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Periodical volume 11. August 1894, Nr. 32

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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genähert. Diese Annäherung rief in Arnim seine frühere 
Abneigung gegen das Bündnis mit dem Auslande aufs neue 
wach; schon Ende September wirkte er für seinen alten Plan, 
den König von Dänemark, den er merkwürdiger Weise zu 
den deutschen Fürsten rechnete, in den Bund der evangelischen 
Kurfürsten gegen den Kaiser und die katholische Liga hinein 
zuziehen. Diese Bestrebungen blieben dem König von Schweden 
ebenso wenig verborgen, wie die Verhandlungen, die Arnim 
während seines Aufenthaltes in Böhmen mit dem ränkevollen 
Friedländer führte, Verhandlungen, von denen die Schweden 
nur so viel erfuhren, wie Arnim und sein Kriegsherr für gut 
hielten. Völlige Klarheit über diese verwickelten Verhandlungen 
haben auch die Jrmerschen Untersuchungen nicht verbreitet. 
Es steht tu der Hauptsache jedoch fest, daß Arnim mit 
Wallenstein über einen Separatfrieden Kursachsens mit dem 
Kaiser verhandelt hat. Hieraus darf dem Feldmarschall der 
im Einverständnis mit seinem Laudesherrn handelte, der Vor 
wurf der Treulosigkeit nicht gemacht werden; denn bte schwedische 
Politik ging damals ebenso ihre eigenen Wege und war weit 
entfernt, bte Interessen Kursachsens und der evangelischen 
Fürsten Deutschlands zu verfolgen. 
Die Besetzung Böhmens hatte Arnims Feldherrntalent 
aufs neue glänzend bestätigt; dennoch war seine Lage in 
Böhmen, wie er selbst einsah, unhaltbar; dies lag an dem 
Zustand, in dem sich das sächsische Heer befand. Dasselbe war 
seit Monaten ohne Bezahlung; „es vermindere sich in den 
ausgedehnten und dürftigen Quartieren Böhmens täglich, und 
die gelockerte Disziplin sowie die Meuterei unter den Soldaten 
zeigten ihm, wie wenig er sich im Ernstfälle auf seine Truppen 
verlasien könne. Unter solchen Umständen müffe er jede 
Verantwortung für einen schlimmen Ausgang des Feldzuges 
ablehnen." Mit diesen Worten motivierte er in in einem 
Schreiben vom 12. Dezember 1631 sein Entlassungsgesuch. 
Er hatte den ganzen Winter hindurch den Kurfürsten von 
Sachsen dringend gebeten, ihm Verstärkungen nach Böhmen zu 
schicken und für eine regelmäßige Bezahlung seiner dortigen 
Truppen zu sorgen. Statt diese Bitten zu erfüllen, vergeudete 
der energielose Johann Georg die Zeit mit zwecklosen 
Friedensverhandlungen und wüsten Trinkgelagen. Man kann 
es daher Arnim nicht verargen, daß er sein Abschiedsgesuch 
völlig ernst meinte. Bei einer Zusammenkunft der beiden 
evangelischen Kurfürsten, die auf sein Betreiben am 12. März 1632 
in Torgau stattfand, gab er die Erklärung ab, er könne nur 
bei einer vollständigen Organisation des sächsischen Kriegs 
wesens in sächsischen Diensten bleiben. Zu dieser gehöre vor 
allem die regelmäßige Besoldung der Truppen; sodann machte 
er die Selbständigkeit seines Kommandos zur Bedingung. 
Nach längerem Zögern willigte Arnim endlich ein. bis Aus 
gang des Mai das Kommando der sächsischen Truppen beizu 
behalten. Später ist von dem Rücktritt Arnims nicht mehr die Rede. 
