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Periodical volume 18. August 1894, Nr. 33

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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gerade in dem Augenblick, als auch Anna Eiisabeth in ihr 
verschwand. Er war ein tüchtiger Schwimmer und hatte ohne 
Ermüdung mehr als einmal den großen Collatzer See durch 
kreuzt. Hier aber wußte er, daß ihm dies wenig nützen 
werde, und daß er wohl unrettbar verloren sei, sobald die 
Strömung ihn unter das Eis reiße. Dennoch zögerte er 
keinen Augenblick, mit einem mächtigen Satz die krachende Eis 
decke zu überspringen, und in die hochaufspritzenden Fluten 
zu tauchen. Mit Todesangst spähte er nach der Versunkenen 
umher. Bald merkte er. daß er unter das Eis geraten war, 
denn beim Emportauchen stieß er auf harten Widerstand. 
Doch auch an den Füßen fühlte er sich an der freien Be 
wegung gehindert; er griff hin und faßte zu seiner Freude 
das Kleid von Anna Elisabeth. Mil aller Macht kämpfte er 
jetzt gegen die Strömung, allein er mußte schon ziemlich weit 
von ihr fortgerissen sein, der schwere Druck über ihm bewies 
ihm wiederholt, daß er die offene Stelle des Eises noch nicht 
erreicht habe. Seine Kräfte ließen nach, rote Lichter tanzten 
vor seinen Augen; einen Augenblick dachte er an seine Heimat: 
ihm war, als höre er die kühlen Eichenwälder rauschen. Mit 
dem einen Arm fest die Gestalt von Anna Elisabeth um 
schlungen hallend, gab er den Kampf auf und sank. Da 
schlug etwas fast schmerzhaft an seine Stirn. Mechanisch griff 
er darnach und hielt im nächsten Augenblick ein Seil in der 
Hand, das ihm vom festen Eise aus zugeworfen war. Mit 
raschem Griff schlang er es um den Arm, verlor dann aber 
die Besinnung, um erst wieder zum Bewußtsein zu kommen, 
als er, von kräftigen Fischerfäusten scharf bearbeitet, in dem 
Hause des Wasserwärters die Augen aufschlug. Seine erste 
Frage war nach den Versunkenen, und er erfuhr, daß Anna 
Elisabeth und auch das Kind zugleich mit ihm herausgezogen 
seien, und daß jene nur mühsam aus seinem sie um 
schlingenden Arm habe gelöst werden können. Beide befanden 
sich jetzt unter den Händen des Arztes und hatten ebenfalls 
schon Anzeichen rückkehrenden Lebens gezeigt. 
Durch diesen Zwischenfall fand das glänzende Fest einen 
jähen Abschluß. Der Kanzler und seine Tochter waren zu 
bekannte und beliebte Persönlichkeiten, als daß man sich weiter 
hätte vergnügen mögen, während erstere in Todesgefahr schwebte. 
Eggard eilte, sobald er sich erholt halte, in seine Herberge, 
wo er von Frau Barbe mit liebevoller Tyrannei gepflegt wurde. 
Noch ein anderes folgenschweres Ereignis machte das 
glänzende Eisfest zu einem trauervollen. Der junge Bischof 
Ulrich von Cammin erkrankte gleich nach demselben so heftig, 
daß er sein Ende nahen fühlte. In dem Wunsche, in seinem 
eigenen Heim zu sterben, beschleunigte er die Abreise mit 
seiner jungen Gemahlin, so sehr sein Befinden es nur ge- 
stattete. Schon nach wenigen Tagen kam nach Stettin die 
Nachricht, daß in Pribbernow die Krankheit derart zugenommen 
habe, daß an eine Weiterreise nicht zu denken sei, und bald 
erfüllte die Botschaft von seinem Tode den Hof mit tiefster 
Trauer. Herzog Bogislav eilte mit zahlreichem Gefolge der 
Leiche seines Bruders entgegen, die in dem Erbbegräbnis in der 
Schloßkirche beigesetzt werden sollte. Auch Henning Heidebreck 
befand sich in dem Trauergefolge, und Eggard würde, fremd 
wie er war. wohl kamn gewußt haben, wie er, ohne die Ge 
sellschaft und Führung des Freundes, seine Tage hätte zu 
bringen sollen, wenn nicht das Haus des Kanzlers sich ihm 
gastlich geöffnet hätte. Zum ersten Male trat er in engen, 
freundschaftlichen Verkehr mit einem jungen, weiblichen Wesen, 
das nicht zu seiner nächsten Verwandtschaft gehörte. Da war 
es, zumal bei der liebenswürdigen und gewinnenden Art der 
jungen Dame, der er das Leben gerettet, nur zu natürlich, 
daß sein bisher unberührtes Herz aufs heftigste von der Leiden 
schaft einer ersten Liebe ergriffen wurde. Auch Anna Elisabeth 
sah den frischen pommerschen Junker gern, der ihr nie eine 
Schmeichelei sagte, dessen Augen aber die Sprache tiefer und 
warmer Bewunderung redeten. Als daher die Stunde des 
Abschieds schlug und Eggard sich als Cornet zu der kaiser 
lichen Armee nach Böhmen begeben sollte, da nahm er die 
beglückende Zusage mit, sie nach seiner Rückkehr als sein ge 
liebtes Weib heimführen zu dürfen. 
