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Periodical volume 20. Januar 1894, Nr. 3

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Unter Donnerbesen versteht man in der Priegnitz, Ucker 
mark. Grafschaft Ruppin und bis weit ins Mecklenburgische. 
Lübecksche, oldenburgische Fürstentum Lübeck. Lauenburgische 
und Holsteinische hinein besen- oder weichselzopfarnge Ver 
filzungen an Kiefern, Birken und besonders Weiß-Buchen, die, 
von Parafiten hervorgerufen, eigentlich krankhaft find und dem 
Donner (Donar) geweiht waren. Die Verfilzung befindet fich 
meist am Ende eines im übrigen ganz oder fast ganz kahlen 
Astes oder Zweiges, wodurch das Gewächs eben die auf 
fallende Aehnlichkeit mit einem Besen erhält.*) Diese geheimnis 
vollen, dem Volke rätselhaften, natürlichen Besen scheint man 
anfänglich auf die Holzhäuser an der Giebelfirst gegen Blitz- 
und Feuerschaden befestigt zu haben. Später hat man im 
Rohziegelbau der Giebelfelder diese Donnerbesen im 
Mauerwerk nachgeahmt, und zwar entweder aus den roten 
Mauersteinen selbst aufgebaut oder mehr künstlerisch in Stuck, 
Mörtelmasse, Gips und dgl. hergestellt. Auch die Mühlstein 
oder Rad-Mauerung rechts und links im Giebelfelde ist viel 
leicht auf ähnliche mythologische Beziehungen germanischer 
Heidenzeit zu beziehen. Darüber befindet sich das in Mölln 
meist halbkreisförmige, seltener dreieckige Eulenloch. Auf 
dem Lande ist das „Ulenloch" stets offen und dient der 
hausfreundlichen Schleiereule und ihren Verwandten zum 
Ein- und Ausstiegen auf den Kornboden, wo sie als Mäuse- 
vertilgerin ein gern gesehener Gast ist. Gleichzeitig soll nach 
der Urfitte eigentlich hier der Heerd-Rauch abziehen, nachdem 
er das auf dem Kornboden aufgeschütltete Getreide gehörig, 
zur besseren Erhaltung desselben, durchschmaucht hat. Denn 
das älteste Niedersassenhaus kennt keine Schornsteine. Rauch 
und Wrasen mögen fich den Ausweg suchen, wie und wo sie 
können. der „Schmook" schützt vor Nässe, Dumpfigkeit, 
Fäulnis, Rostpilzen u. dgl. Übeln Schmarotzern die Haufen 
des eingeernteten Feldsegens auf dem Schüttboden des Wohn 
hauses. 
Unter solchen Betrachtungen gelangen wir an die steile 
Gasse, an welcher fich auf einer Anhöhe das stattliche, baulich 
recht sehenswerte alte Rathaus in seiner roten Ziegelpracht 
gemütlich und ehrenfest erhebt. Am östlichen Giebel desselben 
weist ein dunkel glasierter Ziegel die Jahreszahl 1373 auf. 
Der Stil ist der gotrsche. Diese nach Morgen belegene, der 
Kirche zugewandte Außenseite ist trefflich erhalten. Einen 
eigenen Schmuck besitzt das Rathaus in einer vor der Haupt 
front angebauten hohen Laube, durch welche man auf hohen 
Stufen das Innere betritt. 
Mit Ungeduld wendeten wir uns der Stadtkirche zu, 
welche den Ort und Umgegend, wie schon angedeutet, mütterlich 
beherrscht. Malerisch belegen, gewährt sie eine gute Umschau 
nach Norden zu. Herumliegende Gefäßreste der grauschwarzen 
unglafierten harten Art, welche das 13. und 14. Jahrhundert 
kennzeichnet, aber noch älter sein können, da sie durch die 
christlichen Deutschen vom Rhein her allmählich ins Land 
*) In und bei Berlin nennt man diese krankhaften Wucherungen 
meist Hexenbesen, bei Berlin sagt man, sie sind wie ein Kenster, d. h. 
wie eine Mistel (Viseum alduwV Man kennt die Hexenbesen, da der 
eigentliche Waldbaum bei uns Pinus silvestris ist, meist aber nur von 
dieser unserer heimischen Kiefer und hält sie auch, als gut gegen Feuer, 
Blitzschlag und Hexerei. Auf diesen Besen reiten die Hexen in der Wal 
purgisnacht zum Blocksberg. Dergleichen Hexenbesen von Pinna silvestris 
habe ich in der Hasenheide, der Jungsernheide, dem Grunewald 
nnd dem Kiefernwäldchen, nahe dem Grundstück der Berliner Schützen- 
gilde in Schön holz, gesehen. 
