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Periodical volume 1. September 1894, Nr. 35

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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ständig. Sie machen jeden Durchblick in erheblicherem Maße 
unmöglich, als dies selbst Bäume zu thun imstande sein 
würden. Sie verhindern im Sommer den Durchzug srischer 
Luft, ohne Schatten zu spenden. . . . Auf vorliegendem 
Entwürfe find alle vorhandenen Fahrstraßen, auch über den 
Platz hinweg, durchgeführt, und ebenso sind die Springbrunnen 
nicht in die Fahrstraße, sondern neben dieselbe gesetzt . . . . 
Als Umschließung des Gesamlplatzes ist eine mehrfache Baum 
reihe gedacht, deren Stämme durch lebende Hecken verdeckt 
sind, um dem Platze und vielleicht auch Statuen u. s. w., 
wie sie im Laufe der Jahre ausgestellt werden können, einen 
ruhigen Hintergrund zu gewähren. Ausschließlich die großen, 
25 rn breiten Wege vor diesen Baumwänden und die Plätze 
um die Springbrunnen sollen dem Wagenverkehr zugänglich sein." 
Aus diesem Entwurf, der die idyllische Gartenanlage des 
Königsplatzes in eine rein architektonische verwandeln will, 
spricht nur der Baukünstler. Die Verwirklichung des 
Planes setzt den Könrgsplatz in bessere Beziehung zum Reichs 
hause und mindert die dominierende Stellung, welche die 
Siegessäule jetzt auf dem Platze einnimmt. Es läßt sich auch 
nicht leugnen, daß die erzielte Wirkung großartig und ge 
waltig sein würde, daß in rein künstlerischer Beziehung die 
Durchführung von Wallots Entwurf zu wünschen wäre; 
dennoch kann man demselben nur mit gemischten Empfindungen 
gegenüber stehen. Der Gedanke, daß die schönen Bäume und 
Sträucher in dieser radikalen Weise ästhetischen Rücksichten 
geopfert werden könnten, muß mit tiefer Trauer erfüllen. In 
Berlin ist jeder Bauin ein kostbarer Schatz, den man hüten 
und pflegen muß. Es liegt in der Wallotschen rein geometrischen 
Anlage überhaupt etwas Starres und Kaltes, was dem 
deutschen Gefühl widerspricht. Der Hinweis auf den Park 
von Versailles und die grünen Wände in Schönnbrunn kann 
uns den Entwurf nicht annehmbarer erscheinen lassen. Wir 
glauben auch nicht, daß man demselben an maßgebender Stelle 
zustimmen wird. Die Verwirklichung des Planes wäre nur 
denkbar, wenn der Königsplatz gegenwärtig noch kahl und 
öde daliegen würde. Daß die schönen Bäume und Boskets, 
die denselben jetzt schmücken, völlig kassiert werden, halten 
wir für unmöglich; jedenfalls würde eine solche radikale Um 
wandelung mit Recht den Unwillen der weitesten Kreise des 
Berliner Publikums erregen. 
Bisher stehen denn auch Publikum und Presse dem 
Wallotschen Entwurf entschieden ablehnend gegenüber; nur die 
„Deutsche Bauzeitung" tritt aufs wärmste für seine Verwirk 
lichung ein. Den entschiedensten Widerspruch findet der Plan 
naturgemäß in den Kreisen der Gartenkünstler, die bei der 
Umgestaltung des Königsplatzes doch auch ein wichtiges 
Wörtchen mitzureden haben, wie denn auch die Preisaufgabe 
des Vereins deutscher Gartenkünstler für 1894/95 lautet: 
„Die gärtnerische Umgestaltung des Königsplatzes zu Berlin 
in Beziehung zu dem neuen Reichstagsgebäude." 
Der Wortlaut dieses Themas ist der beste Beweis dafür, daß 
man in den Kreisen der Gartenkünstler von der Notwendig 
keit durchdrungen ist, die Anlagen des Königsplatzes in Be 
ziehung zu dem Wallotschen Monumentalbau zu bringen. 
Von gartenkünstlerisch maßgebender Seite wird zu dem Wallotschen 
Plan folgendes ausgeführt: „Wohl ist eine Umänderung des 
Königsplatzes dringend geboten, um ihn in Beziehung zu dem 
neuen Rrichstagsgebäude zu bringen; ob aber das Wallotsche 
Projekt die richtige Lösung ist, muß stark bezweifelt werden. 
