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Periodical volume 11. August 1894, Nr. 32

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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liefert. Zunächst ein Bildnis, welches erinnerte an die hauptsächlichsten 
und jahrzehntelangen Beziehungen des Kronprinzen Friedrich Wilhelm zu 
unserer Stadt. Recht glücklich ist bei der Ausführung dieses Gedankens 
die gemütliche Seite, bekanntlich auch ein hervorragender Charakterzug 
unseres „Fritz", getroffen. Das eine rechtsseitige Relief behandelt eine 
anheimelnde Familienscene beim Hause deS Stadtförsters. wie sie sich wohl 
zu ungezählten Malen gelegentlich der Anwesenheit des Kronprinzen und 
seiner hohen Gemahlin im Stadtwalde abgespielt haben mag. Dem von 
der Jagd ermüdeten Gatten reicht die Kronprinzessin Viktoria einen er 
frischenden Trunk; vor einem Tische steht, in einiger Entfernung von dem 
erhabenen Elternpaar, die älteste Prinzessin-Tochter, anscheinend mit der 
Zubereitung eines JmbisieS beschäftigt; in der entgegengesetzten Richtung 
von der Gruppe erblickt man den Förster Canzler, der zu dem Fürsten 
infolge des langjährigen Verkehrs in einem vertrauten Verhältnis stand. 
Dar linksseitige Reliefbild vergegenwärtigt den Waldbrand, der eines Tages 
zufällig bei Anwesenheit der Kronprinzlichen Jagdgesellschaft in der Forst 
entstanden war. Der Kronprinz, mit einem Spaten in der Hand, beteiligt 
sich selbst an den Löscharbeiten und trifft die nötigen Anordnungen; in 
seiner Nähe befindet sich, rüstig arbeitend, unter dem Gefolge Prinz 
Heinrich, ferner Waldarbeiter, den Befehlen des Fürsten gehorchend. An 
dieses Ereignis erinnert bekanntlich in der Forst bei der Brandstelle die 
„Kronprinzenbuche". Dar dritte Reliesbild, an der Rückseite des Postaments, 
verewigt die denkwürdige Havelfahrt am 1. Juni 1888. Die „Alexandria", 
mit dem Kaiserpaar an Bord, nähert sich der Charlottenbrücke, vor welcher 
auf einer Zille die Spitzen der Zivilbehörden Aufstellung genommen haben; 
eS wird der Moment dargestellt, in welchem die Bürgerschaft der Stadt 
dem Kaiser Friedrich, während dessen Schiff mit gemäßigter Geschwindigkeit 
vorübcrfährt, lies ergriffen den Gruß entbietet. Der edle Dulder wird am 
Kajüttensenster sichtbar, in der Nähe die Kaiserin, und oben auf dem 
Verdeck erkennt man den Kronprinzen, jetzigen Kaiser Wilhelm. Die drei 
Bildnisse sind ganz besonders geeignet, dem hiesigen Kaiser Friedrich-Denkmal 
einen individuellen Charakter auszuprägen und seinen sonstigen ideellen 
Wer, noch um viele« zu erhöhen. Die vordere Seite deS Postaments 
endlich enthält in gleicher Umrahmung wie die Reliefs folgende Widmung: 
Ihrem geliebten Kaiser Friedrich III. in dankbarer Erinnerung die Bürger 
schaft von Spandau 1892. — Die Reliefs, gleichfalls in Bronze aus 
geführt, sind 83 Zentimeter hoch; die obere Breite beträgt 76, die untere 
83 Zentimeter. Das Monument ist umfriedigt von einem einfachen, aber 
recht geschmackvollen Eisengitter. Zu dem Fuß des Denkmals führen an 
der Rückseite rechts und links Stufen empor. 
Dem Verstorbenen Stadtöltesten Eduard Ederty 
widmet der Magistrat im „Gemeindeblatt" folgenden Nachrus: „Am 
23. Juli ward der Stadtälteste Herr Eduard Eberty aus dem Leben ab 
gerufen. Reichbegabt und in der Fülle jugendlicher Kraft war er am 
1. Oktober 1872 in unser Kollegium eingetreten, und im Februar 1876 
zum Syndikus gewählt. Seiner Thätigkeit fetzte er in edeler Begeisterung 
hohe Ziele, sein organisatorisches Talent widmete er mit glücklichem 
Erfolge den Neugestaltungen aus dem Gebiete der Gemeindelebens. Die 
Gemeinde-Waisenräte, der städtische Viehhof, die Markthallen, die Kranken- 
und Invaliditäts-Versicherung, dar Gewerbegericht und der gewerbliche 
Unterricht waren die fruchtbaren Felder feines verdienstvollen WirkenS. 
Ueber die Grenzen deS Amtes in das politische Leben und dar Leben der 
Vereine ging fein rastloses Bemühen. Nach wenig mehr als zwanzig 
Jahren versagten sich dem Fluge deS Geister die Körperkräfte. Mit tiefem 
Schmerz sahen wir den verehrten Kollegen von uns scheiden. Nach einem 
Jahre des irdischen Ruhestandes ist er zur ewigen Ruhe eingegangen. 