gebracht wurden, deuten auf eine alte Besiedelung der Stelle.*) 
Gestränch und etwas verwilderte Beetanlagen um die Kirche 
herum stimmen zu deren verwitterten, schmucklosem Aeußern, 
welches infolge wiederholter Brände, namentlich 1408, 
verwüstet wurde. Der ursprüngliche Bau aus dem Anfang 
des 13. Jahrhunderts, schon 1236 errichtet. dürfte noch 
romanische Formen aufgewiesen haben; später ist das Gebäude 
ins Gotische übersetzt worden. Der Turm ist schwerfällig, 
ohne die in der Gegend viel verbreitete schlanke Spitze des 
lübeckischen Kirchenbaustils, vielmehr mit einem hohen Dach, 
auf dem ein schlankes Spitztürmchen prangt. Das Kirchendach 
hat keinen Dachreiter, es sieht vielmehr aus, als sei dieser, 
um besser Ausschau zu halten, auf das Turmdach hinauf 
geklettert. Das Schiff schließt mit der in der Gegend üblichen 
rundlichen Altarapsis. 
Unter Führung des Küsters Köhler betraten wir das 
Innere der Kirche, welches noch von mehreren Fremden be 
sucht wurde. Darunter befand sich ein kleiner, alter Herr, 
Lübecker, nicht rechtskundiger Senator, mit seinem Freunde, 
einem Postdirektor. Beide Herren waren eigens nach Mölln 
gekommen, um in dessen See Hechte zu schleifen oder zu 
bargen, eine Fangart, wobei einer den Kahn so schnell rudert, 
daß der aus Blech gefertigte, mit Stahlhaken besetzte künstliche 
Fisch im Wasser schwebend erhalten wird, durch sein Blinken 
den Hai des Süßwaffers anlockt und zum Zuschnappen ver 
anlaßt. Diesem gesunden und interessanten Sport, von dem 
die neuesten Fischereischutzvorschriften allerdings nichts wissen 
wollen, liegt der Lübecker Stadtvater alle Jahre, wenn die 
Tage kühl und die Wässer klar werden, in der hiesigen Gegend 
unverdrossen ob. Jetzt beteiligte er fich, wie alle Anwesenden, 
eifrig an der Musterung der in der That höchst sehenswerten 
Altertümer. 
(Fortsetzung folgt.) 
Däberitz im OsthaveUande. 
Von Dr. Gustav Albrecht. 
(Mit Abbildungen.) 
Umrauscht von uralten Eichen und Erlen, in lieblicher 
Waldeinsamkeit versteckt, liegt das Dorf Döberitz im Osthavel 
lande, ein Bild idyllischen Friedens und ruh ger Behaglichkeit. 
Obgleich es nur wenige Kilometer von Spandau entfernt ist, 
wird es doch nur selten der Zielpunkt eines märkischen 
Wanderers sein, denn es hat in der Geschichte nie eine große 
Rolle gespielt und vermag auch keine hervorragenden historischen 
Denkwürdigkeiten auszuweisen, daß man es aus diesem Grunde 
aufsuchen würde. Wenn es auch als Geburtsort des Ministers 
von Wöllner ein gewisses historisches Interesse beanspruchen 
darf, so ist diese Thatsache doch nur sehr wenigen bekannt und 
schließlich auch nicht von so großer Wichtigkeit, daß sie zu 
einer Wanderung nach jener Stätte verlocken könnte. Wer 
aber einmal, sei es aus Forschungseifer, sei es durch Zufall, 
das Dörfchen kennen gelernt hat, der fühlt fich immer wieder 
zu diesem lieblichen, idyllischen Ort hingezogen, der sucht öfter 
den prächtigen Park, die romantische Kirche und das freund. 
*) Vgl. meinen Bericht über die mittelalterlichen (deutschen Gefäße 
im KorreSpondenzblatt des Ges ammtvereinS der deutschen 
Gesch. u. AltertumS-Vereine. Jahrg. 37, 1889, S. 167 flg., sowie 
in der Zeitschrift der „Bär".
        
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