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Periodical volume 25. August 1894, Nr. 34

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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August Kopisch in Italien. 
Ungedruckte Briefe des Dichters an feine Mutter und an Platen. 
kl- Fortsetzung.) 
Rom, d. 4. Februar 1825. 
Geliebte Mutter! 
Obwohl ich schon seit ein paar Tagen hier angekommen, 
konnte ich doch noch nicht die Ruhe finden, Dir zu schreiben, 
denn die Masse der Gegenstände, das Wiederfinden so vieler 
alter Bekannten, ihre Besuche und Gegenbesuche, das Rennen 
von einem Ort zum andern ließen mich zu keinem ruhigen 
Gedanken kommen. Ich will Dir nun den letzten Teil meiner 
Reise kürzlich erzählen. Von Marseille aus, von wo ich Dir 
zuletzt schrieb, fuhren wir durch die schroffsten und wildesten 
Felsthäler, voller Höhlen und Schluchten, nach Toulon, welches 
der eigentliche Kriegshafen von Frankreich ist und am Fuße 
nackter Felsberge liegt, minder schön als Marseille, doch ist 
der Hafen weil größer. Wir gingen zugleich die Marine zu 
sehen, traten ohne weiteres keck in die Wachtstube und ersuchten 
den Offizier um Erlaubnis, der uns (obwohl es nicht sein 
soll) doch willfahrte. Er gab uns einen Gensdarm mit, der 
uns alles aufs genaueste erklärte. Die weitläufigen Werften 
waren mit einer Menge krebsroter Galeerensklaven bedeckt, 
lauter rüstige Leute, zum Teil von großer Geschicklichkeit in 
aller Art von Handwerken; von diesen werden unter An 
leitung freier Leute die Schiffe der franzöfischen Marine vor 
trefflich erbaut. Wir bestiegen das größte (Bourbon genannt) 
von 140 Kanonen, welches die Duchesse d’Angouleme von 
Neapel gebracht hat. Wir besahen ihre Zimmer, die für 
Schiffszimmer sehr elegant und bequem, nur so niedrig find, 
daß ich nicht den Hut aufbehalten konnte. Dagegen schauert 
einem die Haut, wenn man den Ort betrachtet, wo die See 
soldaten ihre Hängematten aufhängen, eine dicht neben der 
andern, und ich kann mir kein schrecklicheres Leben denken, 
als in einem dergleichen vollen Schiffe ein Jahr lang in 
See zu bleiben. Uebffigens setzte uns die ungeheure Größe 
des Gebäudes in Erstaunen, welches fünf Etagen hat. Die 
Küche darauf ist sehr geräumig und wohl eingerichtet. Respekt 
aber flößte uns der Gedanke ein, daß nach dem Wink des 
Admirals diese ganze Masse mit viel tausend Menschen in 
einem Augenblick herumgewendet wird und jedesmal 60 Kanonen 
kugeln ausspeit. Das Schiff ist so hoch, daß selbst beim 
größten Sturm nie eine Welle das Verdeck erreicht. — Wir 
sahen auch mehrere alte Schiffe, die den Hafen nie wieder 
verlaffen und als schwimmende Gefängniffe (bagnes) für 
ewig Eingekerkerte gebraucht werden. Wir sahen einige gelbe 
Gesichter hohlen Blickes durch die engen Gitter starren, ein 
schrecklicher Anblick! Hie und da kamen einige Galeerensklaven 
an uns heran und boten uns Kleinigkeiten zum Verkauf, die 
sie selbst gemacht, unter anderm ist ein ehemaliger Büger- 
meister sehr geschickt in Kokos zu schnitzen. Diese Sachen find 
nicht gerade wohlfeil, und wir kauften nur eine Nadel- und 
Federbüchfe von Stroh, gaben aber Almosen an einige, von 
denen uns gesagt wurde, sie würden in ein paar Tagen frei. 
Unser Gensdarm bat uns, wir möchten um Gotteswillen nicht 
anders als ftanzöfisch reden, indem es ihm sonst übel bekäme. 
