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Periodical volume 28. Juli 1894, Nr. 30

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Ein Gewand von weißen Linnen, 
Mit Hellen Silberfäden reich durchwirkt. 
Floß um die schlanke, edele Gestalt 
Der holden Jungfrau, deren langes Goldhaar 
Als schönster Schmuck um Haupt und Nacken wallte. 
Im Silbergürtel, einer Hochzeitsgabe 
Des Bischofs, prangt' ein Strauß von blauen Veilchen, 
Die Ehrentraut für ihre neue Freundin 
Im alten Götterhain am Heidensee 
Gepflückt. — 
Wohl dufteten die Frühlingsblumen, 
Die holden Kinder eines neuen Lenzes. 
Doch lieblicher, als ihre blauen Blüten 
Erglühten in den Strahlen reiner Liebe 
Der Jungfrau Augen, die mit leichten Schritten. 
Ein Bild der Jugend und des Ltebesglücks, 
Einherschritt in der Schar von jungen Mädchen. 
Am Burgthor harrte ihrer schon der Zug 
Der Männer, die in reichen Festgewändern 
Den Bräutigam zum Hochzeitsfeste führten. 
Jetzt reichte Guncelin der Maid die Rechte, 
Und wie sie ihre Hand in seine legte, 
Da ruhten ihre Blicke in einander 
In reichem, ungetrübtem Liebesglück. — 
Ja, selig, wer ein treues Herze findet, 
Das unveränderlich in Freud' und Leid 
Die guten und die bösen Tage teilt! 
Dann mag der Nordsturm nur die Wogen türmen, 
Das Schifflein wird im Sturm nicht untergehen. 
Deß Steuer stark und treu die Liebe führt. 
Geteiltes Leid ist nur ein halbes Leid. 
Und zwiefach find die Freuden, die wir teilen 
Mit einem Herzen, das uns wahrhaft liebt. — 
So zogen sie, geleitet von dem Jubel 
Des Volkes, nach dem neuen Gotteshause, 
Und Bischof Berno einte ihre Hände 
Zum festen Bunde für das ganze Leben. — 
* * 
* 
Wohl zog der Ritter manchmal noch sein Schwert 
Zu treuem Dienste seinem edlen Herzog, 
Wenn dort im Osten fich die Heiden rührten. 
Wohl blieb der jungen Frau auch nicht das Leid, — 
Die Sorge fern. 
Doch auf die bösen Tage 
Schien hell die Sonne, und nach manchem Jahre 
Sah Guncelin, daß seines Lebens Arbeit 
Doch nicht vergeblich. 
Seine feste Hand, — 
Des edlen Bischofs menschenfreundlich Thun, 
Gewann den Sieg im rauhen Wendenlande; 
Und wenn der Ritter mit der schönen Gattin, 
Umringt von einer Schar von holden Kindern, 
Zum Dome ging, dann folgt dem edlen Paare 
Manch' Segenswunsch aus dankbar treuem Herzen. 
12. Des alten Helden Grab. 
Im Priemer Wald bei Güstrow. 
Da ragen die Eichen so kühn; 
Es spannen die Buchen, die alten, 
Ihr Laubdach in saftigeni Grün. 
An ihrer bemoosten Borke 
Klimmt Gaisblatt und Hopfengerank. — 
„Für Euren kühlen Schatten, 
Ihr treuen Freunde, habt Dank! 
Hier rührt mich die glühende Sonne. — 
Das Treiben der Menschen nicht; 
Hier unten ist's kühl und schattig, 
Das Laub da droben ist dicht, 
Und wenn die Zweige fich neigen 
Und rauschen im säuselnden Wind, 
Dann fühl' ich mich wohl und geborgen. 
Wie einst als fröhliches Kind." 
Hier, wo am stärksten die Eichen, — 
Wo üppiges Farrenkraut 
Die grauen Wurzeln beschattet, 
Und wo kein menschlicher Laut 
Zu meinen Ohren dringet, 
Da leg' ich zur Ruh' mich nieder: 
Am Fuße des Hünengrabes 
Streck' ich die müden Glieder. 
Still lst's im Wald. Die Vögel 
Verstummten in der Glut 
Der heißen Sonnenstrahlen. 
Am wilden Fingerhut, — 
Am Blütenkelch des Gaisblatts 
Da summt der Bienen Schar. 
Hoch in den Wolken schaukelt 
In weitem Kreis der Aar. 
Und tiefer senkt die Sonne 
Gen Westen ihren Lauf. 
Da steigt am Abendhimmel 
Schwarzes Gewölk heraus. 
Jäh bricht mit Pfeifen und Heulen 
Der wilde Sturmwind los, 
Die ersten Regentropfen 
Fallen ins grünende Moos. 
Das knarrt und ächzt in den Wipfeln, 
Das prasielt aufs Blätterzelt! 
In tiefes nächtiges Dunkel 
Verhüllt fich die blühende Welt. 
Da fährt ein Blitz durch die Wolken 
Mit fahlem, blendendem Schein, 
Mit lautem, dröhnendem Grollen 
Fällt brüllend der Donner ein; 
Zersplittert bricht einer Eiche 
Gewaltige Krone herab, 
Der Sturmwind heult und wütet.
        
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