Machen sich doch sogar in hohen Architektenkreisen bereits 
Stimmen, und mit Recht, geltend, daß mit der Beseitigung der 
Bäume auf dem Platze sehr überlegt vorgegangen werden 
muß. Trägt der Entwurf auch dem Wagenverkehr vielleicht 
genügende Rechnung, so ist auf seine Gestaltung selbst doch 
viel zu wenig Rücksicht genommen worden. Man denke sich 
den Platz in seiner ungeheuren Länge von über 400 m ohne 
irgend welchen Schatten und ohne jedwede Abwechslung; in 
seiner Längsrichtung von einem breiten Wege durchschnitten, 
der mit Balustraden eingefaßt ist, welche die Rasenflächen 
ohne Baum und ohne Strauch eiuschließen. Diesen Weg nun 
bei Sonnenschein gehen zu müssen, um von dem Krollschen 
Etablissement nach dem Reichstagsbau zu gelangen, wird 
niemand zugemutet werden können. Wohl spenden entgegen 
gesetzt der Wallotschen Meinung 2-3 m hohe Sträucher 
Schatten, was durch das Naturgesetz begründet und überall 
zu sehen ist. Sie geben aber auch eine wohlthuende Ab 
wechslung, da durch sie landschaftliche Scenerien entstehen. 
Bei einem so großen Platze muß eine reiche, mit der Architektur 
des Reichstagsbaues freilich harmonische Gliederung der Rasen 
flächen. sei es durch Gruppierungen von Gehölzen und 
Sträuchern in Verbindung mit Blumen-Arrangements oder 
gar durch Baumtrupps, stattfinden. Das Ganze darf natürlich 
nicht eine unruhige Wirkung hervorbringen, und es müssen 
von den Hauplstellen aus freie Durchsichten nach dem Bau 
werk vorhanden sein. Höchst sonderbar ist die seitliche Be 
grenzung gedacht. Hier sollen hohe Bäume angepflanzt 
werden, deren Stämme durch Hecken verdeckt werden sollen. 
Gerade die Stämme der Alleebäume bieten Angenehmes und 
ersetzen in der Gartenkunst die vertikalen Linien, die bekanntlich 
in der Baukunst bei der Fafladengliederung durch Säulen 
stellung u. s. w. erzielt werden. Der an und für sich spitze 
Aufbau der Siegessäule erfordert in ihrer Nähe die Anwendung 
von pyramidalen Baummassen, z. B. Pyramideneichen. Durch 
geschickte Verteilung dieser, verbunden mit anderen Gehölz 
gruppen, kann die Loslösung der Siegessäule, die unbedingt 
nötig ist, bewirkt werden. Man stelle sich außerdem eine 
4OO m lange Hecke in Manneshöhe vor, die nur hin und 
wieder von Statuen u. s. w. unterbrochen ist. . . . Der 
Platz mit seinem stolzen Namen wird in dieser Ausführung 
niemals eine königliche Würde zur Schau tragen, da das 
Volk, das ihn betritt, durch die Monotonie und kalte 
Stimmung, hervorgerufen durch den breiten Mosaikweg, die 
langen Hecken und vielen Balustraden, nicht an die ruhmreiche 
Zeit unserer Vorfahren erinnert wird." — 
Die Ansichten des Baukünstlers und des Gartenkünstlers 
stehen sich also einstweilen diametral gegenüber. Es dürfte 
jedoch ein Ausgleich der beiderseitigen Forderungen, so schwierig 
er auch sein mag, nicht unmöglich sein. Die Einschränkung 
des Königsplatzes nach Moabit und dem Tiergarten zu. die 
Schöpfung eines Platzes im Platze, dürfte eine berechtigte 
Forderung des Baukünstlers sein. Ebenso berechtigt erscheint 
aus Verkehrsrücksichten die Beseitigung des Rondells und der 
beiden seitlichen elliptischen Springbrunnen-Anlagen. Auf dem 
Grundriß des Wallotschen Entwurfs kann ein geschickter Garten 
künstler aber zweifellos Baumgruppen und Bosketts anlegen, 
die ein harmonisches Ganze mit dem Reichshause bilden, 
ohne daß die Hauptfront desselben dem Anblick entzogen wird. 
: " R. G.
        
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