Zwei Jahre waren seitdem vergangen, ohne daß es 
Eggard, von den Wogen des Krieges hin und her geworfen, 
gelungen war, sich Stettin wieder zu nähern. Aus seiner 
Heimat hatte er nur spärlich Nachricht erhalten. Der Krieg 
erschwerte jeden brieflichen Verkehr. Auf mancherlei Um 
wegen und nach vielen Irrfahrten war es endlich einem von 
Frau Maria abgesandten Boten gelungen, ihm die Kunde 
von dem Ableben seines Vaters zu bringen. Von eben diesem 
Boten erfuhr er auch, daß der Streit mit dem Polziner Vetter 
um das Recht des Bierschenkens auf Collatzer Grund und 
Boden heftiger denn je entbrannt sei, und daß Herr Hinrich, 
der seinem Vater in der Verwaltung der Güter gefolgt sei, 
sich entschlossen habe, den Streit auf dem Wege eines Prozeffes 
zum Austrage zu bringen, sobald die Verhältnisse im Lande 
hinreichend geordnet seien, um einen solchen zu ermöglichen. 
Auch von Frau von Ramin erhielt Eggard um dieselbe 
Zeit ein Schreiben. Sie teilte ihm mit, daß der Kanzler ge 
storben sei und noch vor seinem Ende den Wunsch ausgesprochen 
habe, seine Tochter recht bald in dem Schutze des ihr an 
verlobten Mannes zu wissen. Da vermochte nichts mehr ihn 
zurückzuhalten. Er nahm Urlaub und eilte nach Stettin, wo 
die Trauung in aller Stille vollzogen wurde. Seine junge 
Frau nach Collatz zu führen und sie der Mutter und dem 
Bruder vorzustellen, erlaubte die Kürze des Urlaubs nicht. 
Er mußte in die Gefahren und Strapazen des Krieges zurück, 
während Anna Elisabeth vor der Hand bei der Mutter ver 
blieb und mit ihr nach Nassenheide zog. 
IV. 
Wiederum sind Jahre verflossen, und manches ist in 
den Wirren jener Zeit anders geworden. Der Kaiser 
hatte dem Drängen der deutschen Fürsten, die der Tyrannei 
Wallensteins überdrüssig geworden waren, nachgegeben und 
diesen Feldherrn seines Amtes entsetzt. Viele protestantische 
Offiziere benutzten jene Gelegenheit, um die ihnen zur 
drückenden Fessel gewordenen katholischen Dienste zu verlassen 
und dem aufgehenden Gestirn, dem nordischen Könige Gustav 
Adolf, sich anzuschließen. Zu diesen gehörte auch Eggard. 
dessen Herz höher schlug bei dem Gedanken, unter einem 
lutherischen Herrscher für seine Glaubensgenossen kämpfen zu 
dürfen. Er wußte, daß der Schwedenkönig Stettin im Sturm 
genommen und seinen Einzug dort gehalten; daß Herzog 
Bogislav genötigt worden war. in ein Bündnis mit ihm ein 
zutreten, und daß die heimatlichen Lande, von der drückenden 
Einquartierung der Katholiken befreit, erleichtert aufatmeten.
        
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