Es war ein verschmitzter Kerl: er wagte uns sogar, was streng 
verboten ist, die Rüstkammer zu zeigen, wir mußten aber thun, 
als hatten wir ihm zu befehlen und spielten die Rolle von 
ein paar Inspecteurs. Die Rüstkammer ist glänzend ä la 
fran9aise arrangiert, aber sehr klein. Die Säbel waren in 
Art von Palmbäumen und Sonnen aufgestellt. Von da kamen 
wir in die Fabrik der Schiffslaue, die wie große Riesen 
schlangen umherliegen und uach dem Bekenntni s der Engländer 
besser find als die englischen, doch den spanischen nachstehen. 
Hier sah ich den 23. Dezember noch Trauben an einem grünen 
Weingelände hängen! 
Von Toulon machten wir einen kleinen Abstecher nach 
den himmlischen Orangengärten von Hyeres, wo wir die 
ersten Palmen im Freien sahen und für ein paar Sols die 
Erlaubnis bekamen, soviel wir wollten, Orangen zu pflücken. 
Hyeres liegt ganz vor Nordwinden geschützt, und man hat 
durch Orangebäume voll goldner Früchte die Aussicht auf das 
himmlisch blaue Meer und einen Landsee. auf dem gerade 
eine Entenjagd von 200 Jägern war. Die Stadt selbst ist 
elend, eine enge Gasse darin (wie unser Galgengäßchen) hatte 
man echt französisch rue Trocadero genannt. *) Ich bestieg die 
Höhe bei der Stadt und zeichnete in aller Eile die Umgegend. 
Dies geschah am heiligen Abend. Den anderen Tag ging es 
fort durch Oelbaumwälder, Korkeichen- und Pinienhaine nach 
dem alten Römerhafen Frejus, welche Stadt jetzt eine Stunde 
vom Meere liegt, weil dasselbe Land angesetzt hat. Wir 
gingen um die Stadt, besahen das Amphitheater, wo uns 
noch die Höhlen gezeigt wurden, woraus man zur Lust des Volkes 
Löwen, Tiger und andere wilde Tiere auf die Gefangenen 
losließ, die, gering bewaffnet, um ihr Leben kämpfen mußten. 
Es war fast dunkel, als wir dort mitten auf dem Kampfplatz 
standen, und meine Phantasie füllte sich den Raum mit Zu 
schauern, die von sicherem Ort mit schauerlicher Lust diesem 
wilden Gemorde zusahen, ein gräßlicher Kreis! Wir eilten fort. 
Den andern Tag kamen wir nach Cannes, wo Napoleon 
von Elba landete, ein lachendes Städtchen, gegenüber die 
Insel Fort Marguerite, welche ihn abwies. Dieses Fort 
Marguerite liegt so lachend da im blauen Meer mit seinen 
Pinien, wie ich mir Otaheiti mit Palmen denke. 
Von da kamen wir nach Antibes durch ungeheure Wälder 
von Oelbäumen, wo wir über die Bai hinweg das schon im 
Sardinischen liegende Nizza weiß aus dem dunkeln Salzwasser 
ragen sahen; die Sonne ging prachtvoll unter. Den andern 
Tag kamen wir um drei Uhr nach Nizza, welches uns von 
weitem schon mit seinen Orangen, Palmen und Oelbäumen 
anlachte, wogegen rechts die weite blaue Ebene des Meeres 
und links die beschneiten Gipfel der sardinischen Alpen herrlich 
kontrastierten. Der Hafen liegt in einer engen Schlucht, die 
Stadt selbst liegt teils eben, teils klettert sie um den Fels 
herum, der den Hafen von ihr sondert. Hier bringen viele 
kranke Engländer mit ihren Familien den Winter zu. Wir 
wurden sogleich von einer Menge Feluken (-Oapitaius) be 
lagert. die uns mit Gewalt nach Genua überschiffen wollten, 
und worunter der anständigste uns Atteste von Prinzen und 
Lords vorzeigte. Da er hörte, wir wären Deutsche, brachte 
er viele deutsche Atteste hervor, und das erste, das ich in die 
Hand nahm, war von dem jungen Löbekke aus Breslau, der 
gestorben ist. — Diese Capitanos forderten aber so unmäßiges 
Geld, daß wir beschlossen, zu Land nach Genua zu gehen, so 
*) Erst ein Jahr zuvor, um 31. August 1823, war da« Fort Trocadero 
bei Cadiz, nach welchem auch der bekannte Platz in Paris benannt ist, von 
den Franzosen erobert.
        
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