Auge manch zornigen Blitz — 
Und den Becher leerend, springt vom Sitz 
Unmuiig empor der Ritter. 
„Ich schwör es Dir, Rose, bei meinem Bart, 
Wenn Du nicht brichst Deine spröde Art 
Und endlich kürst aus der Werber Zahl, 
So beugt sich Dein Wille meiner Wahl, 
Doch magst Du keinen der Freier. 
So kund' ich dem Kurfürsten als Vasall 
Und scheide als letzter von Burg und Wall, 
Du aber — nimmst den Schleier!" 
Die Jungfrau wirft mit trotzigem Sinn 
Das schöne Haupt nach dem Nacken hin: 
„Herr Vater, haltet zu Gnade und Huld, 
Wenn ich Euch selber zeihe der Schuld. 
Die Ihr auf mein Haupt geladen. 
Ihr kündetet oft mir die Wundermär, 
Ein geweihter Ring, von Silber schwer. 
Bewahre die Burg vor Schaden. 
Aus seinem Besitze erblühe die Treu' 
Dem Eldenburger Geschlecht aufs neu'. 
Nun schleudertet aber mit frevelnder Hand 
Ihr fort der Treue Unterpfand. 
Als sich der Tod erkoren 
Mit Eurem Weibe den jungen Sohn. 
Den Erben von Ring, von Burg und Thron 
Und alles Euch schien verloren. 
Ein Wunder schier ist es, daß sich der Ring 
An einem Nagel des Turmdachs fing. — 
Drum, Vater, der Freier bin ich satt, 
Und wißt, wo die Treu' keine Stätte hat. 
Daß dort den Gemahl ich scheue. 
Doch bringt mir den Ring ein Mann. nun gut, 
Der zeigte in Liebe männlichen Mut, 
Der hielte wohl auch die Treue." 
Des Burgherrn Auge den Boden sucht, 
Tief fühlt er der Worte ganze Wucht. 
Die nackte Wahrheit, sie ward ihm kund 
Aus seiner Tochter kühnem Mund, 
Doch mochi' er sie drum nicht schelie». 
Er streicht sich den silberweißen Bari. 
Und umgewandelt spricht er zart: 
„Mein Kind, Dein Wort soll gelten!" 
Als kaum der junge Tag erstand. 
Entbietet er Boten ins ganze Land. 
Die machten die Runde auf schnellem Roß 
Von Burg zu Burg, von Schloß zu Schloß 
Und thaten kund und zu wissen: 
„Auf Eldenburg trägt nun lange Zeit 
Herr Ouitzow um ein Kleinod Leid, 
Das mag er nimmer missen. 
Ein Ring, geweiht von Priesterhand, 
Herstammend aus dem heiligen Land, 
Und der mit den Quitzows die Burg vermählt. 
Jst's, dessen Verlust den Ritter quält, 
Und mehr, da er selbst ihn verschuldet. 
Fort warf er den Ring mit verzweifelnder Hand. 
Doch, daß das Glück der Eldenburg schwand. 
Nicht hat es das Schicksal geduldet. 
Ter Ring sprang rollend das Dach hinauf. 
Da hemmte ein Nagel seinen Lauf, 
Nun hängt er droben am hohen Turm, 
Es spielen mit ihm der sausende Sturm. 
Schneeflocken nnd Hagelwetter. 
Wer wagt es nun, welcher Edeling, 
Der meinem Gebieter mag schaffen den Ring, 
Wer wird des Kleinods Retter? 
Drum wer als Schütze sich zeigen mag. 
Der komme am ersten Maimondtag 
Im Stahlgewand auf prangendem Roß, 
Bewaffnet mit Armbrust und Geschoß. 
Zum Lug ins Land geritten. 
Wer dann den Ring im scharfen Trab 
Vom hohen Turme schießt herab. 
Hat köstlichen Lohn erstritten. 
Sein Erbe wird d^r Silberrmg, 
Der zwischen Himmel und Erde hing. 
Zu eigen wird ihm das stolze Schloß, 
Und mehr, ihm beut sich als Ehegenoß 
Die schöne Rosamunde. 
Drum. Herren, erwägt es mit rechtem Fleiß, 
Und wen gelüstet nach solchem Preis, 
Der nahe zur rechten Stunde." 
Es prunkt die Straße im Festgewand 
Von Eldenburg bis zum Lug ins Land. 
Gleich lebenden Mauern rechts und links 
Steht lärmend des Volkes Masse rings. 
Das ist ein buntes Wogen. 
Am Luge schon harrt der Ritter Troß, 
Und immer noch kommen Reiter und Roß 
Zum Wettstreit hergezogen.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.