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Periodical volume 4. August 1894, Nr. 31

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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fach allerdings auch schon im Mittelalter, gebildet haben und 
für welche wir keine historische Erklärung zu finden vermögen. 
Hierher gehört einmal ein großer Teil des medizinischen Aber 
glaubens. die sogenannten Sympaihiemittel, welche vielfach 
erst neuerer Spekulation ihre Entstehung verdanken, dann 
aber jene Ansichten, welche wir unter dem Namen „Haus- 
aberglauben" zusammenfassen wollen. Zwar dürfte sich für 
diese oder jene Ansicht immerhin ein historischer Nachweis 
führen lassen, aber im allgemeinen entbehren diese Ansichten 
irgend welches Ursprungs aus dem alten Kultus und finden 
ihre Erklärung in dem geordneten bürgerlichen Familienleben 
und besonders in der Ordnungsliebe der Hausfrau. 
Hausaberglauben nennen wir diese Art des Aberglaubens, 
weil er sich zumeist auf die Hausgeräte und das alltägliche 
Leben der Familienglieder erstreckt und durch das häusliche 
Leben ausgebildet worden ist. Außer der Ordnungsliebe der 
Hausfrau, der hauptsächlichsten Triebfeder für den Haus 
aberglauben, find noch Bequemlichkeit und Eitelkeit, dann 
Höflichkeit gegen den Gast und Vorsicht gegen fremde Elemente 
wichtige Beweggründe für denselben gewesen. Wir wollen 
aus dem großen Umfange des Hausaberglaubens hier nur 
einige derjenigen Ansichten betrachten, welche dem ersterwähnten 
Faktor der Ordnungsliebe, ihre Entstehung verdanken. 
Da tritt uns die ominöse Zahl „dreizehn" entgegen. 
Sitzen dreizehn Personen bei Tische, so muß eine von ihnen 
binnen Jahresfrist sterben. Welche? Darüber gehen die An 
sichten der einzelnen auseinander. Entweder diejenige, welche 
vor dem Spiegel oder welche an der Tischecke fitzt, oder die 
jenige, welche zuerst oder welche zuletzt vom Tische aufsteht, 
oder diejenige, welche zuerst ißt oder trinkt, oder schließlich 
diejenige, welche die Anzahl der Tischgenossen überzählt oder 
welche darüber erschrickt, daß dreizehn an der Tafel fitzen. 
Schon aus dieser Verschiedenheit der Ansichten kann man sehen, 
daß dieser Aberglaube nicht einen bestimmten historischen 
Hintergrund hat, sonst würde er prägnanter die dem Tode 
geweihte Person bezeichnen, sondern erst allmählich und in 
verschiedenen Kreisen entstanden ist. Zwar hat man eine 
historische Erklärung dieses Abscheues vor der Zahl „dreizehn" 
versucht, indem man auf die heilige Zahl „zwölf", auf das 
heilige Abendmahl und den altdeutschen Götterkreis hinwies, 
aber obwohl Jesus als „Dreizehnter" an der Tafelrunde dem 
Tode geweiht war und Baldur als dreizehnter der Götter 
sterben mußte, so haben diese Punkte doch nur indirekt und 
erst später auch den Abscheu vor der Zahl „dreizehn" ein 
gewirkt. Der Grund dieses Abscheues ist ein anderer. Das 
Märchen vom Dornenröschen weist uns auf die richtige Spur. 
In demselben wird der dritten Fee. welche als „Dreizehnte" 
erscheint, ein silberner Teller vorgesetzt, da die Königin in 
ihrem Haushalte nur zwölf goldene besitzt; infolgedessen stiftet 
die darüber erzürnte Fee Unheil in der Familie. Gleichwie 
im Märchen die Königin unangenehm berührt ist, daß sie ihrem 
dreizehnten Gaste nicht auch einen goldenen Tellet vorsetzen 
kann wie den übrigen Gästen, so wird es jede Hausfrau im 
gleichen Falle peinlich berühren, da auch sie nur ein voll 
ständiges Gedeck für zwölf Personen zu besitzen pflegt und 
der „Dreizehnte" schließlich mit einem minderwertigen Teller 
vorlieb nehmen muß. Kann man es daher den Hausfrauen 
verargen, wenn sie einen Ausweg suchen, um die mißliebige 
dreizehnte Person von der Tafel fern zu halten, und sich in 
ihrem Abscheu vor dem „Dreizehnten" dazu verleiten ließen, 
den Aberglauben, daß jener dem Tode geweiht sei, zu 
kultivieren? So erklärt sich also die jetzt allgemein verbreitete 
Furcht vor der Zahl „dreizehn" einzig und allein aus der 
Ordnungsliebe der Hausfrau, welche keinen ihrer Gäste minder 
wertig behandeln will. 
