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Periodical volume 25. August 1894, Nr. 34

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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beschwerlich und gefährlich diese Reise ist. da sie über unwegsame 
Felsen und Schluchten immer am Abgrund und Ufer des 
Meeres und durch reißende Bergströme zu Pferde gemacht 
werden muß. Ueber Nizza und die himmlische Reise von da 
nach Genua. Pisa, Florenz und hierher nächsten Posttag mehr! 
Auch sage ich jetzt noch nichts über Rom und seinen ersten 
Eindruck auf mich, sondern nur, daß ich ein vortreffliches, 
Helles, reines, gesundes Zimmer in der Nähe meiner liebsten 
Freunde bewohne und, nicht niedergeschlagen durch das. was 
ich sah, voller Mut und Lust den Karton zu einem kleinen 
Bilde angefangen habe, welches ich noch zur Ausstellung nach 
Breslau schicken will. Ich bin gesund und munter und spreche 
zu den Einwohnern mit ungemeiner Keckheit mein bischen 
Italienisch, gemischt mit Latein und Französisch, werde vcr- 
standen und verstehe. Das 
anno santo macht Rom sehr 
still. Grospieisch ist jetzt in 
Neapel. — 
Mich verlangt sehr sehr nach 
Nachrichten von Dir und allen 
Lieben in Schlesien, schreibe nur 
etwas ausführlich, wenn Du mich 
lieb hast, doch auf feines Papier 
und klein, denn die Briefe find 
hier sehr kostspielig. Herzliche 
Grüße an alle, die mich lieb 
haben. Nächstens mehr! 
Dich umarmt 
und küßt herzlich 
Dein böser Sohn August. 
Aus Rom liegen leider keine 
weiteren Briefe vor; nur wenige 
Gedichte und Gemälde find dort 
entstanden; und da Kopisch auch 
in den späteren Jahren selten von 
der päpstlichen Stadt erzählte, find 
wir über seinen dortigen Aufent 
halt schlecht unterrichtet. Einen 
kleinen Beitrag bietet die prächtige 
Selbstbiographie Ludwig Richters, 
der damals in Rom weilte und 
das Leben und Treiben der 
jungen Künstler fesselnd schildert. 
Im Hause Bunsens mit Richter bekannt geworden, mag sich 
Kopisch manchem Ausflug in die Umgegend, mancher Wanderung 
durch die Galerieen. mancher geselligen Vereinigung angeschlossen 
haben; noch bei dem letzten Besuche, den Richter vor seiner 
Abreise am 1. April 1826 dem Vatican abstattet, ist er sein 
Begleiter. Ob Kopisch schon vor diesem Zeitpunkt Neapel be 
sucht hatte, wiffen wir nicht, jedenfalls ist er wenig später 
dorthin geeilt und hat nunmehr an dem zauberischen Golf 
eine zweite Heimat gefunden, die ihn drei Jahre fesseln sollte. 
Lebhafter, als alles bisher gesehene, sprach dort Land und 
Volk zu seiner Seele. Die Farbenpracht der Natur, die lichken 
Berge, das tiefblaue Meer, der flammende Vesuv boten seinem 
Sinn für Färbung, seiner Vorliebe für koloristische Ueber- 
raschungen reichen Stoff; das bunte Treiben des heileren 
Volkes, die Lebenslust bei Arbeit und Müßiggang, die Sagen- 
und Liederfülle der öffentlichen Vorleser und Improvisatoren 
kam seinem frohen Sinn sympathisch entgegen; alles trieb ihn 
an, dies Land mit ganzer Seele zu erobern. Rastlos bemühte 
er sich, den Volksdialekt zu lernen, trug in Heften, dte noch 
heute von dem Eifer zeugen, die besonderen Redensarten zu- 
sammen. suchte die Volkstheater auf, kuüpfie Verkehr mit Schau 
spielern. Dichtern und Komponisten an. las und übe, setzte 
Komödien, von denen einige im 4. Bande seiner Werke ab 
gedruckt, drei weitere seines Freundes Philippo Cammarano 
und Cosenzas im Manuskript erhalten sind, — vor allem 
aber lauschte er Volksliedern und Sagen, um sie bald in 
wörtlicher Uebertragung, bald in freier Nachahmung seinen 
Landsleuten vertraut zu machen. Mochten die antiken Schätze 
des Museums, die Ausgrabungen in Pompeji und Herculanum 
geringere Anziehungskraft für ihn 
haben, das Leben und Denken 
des Volks, sowie die herrliche 
nähere und fernere Umgebung 
Neapals lernten wenig Fremde 
so genau kennen wie er. 
Von den zahlreichen Aus 
flügen trägt derjenige eine be 
sondere Bedeutung, welcher zur 
Entdeckung der blauen Grotte auf 
Capri führte. Mil dem um zwei 
Jahre jüngeren Heidelberger Land 
schaftsmaler Ernst Fries, der be 
reits seit längerer Zeit in Italien 
weilte und schon in Rom mit 
Richter und Kopisch vertraut ge 
worden war, zog er im Sommer 
1826 den prächtigen Weg nach 
Sorrent und Maffa hinunter und 
fuhr dann nach Capri hinüber. 
Als ihr Wirt, der bekannte Giu 
seppe Pagano von einer Zauber- 
grotte spricht, die das Volk als 
Haus des Teufels fürchtet und 
nicht zu betreten wagt, ruhen sie 
nicht; von beherzten Männern be> 
gleitet, wagen sie sich als kühne 
Schwimmer in das Innere und 
entdecken jenes Farbenspiel, da» 
alljährlich Tausende bezaubert. 
Ueber ein Jahr vergeht, ehe Kopisch seiner Mutter von 
diesem Wuuder berichtet, das seinen Namen für alle Zeilen 
an Capri knüpfen sollte. Im Frühjahr 1827 tritt er eine 
Reise durch Sizilien an und sucht, von dort zurückgekehrt, 
längst begonnene Arbeiten, vor allem sein Drama Chriemhild 
zu vollenden und neuere Pläne auszuführen, gehoben durch 
den frischen Verkehr mit Platen; er denkt an poetische Schilderungen 
aller Orte, die er auf seiner letzten Reise besucht hau „ich 
will um mein schönes Sizilien ringsher einen Kranz von Ge 
dichten winden, damit es immer um mich her grüne, glühe 
und dufte". Allein es verzögerten sein Schreiben nicht nur die 
Reisen, Arbeiten und der lebhafte Freundesverkehr; die Haupt 
schuld trug eine unglückliche Liebesgeschichte, um deren Ent 
wickelung seine Mutter wußte. Nur an wenigen Stellen 
seiner veröffentlichten Gedichte berührt Kopisch diese Wendung, 
Fürst Sisruarck auf Stettiner Sastustaf. 
Nach einer photopraphischcn Moment-Aufnahme von H. Rudolphy.
        
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