Dem innig Betrauerten, früh Verklärten folgt unser Dank für alles, wa« 
ihm im Dienste der Stadt gelungen ist, gelungen ist als ein dauernder 
Werk." 
Der tehtv Eckensteher?. Die Vorgänger unserer Packträger, 
Dienstmänner, Expreß oder wie man sie sonst nennen mag, die Eckensteher, 
waren besonders in Berlin verbreitet. Sie starben vor ungefähr 50 Jahren 
allmählich aus. Ein Schriftsteller, der Berlin im Jah>e 1846 besuchte, 
schreibt: „Viel Mühe gab ich mir, einen — Eckensteher zu sehen, weil in 
der That diese halbcivilisiertcn Naturkinder ein selbständiger Interesse in 
Anspruch nehmen, seit sie durch Beckmann (in „Nante Strumpf") zum 
Kunstideal erhoben wurden. Mit großem Erstaunen erhielt ich aber zur 
Antwort, daß die Eckensteher seit einigen Jahren so sehr abgekommen seien, 
daß man kaum noch von ihrer Existenz sprechen könne. Eine hoch anzu 
rechnende Gunst der Glücksgöttin war es daher, daß sie mich eines Tages 
in die Nähe deS vielleicht „letzten Mohikaners" führte, welcher bei „Renne- 
boom" an der Ecke lehnte. Seinen Pseisenstummel im Munde, das linke 
Bein übergeschlagen, damit nicht ohne Not zwei Beine zugleich müde würden, 
die Arme gekreuzt, wie ein Atlas, bereit, das Universum oder doch einen 
Oxhofl Schnaps auf den Rücken zu nehmen, und einige Kleidungsstücke aus 
dem Leibe, die einen Schriftsteller schon deshalb zu Novellen anspornen 
könnten, weil ihr Weg unmittelbar in die Papiermühle und von da aus 
das Schreibpult gehen muh, wenn sie nicht, dem Stampfrade zuvorkommend, 
auseinanderfallen sollen. Die Traurigkeit eine« Müßiggängers, der nicht 
mehr mit geringer Mühe eine Hand voll Geld verdienen kann, lag auf 
seinen fahlen Zügen, und eS durchzogen wohl sehnsüchtige Gedanken an 
ein Gläschen „sanften Heinrich" seine Seele, die er für jetzt nicht damit 
erlaben kann. Die Droschken haben eine solche Ausdehnung und Vielzahl 
gewonnen, daß die Eckensteher ganz entbehrlich geworden sind. Eine 
Droschke fährt nicht nur mehrere Zentner Gepäck, sondern auch den Inhaber 
dazu um 5 Eiibergroschen von einem Ende der Stadt an dar andere, 
während der Eckensteher sich stückweise bezahlen läßt und noch nicht mit 
10 Groschen für den Gang zufrieden ist. Interessant wäre es nachzu 
forschen, wohin alle diese Genialitäten gekommen sind, ob sie sich auf 
solide Gewerbe verlegt oder die Tagedieberei auf andere Art fortzusetzen 
Gelegenheit gefunden haben." v. 
Tatst«» Derckel. Die Franzosen hausten vor der Schlacht bei 
Roßbach in den Dörfern und Städten, als ob sie in Feindesland wären. 
Sie nahmen Getreide, Vieh, Heu, Stroh, Hausgeräte, Kleider weg. ver 
brannten das Holzwerk an Häusern und Scheunen, entheiligten die Kirchen, 
mißhandelten die Pfarrer, zerschlugen die vollen Weinfässer, zerschnitten die 
Betten, hieben die Tiere, die sie nicht mit sortschleppen konnten, lebendig 
in Stücke, steckten Güter und Dörfer in Brand, zerriflen wertvolle Urkunden 
und prügelten die Bauern bis auf den Tod. Bei letzteren kamen sie aber 
zuweilen an den Unrechten. So in Reichardtswerben bei Weißenfels. Hier 
lärmten sie in dem Haufe de« Georg Deubel. Einer von ihnen that sich 
in Schreien und Toben hervor. Da erhebt sich Georg Deubels Sohn 
Tobias, geboren am 9. Januar 1736, und gebietet ihm mit starker Stimme 
Ruhe. Der Franzose, durch diese kühne Entschiedenheit außer Faflung 
gebracht, wird still und legt sich ruhig aus sein Lager, verläßt auch am 
andern Morgen immer noch eingeschüchtert das Haus. Aber bald kehrt er 
mit vierzehn Kameraden zurück, um Rache zu nehmen. Doch Tobias 
Deubel ist nicht faul, greift zu einer Mistgabel und schlägt mit dieser alle 
vierzehn in die Flucht. Er starb am 23. Februar 1791. v. 