Eine stattliche Tafelrunde ist stets die Freude und der 
Stolz einer Hausfrau, besonders wenn alles „klappt" und 
alles ordnungsmäßig vor sich geht. Aber so häufig sieht sie 
auch an der Tafel Dinge welche ihr nicht gefallen wollen und 
ihren Verdruß erregen. Dort wirft jemand das Salzfäßchen 
um, hier verschüttet ein anderer ein Glas Rotwein, so daß 
ein blutigroter Streifen das blendend weiße Damasttuch durch 
zieht, ein dritter legt sein Messer mit der Schneide beständig 
nach oben, ein vierter dreht Kügelchen aus Brotteig und 
wirft seine Nachbarn damit und ähnliches, alles Vorfälle, 
welche eine Hausftau im hohen Grade erregen können. Da 
diese Dinge ihrem Ordnungssinn zuwider sind, so wird sie 
darauf bedacht sein, dieselben so viel wie möglich zu unter 
drücken. und da sie aus Erfahrung weiß, daß bloßes Er- 
mahnen nicht viel hilft, so sieht sie sich genötigt, dergleichen Un 
geschicklichkeiten und Untugenden als verderbenbringend hinzu 
stellen, sie nimmt also wiederum ihre Zuflucht zum Aber 
glauben. 
Wird Salz verschüttet, so sagen abergläubische Leute, 
es gebe Zank in der Familie; geschieht es bei einem Hoch 
zeitsmahl. so hat die Ungeschicklichkeit eine unglückliche Ehe zur 
Folge. Um sein Gewisien nicht mit solchen Vorwürfen zu 
belasten, wird sich jeder in acht nehmen, daß er kein Salz 
verschüttet, namentlich nicht mutwillig, denn für jedes mut 
willig verschüttete Körnchen Salz muß man einen Tag länger 
an der Himmelsthür warten. Desgleichen wird jeder sein Glas 
so hinstellen, daß es nicht umgestoßen wird, da verschütteter 
Wein, dem Aberglauben zufolge, ein Leichenbegängnis und 
beim Hochzeitsmahl den Tod eines der beiden Ehegatten her 
beiführt. Das Messer mit der Schneide nach oben auf den 
Tisch zu legen, ist noch verderblicher, weil der Teufel auf 
derselben zu reiten pflegt und bei erster, bester Gelegenheit 
die Seele des betreffenden Uebelthäters holt. Aehnlich wird 
es dem ergehen, der das Brot mit der Rückseite auf den Tisch 
legt, was der Hausfrau auch zuwider ist, und wer mit Brot 
spielt oder es mit Füßen tritt, dem fährt die Gicht in Arme 
und Füße und außerdem wird er stets Mangel leiden. Alle 
diese abergläubischen Ansichten verdanken wiederum dem 
Ordnungssinn der Hausfrau ihre Entstehung. In welcher 
Zeit sie entstanden find, wird sich allerdings nicht feststellen 
lassen, aber allzuweit hinauf dürfte ihr Alter nicht reichen. 
Man hat zwar auch bei diesen Ansichten versucht, eine Er 
klärung in alten Sitten und Ansichten zu finden, man hat 
beim Salz auf dessen Weihung und Verwendung bei der 
Glockentaufe, ferner auf die Worte Christi Matth. 5,13 und 
Mark. 9,50 hingewiesen, beim Wein und Brot aus das heilige 
Abendmahl, beim Messer auf die Sense des Todes, aber die 
jenigen, welche den Aberglauben in Umlauf gesetzt haben, 
werden diese Punkte wohl nicht berücksichtigt haben, für sie 
war der praktische Zweck das einzig Maßgebende dabei. 
Wir wollen den Aberglauben, der sich aus der un 
heimlichen Beziehung des Teufels zum Messer weiter ent 
wickelt und auf alle schneidenden und spitzen Gegenstände aus
        
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