Im April 1632 begab sich Arnim wieder nach Böhmen, 
welches er im Dezember des Vorjahres verlassen hatte. Der 
Zustand, in dem er die sächsischen Truppen vorfand, war 
hoffnungslos. Wallenstein hingegen, der das kaiserliche Ober 
kommando in Böhmen wieder übernommen hatte, fand sich 
im Besitz eines kriegstüchtigen Heeres und konnte, wenn er 
wollte, jeden Augenbllck losschlagen. „Wenn der Feind 
gethan hätte," schrieb Arnim am 21. April von Brüx aus an 
den Kurfürsten, „oder thäte es noch zu dieser Stunde, was 
ihm gehört zu thun, so würde Ew. kurf. Durchlaucht nicht 
allein aller Orte in Böhmen quitt, sondern Ihr Land und 
Leute wären in dem größten Elend!" So blieb Arnim an 
gesichts des schlagfertigen Heeres Wallensteins nichts weiter 
übrig, als - - wiederum im Einverständnis mit seinem Kriegs- 
Herrn — den Weg der Unterhandlungen zu betreten. Diese 
Verhandlungen zielten auf einen Separatfrieden zwischen dem 
Kaiser und Kursachsen, ja. Arnim war damals optimistisch 
geuug, nach den wiederholten Aeußerungen Wallensteins über 
seine ernstlichen Friedensabfichten, an die Möglichkeit eines 
allgemeinen Friedens zu glauben. Er reichte dem Kurfürsten 
Johann Georg zu jener Zeit auf dessen Wunsch eine Denk 
schrift über die Möglichkeit eines allgemeinen Friedens zwischen 
den kämpfenden Parteien ein, die zugleich ein politisches 
Glaubensbekenntnis Arnims enthält. Die Denkschrift ging 
davon aus, daß das namenlose Elend, welches dieser Krieg 
im deutschen Reiche geschaffen, es unverantwortlich erscheinen 
ließe, wenn man die Friedensanerbietungen des Feindes 
zurückwiese, dem Gott das Herz dazu gelenkt habe. Dann 
wandle Arnim sich gegen Gustav Adolf, der die alten Reichs 
konstitutionen samt Lehnspflichten und Erbhuldigungen als 
nullund nichtig ansehe. „Das würde," meinte Arnim, „allein 
durch Gewalt geschehen können; die Grundfeste und Fundamental 
gesetze der deutschen Reichsverfassung würden damit über den 
Haufen geworfen, der Kurfürsten Respekt und Hoheit, die ein 
Glanz und eine Zierde des römischen Reiches gewesen, würden 
unter den Fuß getreten werden, und die deutsche Freiheit in 
die Bande der Dienstbarkeit geraten. Und welche Ströme von 
Blut würde es kosten, ehe man dahin gelangte! Er wolle es 
frei heraus bekennen, er halte die bisherige Reichsverfassung 
für so kräftig, so weise und so reiflich erwogen, daß mensch 
licher Verstand nichts besseres erfinden würde." 
Ungemein sympathisch berührt in dieser Denkschrift der 
echt deutsche Grundsatz: keinen Fußbreit deutschen Landes an 
die Fremden abtreten! Dieser Grundsatz ist ein Beweis 
dafür, daß Arnim seiner Zeit weit im nationalem Empfinden 
voraus geeilt war. Solche Gedanken fanden damals leider 
nur in wenigen Herzen einen fröhlichen Wiederhall, das 
Nationalbewußtsein war völlig stumpf geworden. Aus Arnims 
stark entwickeltem nationalen Empfinden heraus müssen wir 
uns auch seine Begeisterung für die altehrwürdigen Ver- 
fassungsformen des deutschen Reiches erklären, die sich freilich 
längst überlebt hatten. Für ihn war das „heilige römische 
Reich deutscher Nation" noch immer mit dem Nimbus um 
geben. in den es durch die Geschichte einer großen Vergangen 
heit gehüllt wurde. 
Wie bereits erwähnt, hatte der völlig trostlose Zustand, 
in welchem Arnim das sächsische Heer bei seiner Rückkehr nach 
Böhmen vorfand, diesen in die Notwendigkeit versetzt, dasselbe 
auf dem Wege der Verhandlungen mit Wallenstein zu retten. 
Diese Verhandlungen, die mit Wissen und Willen des Kur 
fürsten Johann Georg stattfanden, führten dazu, daß Arnim 
von schwedischer Seite bei seinem Kriegsherrn des Verrates 
bezichtigt wurde. Diesem blieb nichts weiter übrig, als seinen 
getreuen Feldmarschall zum Schein in Anklagezustand zu ver 
setzen, aus welchem er natürlich glänzend gerechtfertigt hervor 
ging. Dieser Zwischenfall erweiterte die Kluft, die zwischen 
Arnim und den Schweden bestand, bedeutend. Der Vorwurf 
der Doppelzüngigkeit, den man Arnim aus diesen Verhand
        
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