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Periodical volume 20. Januar 1894, Nr. 3

Full text: Der Bär Issue 20.1894

-s 36 »- 
liche Pfarrhaus aus und fühlt sich wohl in der Einsamkeit 
dieses echt märkischen Stilllebens. 
Und diese Einsamkeit, dieser Friede soll nun plötzlich ge 
stört und vernichtet werden! Die Militärbehörde hat be 
schlossen. in jener Gegend, zwischen den Dörfern Dallgow, 
Seeburg. Groß-Glienicke. Fahrland und Ferbitz, einen großen 
Schieß- und Uebungsplatz für die Potsdamer und Spandauer 
Garnison anzulegen, und da das Dorf Döberitz inmitten des 
auserwählten Geländes liegt, so wird es demnächst als ein 
hinderliches, verbrauchtes Versatzstück von der Bühne des 
märkischen Sandes verschwinden, es wird geschleift werden. 
Dies ist der Grund, weshalb wir das unbekannte, abseits ge 
legene Dorf zum Gegenstände unserer heutigen Betrachtung 
wählen. Muß es nun einmal, wie so viele vor ihm. dem 
Nutzen und Wohlergehen des Vaterlandes zum Opfer fallen, 
so soll ihm auch ein kleines bescheidenes Denkmal in diesen 
Blättern gesetzt werden. 
Man erreicht Döberitz am leichtesten, wenn man mit 
der Berlin-Lehrter-Bahn nach der Station Dallgow fährt 
und von dort über Dorf Dallgow in südlicher Richtung 
geradeaus fortwandert. Näher und romantischer ist allerdings 
der Weg vom Bahnhof aus am Schweinekuten-Graben ent 
lang durch den Park von Döberitz. doch ist derselbe an 
manchen Stellen sumpfig und verwachsen, so daß ein Verirren 
nicht ausgeschlossen ist. Die Wanderung von Spandau aus 
über Seeburg ist des tiefen Sandes wegen wenig zu em 
pfehlen, am geeignetsten ist der zuerst genannte Weg. 
Das Dorf Döberitz liegt ungefähr in der Mitte eines 
dreieckig gestalteten Plaieaus, welches fich 30 m über den 
Ostseespiegel erhebt und dessen höchster Punkt, der Schwarze 
oder Finken-Berg südlich von Döberitz, die Höhe von 75 nr 
erreicht. Die nördliche Seite des Plateaus erstreckt fich von 
der Havel über Staaken, Dallgow und Rohrbeck bis Dyrotz, 
die westliche folgt von letzterem Ort aus dem Laufe des 
Schöppen- und Ferbltz-Grabens und zieht fich am Krampnitz-, 
Lehnitz- und J»mgfern-See entlang bis Sacrow, die östliche 
endlich folgt dem Laufe der Havel und endet ebenfalls in 
Sacrow. Das Dorf Döberitz liegt ungefähr 41 m über dem 
Ostseespiegel und ist rings von sanft ansteigenden Anhöhen 
umgeben, so daß es in einem flachen Thalkessel gebettet ist, 
wodurch die Anmut seiner Lage bedeutend verschönert wird. 
Der Wanderer, der auf dem Wege von Dallgow oder 
Seeburg fich dem Dorfe nähert, wird überrascht sein von dem 
lieblichen Bilde, das sich ihm darbietet, und wenn er eine 
kleine Verzögerung nicht scheut und die Anhöhe links vom 
Wege ersteigt, wird er sich belohnt finden durch den schönen 
Anblick, den das Dorf mit seiner Umgebung gewährt. In 
der Mitte die ehrwürdige Kirche, umgeben von roten Ziegel 
und gelben Strohdächern, vorn das freundliche Pfarrhaus mit 
seinem lauschigen Garten und seiner mächtigen binsengedecklen 
Scheune, im Hintergründe rechts das schlichte Herrenhaus im 
Schmucke zahlreicher leuchtender Blumen und prächtiger Bäume, 
links auf der Höhe eine einzelne Villa, alles umrahmt von 
alten Laubbäumen und Kiefern, umflutet von goldenem Sonnen 
schein und umweht von Ruhe und Frieden. 
Eine schattige Allee knorriger Eichen und breiiästiger 
Linden führt vom Kreuzungspunkt des Dallgower und See 
burger Weges in gerader Richtung auf das Dorf zu. Am 
Ende dieser Allee erscheint, halbversteckt im Schalten dunkler 