Girr Ernparckännnting. Vor 200 Jahren wurde in Gotha 
als Sohn eines Kammerrats Gustav Adolf Götter geboren und am 
28. Mai 1762 starb derselbe als Graf, preußischer Staats- und Kriegs 
minister, Vize-Präsident des General-Direktoriums für Krieg und Finanzen, 
Oberhofmarschall und Generalpostdirektor. Schon al« Jüngling der erklärte 
Günstling des Prinzen Eugen machte, er sich am kaiserlichen Hofe in Wien 
beliebt und unentbehrlich. Der Herzog von Gotha machte ihn zum LegationS- 
sekretär, zum Rat, zum Hofrat, zum Gesandten. Kaiser Karl VI. erhob 
ihn samt seinen Nachkommen durch einen Gnadenbrief in den Reichsfreiherrn- 
stand. Dann wurde er Geheimer Legatio.israt, Czar Peter II sandte ihm 
den Newsky-Orden, Friedrich Wilhelm den Orden der Großmut. Letzterer 
lud ihn an seinen Hof ein, ernannte ihn durch Kabinettsordre zum Staats- 
rat mit Sitz und Stimme und einer Einnahme von 1000 Thalern, dann 
zum preußischen Gesandten am Wiener Hofe. Im Jahre 1736 zog sich 
Götter auf sein Gut MolSdorf zurück. Friedrich der Grobe berief ihn 
wieder in den Staatsdienst, Karl VI. erhob ihn in den Reichsgrafenstand, 
aber er zog sich als Staatsminister kränklich nach MolSdorf zurück, wo er 
ein der Muse und dem Genusse gewidmeter Leben führte. AIs er zum 
ersten Male das große LoS gewann — er hatte dieses Glück noch einmal 
— gab er ein üppiges Gastmahl. DaS Hauptgericht desselben bildete trotz 
der Jahreszeit seine Lieblingsspeise, junge Erbsen: er hatte sie Stück für 
Stück mit je einem Groschen bezahlt! D. 
Such erlisch. 
Adrian Kalbt» Allgemeine Erdbeschreibung. Ein 
Handbuch des geographischen Wissens für die Bedürfnisse aller 
Gebildeten. 8. Auflage. Vollkommen neu bearbeitet von Dr. 
Fr. Heiderich. Mit 900 Illustrationen, vielen Textkärtchen und 
25 Kartenbeilagen. 3 Bände. In 50 Lieferungen ä 75 Pfg., oder 
3 eleganten Halbfranzbänden ä. 15 Mk. Verlag von A. Hartleben 
in Wien. 
Somit liegt denn das gewaltige Werk vollständig vor. Drei stattliche 
Bände mit 3200 Seiten Text! Wir können damit in unserem Endurteil 
das bestätigen, was wir in den ftüheren Besprechungen gesagt haben. 
Mit Recht kann man diese wahrhaft klassische Länderkunde als eine der 
bedeutendsten Erscheinungen aus dem deutschen Büchermarkt bezeichnen. 
Mil wahrem Bienenfleiß hat der Bearbeiter, Dr. Fr. Heiderich, ein un 
geheures, weit verstreutes Material gesammelt und aus demselben eine 
völlig neue, auf wissenschaftlicher Basis beruhende Schilderung der physischen 
und politiscben Verhältnisse aller Länder herausgeformt. Trotz wissen- 
schaftlicher Genauigkeit ist die Darstellung ftisch und lebendig. Dar Werk 
ist ein gleich treuer Mentor, ob wir uns über die Verhältniffe der Heimat 
oder über ferne tropische Gebiete, oder über die Eiswüsten der Polar 
gegenden zu orientieren wünschen. Hier werden uns nach den Berichten 
der Reisenden Naturvölker geschildert, dort wieder verfolgen wir die Kultur 
völker bei ihrer Arbeit und ersehen aus den statistischen Angaben die in 
ihnen zur Zeit wirkenden Kräfte. Von besonderem Werte sind die ein 
leitenden Kapitel über physische Geographie, welche uns Kenntnis geben 
von den Kräften, die an der Erscheinung der Erde zerstörend und gestaltend 
wirken, während uns die astronomische Geographie hoch über die Scholle 
bis an die äußersten Grenzen menschlicher Erkenntnis führt. Ein Reichtum 
deS Inhalts, der aller Wtffen über dar Thema umfaßt. Daß natürlich 
bei einer Firma wie dem Hartlebenschen Verlag auch die künstlerische Aus 
stattung eine vornehme ist, braucht nicht besonders betont zu werden; die 
Karten allein ersetzen einen vollständigen Atlas. — Das Werk ist in seiner 
neuen Bearbeitung ein Hausschatz, der bald unentbehrlich für jede Familien 
bibliothek sein dürfte. V. 
Inhalt: Der Manteusfelsche Bierprozeß. Eine pommersche 
Familiengeschichte. Von U. von Versen (Fortsetzung). — Han« Georg 
von Arnim. Von Richard George tFortsetzung). — Große Berliner 
Kunstausstellung 1894 VI (Schluß-. — Kleine Mitteilungen: — 
DaS Denkmal der Kaisers Friedrich in Spandau. — Der verstorbene 
Stadtälteften Eduard Eberty. — Der letzte Eckensteher. — Tobias Deubel. 
— Ein Emporkömmling. — Büchertisch. — Anzeigen.
        
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