Tannen und Rüstern, das einfache Herrenhaus der Besitzer des 
Rittergutes von Döberitz. das trauliche Heim der Familie 
Rogge. Vor und neben demselben dehnt fich der herrliche, 
umfangreiche Schloßpark aus, linker Hand liegt das Dorf 
Döberitz, welches fich zu beiden Seiten der Straße, die vor 
dem Herrenhaufe eine Kiümmung macht, ausbreitet. Am An 
fang des Dorfes erhebt fich das langgestreckte Försterhaus, an 
dem über der Thür befindlichen Hirschgeweih kenntlich, neben 
demselben die freundliche Behausung des Pfarrers und dieser 
gegenüber auf einer Anhöhe die Kirche, umgeben von Grab- 
Hügeln und Leichensteinen. Die Gehöfte des Dorfes, welche 
fich von der Kirche aus bis zu der obenerwähnten Villa hin 
ziehen, sind teils altersgraue Fachwerkbauten, mit Stroh oder 
Binsen gedeckt, teils neumodische Steinbauten, ohne Bewurf 
und Anstrich, mit Schindeln überdacht, und weisen das all 
gemeine Gepräge märkischer Bauernhäuser auf. 
Bemerkenswert in seiner Bauart ist der Dorfkrug, ein 
altes, aber stattliches Gebäude, welches fich in der Nähe der 
Kirche befindet. Er besitzt vor dem Thorwege einen jener 
Vorbauten, welche jetzt in der Mark ziemlich selten geworden 
find, eine sogenannte Laube, eine Ueberdachung, die vorn von 
zwei Säulen oder Pfeilern getragen wird und nach den 
Seiten zu offen ist. Bedauerlich ist nur. daß die Neuerungs 
sucht des Besitzers dem Hause einen charakteristischen Bestand 
teil gewonnen hat. indem die alten gedrehten Holzfäulen, 
welche ehemals den Vorbau stützten, bei einem Ausbau ent 
fernt und durch zwei geschmacklose rote Backsteinpfeiler ersetzt 
wurden. Leider find die Holzfäulen auch nicht aufbewahrt 
worden, sondern den Weg alles Irdischen gegangen und zum 
Wärmen der Stuben oder zum Backen des Brotes verwendet 
worden. Aber trotz dieses fehlenden Schmuckes hebt fich das 
stattliche Gebäude des Kruges günstig aus der Reihe der ein 
fachen Gehöfte ab und trägt zur Verschönerung des Ortes bei. 
Da die Dorfstraße nach dem südlichen Ausgange zu etwas 
ansteigt und zu beiden Seiten von stattlichen Bäumen ein 
gefaßt ist, so macht das Ganze, vom Pfarrhaus aus gesehen, 
einen recht anheimelnden Eindruck und ladet namentlich an 
schönen Sommertagen den Besucher des Dorfes zu einem 
anspruchslosen Spaziergang ein. 
In diese friedliche Umgebung paßt der einfache, aber stil- 
volle Bau der Dorfkirche vortrefflich hinein. Der schlanke, 
viereckige Turm überragt mit seiner Haube die alten Baum 
riesen. welche das Gotteshaus umgeben, um ein Bedeutendes; 
an ihn schließt sich voll und gewichtig das massiv gebaute, 
quadratische Kirchenschiff, welches von einem hohen Ziegeldache 
gekrönt wird, an, so daß das ganze Gebäude mit seinem hell 
farbigen Bewurf einen freundlichen, aber zugleich imponierenden 
Eindruck gewährt (S. die Abbildung auf S. 36). Der 
Turm ist der Sitte zuwider nach Norden statt nach 
Westen gerichtet, welcher Umstand dem Dorfe im Munde 
der umwohnenden Bevölkerung den Namen „Verkehrt- 
Döberitz" eingetragen hat. 
Auf einigen Stufen steigt man die kleine Anhöhe hinan, 
auf welcher das Gotteshaus im Kranze seiner Gräber liegt, 
und schreitet durch das eiserne Gitterthor der Kirchhofsmauer, 
welches mit zwei Adlerfittichen, dem Helmschmuck des Erbauers, 
geziert ist. über den Friedhof auf das Portal der Kirche zu. 
Laut der über dem Portal befindlichen Inschrift wurde die 
Kirche im Jahre 1712 von dem damaligen Besitzer des Dorfes,
        
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